Eine Kultur des Erschaffens

cache/images/article_2056_fcz_140.jpg Um dem negativen Image von Fußballfans entgegenzuwirken, hat der FC Zürich in seinem Museum die Sonderausstellung »Fankultur - Szenen aus dem Stadion« gestaltet. Dessen Leiter Saro Pepe Fischer hat dafür sogar den Dauersupport auf Knopfdruck erfunden. Einen gestohlenen Doppelhalter vom Zürcher Derby durfte er trotzdem nicht ausstellen.

Die Schlussworte kommen vom Capo der Südkurve, dem Hooligan aus den 1980er Jahren und dem älteren Saisonabobesitzer. Sie und 27 andere Fans sind auf der großen Leinwand des FC-Zürich-Vereinsmuseums zu sehen, während sie die fünf Fragen beantworten, die sich durch die Sonderausstellung »Fankultur - Szenen aus dem Stadion« ziehen. Die Museumsgestalter wollen die Besucher dazu anregen, genauer über die Fragen nachzudenken, die sich jeder Fußballfan stellt: Wo ist mein Platz im Stadion, wie unterstütze ich meinen Verein, welche Emotionen zeige ich, wie messe ich mich mit anderen und wie will ich Fußball erleben? Der Aufruf zur Selbstreflexion ist offenbar auf fruchtbaren Boden gefallen, die Sonderausstellung in Zürich wurde verlängert und ist jetzt noch bis zum 26. April zu sehen.

ballesterer: Wie ist die Idee zur Ausstellung entstanden?
SARO PEPE FISCHER: Auf persönliche Initiative unseres Präsidenten Ancillo Canepa, allerdings mit einer längeren Vorgeschichte: Im Oktober 2011 hat es in Zürich beim Stadtderby FC Zürich gegen Grasshoppers einen Spielabbruch gegeben. Die Grasshoppers-Fans haben Doppelhalter, die sie den FCZ-Anhängern vier Jahre zuvor gestohlen haben, mit Farbe beschmiert und in der Kurve präsentiert. Davon haben sich viele FCZ-Fans provoziert gefühlt, zwei Leute sind vermummt über die gesamte Gegentribüne gelaufen, und einer hat eine brennende Fackel in den gegnerischen Block geworfen.

Damals gab es eine enorme Aufregung in den Schweizer Medien.
Es war ein riesiger Skandal, schließlich war es der erste Spielabbruch seit Langem in der Schweiz. Die Medien haben das natürlich noch zusätzlich aufgebauscht. Wenige Wochen später hatten wir im FCZ-Museum eine Sitzung, bei der Vereinspräsident Canepa gesagt hat, dass ihm das Thema Fankultur sehr am Herzen liegt und er aufgrund der aktuellen Ereignisse gerne eine fundierte Ausstellung dazu hätte. Der Verein hat also nicht auf Repression gesetzt, sondern wollte den Dialog forcieren. Die Aufarbeitung unserer Fangeschichte sollte helfen, die Gräben zu überbrücken, die zwischen den Gruppen innerhalb des Vereins, wie Fans und Sponsoren, entstanden waren.

Worauf liegt der Fokus der Ausstellung?
Unser Museumsteam steht seit 20 Jahren in der Fankurve. Wir kennen uns mit der Materie aus, also haben wir versucht, Themen zu finden, die uns selbst interessieren. Viele Dinge, die heute diskutiert werden, wie Gewalt im Stadion, Singen oder Pyrotechnik, haben ja eine lange historische Entwicklung, die wir abbilden wollten. Die Ausstellung zeigt, welche Leute warum ins Stadion gehen und wie die Medien auf bestimmte Ereignisse reagieren.

Die Ausstellung ist in einem sehr schlichten Stil gehalten, warum?
Wir wollten damit den gestalterischen Stil der Stadionkultur nachempfinden. Wir haben mit rohem Holz gearbeitet, es wurde verschmiert, beklebt, alles sieht bewusst handgemacht aus. Auch die Fußballfans in der Schweiz basteln seit 40 Jahren alles selber - die Fahnen, die Choreografien, es gibt immer eine Kultur des Erschaffens. Das haben wir mit dem Stil der Ausstellung abbilden wollen.

