Englands bester Bobby

cache/images/article_2586_he_centre_for_school_desi_140.jpg

Mit ihm wurde England Weltmeister und Manchester United die beste Mannschaft Europas. Bobby Charltons Karriere ist voller Erfolge. Die Tragödie von München prägte seinen Charakter. Eine Hommage an einen ganz großen Fußballer, der neben dem Platz immer bescheiden geblieben ist. 

Clemens Zavarsky | 04.04.2016

Die Zeiten, in denen er die Massen in Old Trafford begeisterte, sind vorbei. Heute kann Bobby Charlton ziemlich unbehelligt durch Manchester spazieren. Ab und zu muss er ein Autogramm geben, aber das war’s. Allzu viele haben ihn nicht mehr spielen sehen. Doch die, die ihn spielen sahen, schwärmen noch immer davon. Sie nennen ihn »Our Bob«, unseren Bob. Seine Leistungen für Manchester United und das englische Nationalteam bleiben unvergessen. National hat er alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt, er war Weltmeister und Meistercup-Sieger. Am 11. Oktober ist Bobby Charlton 75 Jahre alt geworden.

Schnell und schussstark
Robert Charlton wuchs in der Kohlestadt Ashington im Nordwesten Englands auf. Das fußballerische Talent wurde ihm in die Wiege gelegt, denn Mutter Cissie kam aus der berühmten Milburn-Familie. Alle ihre vier Brüder waren Profifußballer, sie selbst hatte ebenfalls ein Faible für das Spiel und unterwies bis in ihre Siebziger Schulkinder im Umgang mit dem Ball. Als sie das Talent ihres jüngeren Sohns erkannte, versuchte sie alles, um ihn zu fördern. Der um zwei Jahre ältere Jack wurde dabei mitunter vernachlässigt.

Schon früh zeigten sich beim kleinen Robert die Qualitäten, die ihn später zu einem der besten offensiven Mittelfeldspieler Europas machen sollten: Technik, Spielverständnis und eine immense Schussstärke. Der Großvater der Charlton-Jungs, ein Leichtathletiktrainer, machte mit Klein-Bobby Schnelligkeitsübungen. Dessen Idol war der große Stanley Matthews. »Kein Spieler war auf den ersten zehn bis 15 Meter schneller als Matthews«, schwärmte Charlton. Später sollte das seine größte Stärke werden. Jack Charlton erinnerte sich: »Ich war robuster als er. Sobald der Ball in der Luft war, hatte Bobby keine Chance. War er am Boden, hatte ich keine Chance.« Jack sollte in seiner Karriere viele Tore verhindern, Bobby schoss sie.

Der Name Bobby Charlton machte erstmals nach einem Spiel der englischen Schulauswahl gegen Wales bei den Teams der obersten Liga die Runde. Seine Mutter erzählte später: »Manchmal ist ein Scout in der Küche gesessen, während der nächste schon im Vorzimmer gestanden ist. Sie haben uns die Welt angeboten. Einer wollte uns 800 Pfund geben, ein anderer sagte, er würde jedes Angebot verdoppeln.« Bobby Charlton spielte bereits als Junge mit den Erwachsenen, mit fünfzehn Jahren 1953 wechselte er in die Jugendmannschaft von Manchester United. Bruder Jack absolvierte zu dieser Zeit seinen Militärdienst. »Der ganze Nordwesten Englands kannte damals schon seinen Namen. Mich hat keiner gekannt. Aber das war okay«, erinnert sich Jack Charlton in einer BBC-Doku von 2011.

Im größten Fabrikgelände Europas
»Da ist ein Schuljunge mit blondem Haarschopf gestanden, der sein Markenzeichen wurde. Ebenso wie danach seine Glatze«, sagt Bill Foulkes, fünfzehn Jahre lang Teamkollege von Bobby Charlton, über den ersten gemeinsamen Tag in Manchester. Charlton hatte für die Karriere als Fußballer seine Lehre als Elektriker abgebrochen. Bei der Ankunft holte ihn Jimmy Murphy, Co-Trainer von Matt Busby und Charltons späterer Mentor, ab. »Ich habe gefragt: ›Fahren wir gleich nach Old Trafford?‹ und er hat geantwortet: ›Ja.‹ Ich war gespannt, habe aus dem Fenster geschaut und das Stadion gesucht. Ich habe noch einmal gefragt: ›Wo ist es?‹ und er hat geantwortet: ›Im Trafford Park.‹ Und ich verlor mich in einer romantischen Vorstellung von einer langen, wunderschönen Allee, flankiert von zahlreichen Bäumen und Wiesen, an deren Ende dann das Stadion auftauchen sollte«, erzählt Charlton. »Dass der Trafford Park zu der Zeit das größte Fabrikgelände Europas war, habe ich noch nicht gewusst.«

