Sundermeyer legt keinen gesteigerten Wert darauf, zu seinen Lesern auf Distanz zu gehen. Das wird schon im ersten Kapitel offensichtlich, in dem er erzählt, wie er vor einigen Jahren nach übertriebenem Wodkakonsum in der Ausnüchterungszelle des Stadions in Posen gelandet ist. Seine Texte basieren auf zahlreichen persönlichen Erlebnissen und Interviews mit Fans, Funktionären und Politikern. Auch zu Oligarchen wie Karpaty-Lwiw-Präsident Pjotr Deminski und Olexandr Jaroslawskyj, dem Finanzier von Metalist Charkiw, konnte er vordringen.
Einziger Wermutstropfen: Das vermittelte Bild, wonach viele polnische und ukrainische Fans rechtsradikal sind, ist zweifelsohne richtig. Dennoch wirkt Sundermeyers Herangehensweise ein bisschen voreingenommen. Als nicht dienlich in dieser Hinsicht erweist sich auch die teilweise willkürlich anmutende Fotoauswahl.
ballesterer: In Ihrem Buch schreiben Sie, Ihr Interesse am osteuropäischen Fußball sei zunächst privater Natur gewesen. Wie wurde es geweckt?
OLAF SUNDERMEYER: Ich bin schon solange ich denken kann an Fußball interessiert. Als Radioreporter beim Rundfunk Brandenburg in Frankfurt an der Oder habe ich mich viel mit Polen befasst. Der EU-Beitritt, die Korruption und die polnischen Hooligans waren gute Anknüpfungspunkte zu meinem Job. Aber ich war ja nicht Sportreporter. Ich bin also privat oft zum Fußball nach Polen gefahren, Posen und Stettin waren ja gleich ums Eck.
Was war das beste Stadionerlebnis, das Sie in Polen und der Ukraine hatten?
Das war bei einem Warschauer Derby zwischen Legia und Polonia. Ich war mit der Kamera unterwegs und bin gemeinsam mit einem Freund von Legia-Hools attackiert worden. Bevor sie uns angreifen konnten, haben sich Hooligans von Polonia vor uns gestellt. Die hatten mitbekommen, dass wir aus Deutschland waren und uns für polnischen Fußball interessierten. Sie waren froh, dass sich jemand mit ihnen auseinandersetzt. Fußball ist ein universelles Kommunikationsmittel. Du redest dadurch mit Leuten, mit denen du sonst vielleicht nie sprechen würdest.
Es wird viel über die Schattenseiten geschrieben, was sind die positiven Reize des osteuropäischen Fußballs?
Das Unerwartbare ganz egal, ob es sich dabei um die Landschaft, die Städte oder den Fußball handelt. Ich bin oft in Situationen gekommen, die ich in Deutschland nie erlebt hätte. Aber auch in Polen merkt man schon die Zähmung und Modernisierung des Sports. Speziell bei der EM wird das Authentische am Ostfußball nicht bemerkbar sein. Das liegt schon allein an den neu errichteten Stadien. Es sagen ja viele Ultras, dass sie die Endrunde nicht interessiert.
Wie stehen Sie zu den Boykotterklärungen diverser europäischer Politiker?
Ich habe vereinzelt das Gefühl, dass das ein wenig populistisch sein könnte. Es ist aber auch eine Möglichkeit zu zeigen, dass da etwas nicht stimmt. Ich fände es aber sinnvoll, wenn Politiker in die Ukraine gehen und dort ausdrücklich auf Missstände hinweisen. Auch Journalisten sollten das machen und nicht nur über die tollen neuen Stadien schreiben. Ein sportlicher Boykott hingegen würde nichts bringen, das hat man in der Vergangenheit ja schon mehrmals gesehen.
Olaf Sundermeyer
»Tor zum Osten. Besuch in einer wilden Fußballwelt«
(Die Werkstatt, 2012)






erscheint am 12. Juli 2013.
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