Wenn man reinkommt gibt es zwei Bereiche: die Außensicht der Medien und die Innensicht der Fans. Was soll dieses Konzept vermitteln?
Wir haben den Innensichtbereich in fünf Stationen unterteilt. Die Besucher können so verschiedene Themengebiete erforschen, sollen dabei aber auch das eigene Fandasein hinterfragen. Das ist atmosphärisch und spielerisch umgesetzt. Bei der ersten Station unter dem Motto »Wo ist mein Platz?« gibt es einen Fragebogen, den die Besucher auf einem Touchscreen ausfüllen können. Man kann sich da durchklicken, und am Ende kommt ein bestimmter Fantyp raus, also FCZ-Fan, Sitzplanhooligan oder so. Das ist nicht ganz ernst gemeint, soll aber schon zeigen, dass der Ort, den man im Stadion wählt, schon auch eine Ansage ist. Hinter dem Touchscreen hängt ein Stadionplan, auf dem die Besucher ihren Platz mit einer Nadel markieren können. Wir sehen mittlerweile, welche Leute die Ausstellung besucht haben, denn das Stadion füllt sich schön langsam mit Nadeln.

Und was passiert dann im nachempfundenen Stadion?
Bei der Station Unterstützung haben wir uns das Thema Singen herausgepickt. Das löst ja auch immer wieder Polemiken aus, gewisse Leute in meinem Alter stören sich am Dauergesang. Wir zeigen die Zusammenfassung von unserem legendären 6:0-Sieg gegen den Grasshopper Club vor zwei Jahren. Der Zusammenschnitt ist stumm, aber die Besucher können per Knopfdruck verschiedene Fangesänge einspielen. Vor dem Bildschirm haben wir zusätzlich ein Megafon aus der Südkurve aufgestellt, sodass die Besucher die Mannschaft zum 6:0 schreien können.

Man kann also wählen, wie viel gesungen wird - ob Dauergesang oder spontane Anfeuerungsrufe?
Ja, aber man ändert den Spielverlauf nicht, wenn man weniger anfeuert. Das ist ja im richtigen Leben auch so. Die Ultras würden mir jetzt sicher widersprechen. (lacht)

Auslöser der Ausstellung waren ja Auseinandersetzungen beim Derby. Wie wird das Thema Gewalt behandelt?
Wir haben dem Wettbewerb, also der Frage »Wie messe ich mich mit anderen?« eine eigene Station gewidmet. Dabei wird auch das Thema Gewalt behandelt - das reicht von Schlägereien bis zur Hooligan- und Rechtsradikalenthematik aus den 1980er Jahren. Im Fußballumfeld gibt es aber auch heutzutage noch Auseinandersetzungen auf den Tribünen. Auch in Zürich, sonst würden ja keine Spiele abgebrochen werden. Das Hauptexponat dort ist einer dieser Kapuzenpullis mit eingenähtem Gesichtsschutz aus der Südkurve. So einen hat auch der Typ getragen, der beim Derby die Fackel geschmissen hat. Dieser Pullover war die Bildikone in den Medien.

Ist das der Originalpullover?
Nein, aber ein Stück aus dieser Reihe. Die Südkurve produziert ja eigene Fanartikel. Es ist ein pikantes Detail, dass die Vorrichtung zur Vermummung schon eingebaut ist. Es sagt schon viel aus, dass man sich im Stadion bei gewissen Übertretungen auch verstecken muss.

Nimmt die Ausstellung auf weitere Vorfälle von dem Derby Bezug?
Wir wollten eigentlich einen der Doppelhalter ausstellen, die von den Grasshoppers-Fans gestohlen wurden. Die haben sie nämlich nach den Tumulten bei dem Spielabbruch liegengelassen und die FCZ-Fans haben sie wiederbeschafft. Den hätten wir gerne als Hauptausstellungsstück gehabt, aber das ist kurvenpolitisch nicht durchgegangen. Verständlicherweise wollten die Fans das nicht auch noch im Museum anschauen müssen, der bleibt jetzt für immer unter Verschluss. (lacht)

Wir haben über die internen Motive der Ausstellung gesprochen, was wollten Sie gegenüber einer größeren Öffentlichkeit bewirken?
Unser Ziel war auch hier, einen Dialog anzuregen. Wir sind das Projekt sehr offensiv angegangen - mit der Hoffnung, dass das Thema künftig in Gesellschaft und Medien weniger polemisch behandelt wird.