Sein erster Einsatz für die Profimannschaft und die ersten Tore kamen drei Jahre später und waren nicht geplant: »Ich habe mich in einem Spiel mit der Reserve am Knöchel verletzt und war zwei Wochen out. Danach hat mich Matt Busby in sein Büro geholt und sich nach der Verletzung erkundigt. Ich habe gesagt, mir gehe es gut. Er hat mir die Hand gegeben und gesagt: ›Du spielst morgen in der ersten Mannschaft.‹« Beim 4:1 gegen Charlton Athletic erzielte er zwei Tore.

Auf und abseits des Spielfelds harmonierte Charlton vor allem mit Duncan Edwards, mit dem er auch beim gemeinsamen Militärdienst das Zimmer teilte. »Wir haben unseren Dienst am Vaterland versehen und nebenbei trainiert«, sagt Bobby Charlton rückblickend. »Ich hätte nie von mir behauptet, dass ich der Beste war. Das war eindeutig Edwards.« Duncan Edwards galt als vielleicht größtes englisches Talent. Bis zum 6. Februar 1958.

»Sie sind alle tot«
Die junge Mannschaft von Manchester United, die »Busby Babes«, waren mit einem 3:3 gegen Roter Stern Belgrad ins Europacup- Halbfinale aufgestiegen, als ihr Flugzeug nach einer Zwischenlandung in München abstürzte. Bobby Charlton wurde aus dem Flugzeug geschleudert, sein Teamkollege Harry Gregg rettete ihn: »Ich taumelte aus dem Flugzeug und habe zwei Körper im Schnee liegen gesehen. Bobby Charlton und Dennis Violett. Ich habe gedacht, sie wären tot. Ich habe beide aus der Gefahrenzone gezogen und erst da bemerkt, dass ihre Augen zuckten.« Charlton selbst sprach lange nicht über die Katastrophe. »Er hat danach nur mehr selten gelacht«, sagte sein Bruder Jack. »Wir haben bei Leeds United nach dem Training erfahren, dass die Maschine abgestürzt ist und keiner überlebt hat. Ich bin sofort nach Hause gefahren. Meine Mutter saß in der Küche – mit einem Brandy in der Hand. Sie hat sonst nie getrunken. Eine Nachbarin war gekommen und hatte ihr gesagt, alle seien tot.« David Meak, Journalist der Manchester Evening News, sagte über die Bedeutung der Tragödie von München in Charltons Leben: »Bobby fuhr als Junge nach München, aber er kam als Mann zurück.«

Matt Busby baute eine neue Mannschaft auf, mit Jimmy Murphy, der nicht im Flugzeug saß, und Bobby Charlton als Herzstück des Teams. Zuerst auf dem rechten Flügel postiert, orientierte er sich immer mehr ins zentrale Mittelfeld. Matt Busbys Plan ging auf. FACup- Sieg 1963 mit einem 3:1 im Finale gegen Leicester City. Zwei Meisterschaften folgten 1965 und 1967, der Sieg im Meistercup 1968 war die Krönung von Charltons Vereinsfußballkarriere. Bis heute ist er mit 249 Toren Rekordtorschütze von Manchester United. Mit 606 Ligaspielen liegt er ebenfalls auf Platz eins. Nur in der Summe aller Spiele in Rot und Weiß überholte ihn Ryan Giggs letzte Saison. Bobby Charlton war kein Genie am Ball wie Pele, kein Torjäger wie Eusebio und auch nicht mit Ferenc Puskas oder Alfredo di Stefano zu vergleichen. Aber seine Ausdauer, seine Schnelligkeit und sein effizientes Passspiel – egal ob kurz oder lang – suchten seinesgleichen. George Best schrieb in seiner Autobiografie »Blessed«, dass United-Stürmer Denis Law schon seit den frühen 1960ern »Sir Bobby« zu Charlton gesagt habe. Wegen seiner Spielweise und seiner Bescheidenheit. Charltons späterer Teamkollege in der englischen Nationalmannschaft, Geoff Hurst, nannte das einen der sympathischsten Charakterzüge von Bobby Charlton: »Er hat selber nie gewusst, wie gut er war. Deswegen ist er auch immer am Boden geblieben.«