Gibt es für die Hoffnung denn jetzt mehr Anlass?
Die Medien haben der Ausstellung viel Aufmerksamkeit zukommen lassen, sie ist sehr breit rezipiert worden. Regionale und nationale Zeitungen haben darüber berichtet, auch im Radio und im Fernsehen hat es Beiträge gegeben. Die Veranstaltungen, die im Rahmen der Ausstellung stattgefunden haben, beispielsweise zur Pyrotechnik, sind sehr gut besucht worden.

Ist dort kontrovers diskutiert worden?
Die Diskussionsteilnehmer und das Publikum sind eventuell zu homogen in ihren Meinungen gewesen und waren sich schnell in gewissen Punkten einig. Das liegt aber auch daran, dass extreme Hardliner unseren Einladungen nicht nachgekommen sind. Zu einer Podiumsdiskussion haben wir zum Beispiel die Polizei eingeladen, sie hat abgelehnt, mit der Begründung, unsere Ausstellung sei zu einseitig konzipiert. Trotzdem ist es wichtig gewesen, zu erfahren, was ein Staatsanwalt oder FC-Basel-Präsident Bernhard Heusler zum Thema Repression denken.

Was sind denn die Erkenntnisse der Diskussionen?
Wir haben gesehen, dass ein Brückenschlag zwischen Fans und Vereinen machbar ist. Ob die Ausstellung den Dialog nachhaltig beeinflusst hat, ist schwierig zu sagen. Wenn, dann auf jeden Fall durch den Ausstellungskatalog, den wir in Kooperation mit dem Fußballmagazin zwölf konzipiert haben. Der ist auch an Politiker verschickt worden und stellt eine der maßvolleren Stimmen in der Debatte dar. Er hat sich in der ganzen Schweiz etwa 4.000-mal verkauft. Die Bestellungen sind sogar aus abgelegenen Dörfern gekommen. Wir hoffen, dass die Konfliktparteien in Zukunft mehr auf ein Mit- als auf ein Gegeneinander aus sind.

Wie waren die Reaktionen der Besucher?
Es haben sich sehr viele FC-Zürich-Fans die Ausstellung angeschaut, auch Fans aus anderen Städten wie St. Gallen, Basel und Luzern sind gekommen. Insgesamt waren es aber eher die jungen interessierten Leute aus der Szene. Die Reaktionen sind gut gewesen, aber es haben sich nicht viele Kritiker ins Museum verirrt.

Glauben Sie, dass Fußballfans dank der Ausstellung in Zukunft medial ausgewogener dargestellt werden?
In der Schweiz gibt es Medien, die differenziert berichten, aber das Gros der Presse wird das Thema weiter aufheizen. Negativschlagzeilen funktionieren einfach besser. Unschöne Ereignisse werden auch in Zukunft mehr Platz in der Berichterstattung über Fans haben. Beispielsweise kommen in der medialen Debatte um das sogenannte Hooligan-Konkordat, das den Alkoholverkauf verbieten und Gästefans zur Anreise in speziellen Verkehrsmitteln zwingen soll, moderate Stimmen oder Gegner kaum zu Wort. In den meisten Medien wird leider die harte Linie als Lösung favorisiert.

ZUR PERSON

Saro Pepe Fischer (41) leitet seit 2010 das ­Museum und das Klubarchiv des FC Zürich. ­Früher führte er mit Freunden die »Flachpass-Bar« im alten Stadion Letzigrund. Gelegentlich schreibt er im Schweizer Fußballmagazin zwölf und auf dem Blog knappdaneben.net.

Referenzen:

Heft: 81
Rubrik: Fansektor
Thema: Schweiz, Ultras
Verein: FC Zürich
ballesterer # 114

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