Ein Moment für die Ewigkeit
Zwei Monate nach dem Flugzeugabsturz von München gab Charlton sein Debüt für England im Spiel gegen Schottland. »Ich vermute bis heute, dass mir der Einsatz nur aus Mitleid gewährt wurde«, sagte er immer wieder. Vor 134.000 Zuschauern im Glasgower Hampden Park erzielte der damals 21-jährige ein Tor per Weitschuss. Sein Markenzeichen. »Ich erinnere mich noch gut daran. Das Publikum war gegen uns und ich sehe den Ball noch immer im Kreuzeck landen. Alles, was man dann gehört hat, war Stille.« 105 weitere Länderspiele sollten folgen. Seine 49 Tore sind im Nationalteam bis heute unerreicht. Gary Lineker, mit 48 Treffern einen Rang dahinter, sagt: »Im Gegensatz zu mir hat Bobby nicht so viele Abstaubertore gemacht. Er hat sich die Bälle aus dem Mittelfeld geholt und sie auch schon mal aus vierzig bis fünfzig Metern ins Tor gedonnert.« Dabei verlief Charltons Teamkarriere anfangs schleppend. Bei der WM 1958, als England bereits in der Vorrunde die Heimreise antrat, war er nur Ersatzspieler. 1962 in Chile erreichten die Engländer das Viertelfinale und unterlagen dem späteren Weltmeister Brasilien.

Seine große Stunde sollte 1966 kommen. Mit seinem Tor zum 1:0 gegen Mexiko im zweiten Gruppenspiel legte er den Grundstein für die englische Fußballparty. »Ich habe den Ball am eigenen Strafraum bekommen und bin gelaufen und gelaufen. Die Mexikaner sind immer weiter zurückgewichen. Als ich an der 20-Meter-Marke war, habe ich mir gedacht: ›Jungs, wenn ihr mich nicht angreift, mache ich den rein‹«, sagte Bobby Charlton der BBC. Vom Finale zwischen England und Deutschland wurde erwartet, dass es zum großen Duell zwischen Franz Beckenbauer und Bobby Charlton kommen würde. Franz Beckenbauer erinnert sich: »Unser Teamchef Helmut Schön ist vor dem Match zu mir gekommen und hat gesagt, ich soll Bobby Charlton decken. Er war damals vielleicht der beste Fußballer der Welt.« Charlton selbst wiederum erzählt von der Teamansprache des englischen Trainers Alf Ramsey: »Er hat mir gesagt, ich soll Franz Beckenbauer decken. Ich wollte das eigentlich nicht, weil meine Art des Spiels immer der Angriff war. Aber wenn es dem Team hilft, habe ich gesagt, dann mache ich es.«

So schalteten sich die beiden gegenseitig aus. Das Resultat ist bekannt und ein Bild ging um die Welt: Bobby und Jacky Charlton nach dem Schlusspfiff, auf die Knie gesunken und einander umarmend: »Er hat zu mir gesagt: ›Kiddo, kannst du das glauben?‹«, erzählt Bobby Charlton. »Ich habe gesagt: ›Unser Leben wird nie wieder so sein wie vorher.‹ « Bis heute gibt es in England den Spruch: »Die WM 1966 haben Gordon Banks Hände, Bobby Moores Herz, Geoff Hursts Tore und Bobby Charltons Verstand gewonnen.«

Lucky Lad
Vier Jahre später hatten die Deutschen im Viertelfinale in Mexiko das bessere Ende für sich. 1973 beendete Charlton seine Karriere. Ein kurzer Ausflug ins Trainergeschäft bei Wigan und Preston North End war wenig erfolgreich, 1984 wurde er in den Vorstand von Manchester United gewählt. 1994 schlug ihn Queen Elisabeth II. zum Ritter. 2005 sorgte er unter den Fans für Kontroversen, als er sich auf die Seite des unbeliebten Eigentümers Malcolm Glazer stellte. Aber Charlton ist die »One Man History« von Manchester United und somit unantastbar. Außer für sich selbst. Als er bei einem BBC-Dreh über den Rasen spazierte, flüsterte er nach einem Blick gen Himmel nur vor sich hin: »Man, what a lucky lad I am.« 


Foto: T
he Centre for School Design, flickt.com, CC BY 2.0

Referenzen:

Heft: 76
Thema: Bobby Charlton, Weltmeisterschaft 1966
ballesterer # 120

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 13.04.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png