Erfolgreiche Werksausgabe

Das Machtgefüge im deutschen Frauenfußball ist erschüttert: Mit dem VfL Wolfsburg taucht in den nationalen und europäischen Siegerlisten ein neuer Name auf. Während andere Vereine nach der Weltmeisterschaft 2011 kriseln, zeigt der von Volkswagen finanzierte Klub einen dritten Weg im Frauenfußball auf.
Nicole Selmer | 15.07.2013

»Sieben VfLerinnen im erweiterten EM-Kader«, vermeldeten die Wolfsburger Nachrichten Mitte Mai, als die deutsche Teamchefin Silvia Neid ihr vorläufiges 28-Frauen-Aufgebot für die Europameisterschaft in Schweden bekanntgab. Seither haben Verletzungen und Krankheiten drei der sieben Wolfsburg-Spielerinnen wieder aus dem Kader geworfen, dennoch steht fest: Die Verteilung der im Nationalteam vertretenen Vereine hat sich seit der WM im eigenen Land verändert. Vor zwei Jahren dominierten die »Großen Drei«, Frankfurt, Potsdam und Duisburg, auf nationaler wie internationaler Ebene. In der aktuellen Saison gelang dem VfL Wolfsburg das Triple: Meisterschaft, Cup und Champions League. In London besiegten die Wolfsburgerinnen das favorisierte Olympique Lyon, den Champions-League-Gewinner der letzten zwei Jahre.

Das Gesamtpaket
Zwölf Jahre ist es her, dass sich in der deutschen Meisterschaft zuletzt ein Klub zwischen die Seriensiegerinnen aus Potsdam und Frankfurt schieben konnte. Dem Team eines Männerbundesligisten gelang das überhaupt erst einmal, 1976 dem FC Bayern - in einer anderen Zeitrechnung des Frauenfußballs, nur sechs Jahre nach Aufhebung des Spielverbots durch den Deutschen Fußball-Bund. »Es riecht nach Wachablösung«, hieß es in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, und tatsächlich wirkt es, als würde Wolfsburg für die lange prophezeite Konkurrenzbelebung im deutschen Frauenfußball sorgen. In den beiden Jahren nach der WM sind Spielerinnen wie Conny Pohlers, Nadine Keßler und Josephine Henning aus Frankfurt und Potsdam nach Wolfsburg gekommen. Alexandra Popp, der prominenteste Neuzugang, entschied sich beim Abgang vom FCR Duisburg Anfang 2012 gegen ein Angebot aus Frankfurt und für den VfL. Das Gesamtpaket habe den Ausschlag gegeben, sagte die Teamstürmerin.


Dieses Paket enthält mehr als nur Euro-Scheine. Mit welchem Etat die vom Autohersteller Volkswagen finanzierte Frauenabteilung in Wolfsburg operiert, ist nicht bekannt. Höher als der Rekordetat des 1. FFC Frankfurt - von Manager Siegfried Dietrich mit 1,8 Millionen Euro beziffert - ist er vermutlich nicht. Denn im allenfalls semiprofessionellen Frauenfußball geht es um mehr als Geld. Wertvoller für die Spielerinnen ist eine Perspektive für die Zeit nach dem Fußball. Hier kann der VfL oder, genauer, Volkswagen, dank bester Konzernbeziehungen viel möglich machen. Im Fall von Alexandra Popp bedeutete das, ihr die ersehnte Ausbildung zur Tierpflegerin im Zoo des benachbarten Hannover zu ermöglichen. Ein weiterer Standortvorteil des VfL: Im kleinen Wolfsburg ist alles nahe beieinander, und die vorhandene In­frastruktur steht den Frauen zur Verfügung. Sie trainieren im Nachwuchsleistungszen­trum der Männer, der Bau eines neuen Stadions für das Frauenteam und die U23 der Männer hat gerade begonnen. Zum Vergleich: Der FC Bayern München lässt seine Fußballerinnen neben der Autobahn am Rande der Stadt trainieren und spielen, weit entfernt von der Allianz Arena sowie von Geschäftsstelle und Trainingsgelände an der Säbener Straße.


Die Frauenfußballsektion in Wolfsburg kann zwar erst auf eine zehnjährige Geschichte zurückblicken, diese entwickelt sich aber positiv. Ralf Kellermann trainiert das Team seit 2008 und setzt dabei auf kontinuierlichen Aufbau. Kontinuität, von der der FFC Frankfurt weit entfernt ist: Manager Dietrich hat mit Lira Bajramaj zwar die bekannteste deutsche Spielerin geholt, im vergangenen Jahr jedoch auch drei Trainer entlassen. Mit Platz drei in der Liga verpasste Frankfurt die Qualifikation für die Champions League. Beim langjährigen Rivalen Turbine Potsdam hingegen ist für Trainerkontinuität gesorgt, dort steht wie eh und je Bernd Schröder an der Linie. Dennoch - oder auch deswegen - verließen in den vergangenen Jahren zahlreiche Schlüsselspielerinnen den Verein. Potsdam wurde nach einigen Durchhängern in der Liga noch Zweiter und verlor das Pokalfinale.

Krisenzeiten
Den aktuellen kleinen Krisen zum Trotz: Frankfurt und Potsdam werden dank ihrer vorhandenen Infrastruktur und des großen Sponsorenportfolios auch in Zukunft oben mitspielen. Hart hat es hingegen den kleinsten der ehemals »Großen Drei« getroffen: 2009 gewann der FCR Duisburg den Europacup, im Jänner 2013 musste er Insolvenz anmelden. Man habe auf Pump gelebt, sagen Vereinsvertreter, und mit der zunehmenden Professionalisierung und Kommerzialisierung des Frauenfußballs nicht mehr mithalten können. Die Sponsoren des FCR stammen aus der angeschlagenen lokalen Wirtschaft des Ruhrgebiets, ein die WM überdauerndes Engagement größerer Partner blieb aus.

 

Der WM-Kater hat auch einen anderen Traditionsverein getroffen, der SC 07 Bad Neuenahr hat im Mai Insolvenz angemeldet. Grund: Schulden aus den vergangenen Jahren und der Rückzug von Sponsoren wie der Deutschen Bahn. »Für den Frauenfußball ist es natürlich schade, dass sich ausgerechnet zwei Traditionsvereine in diese Situation gebracht haben«, sagt Heike Ullrich, die Abteilungsleiterin Spielbetrieb beim DFB. »Beide Fälle haben sich seit einiger Zeit angekündigt, und insbesondere die in der Vergangenheit angehäuften Verbindlichkeiten haben zu den Insolvenzen geführt.« Während es Duisburg Ende Juni unter Leitung der Insolvenzverwaltung in letzter Sekunde gelang, die notwendigen 200.000 Euro für den Verbleib in der Bundesliga zu sichern, meldete Bad Neuenahr das Team nach Saisonende aus der Liga ab. Strengere Zulassungskriterien sollen Fälle wie diese in Zukunft verhindern. »Im Bereich der wirtschaftlichen Kennzahlen fehlt ein Durchgriffsrecht, da die von den Vereinen eingereichten Zahlen keiner Prüfung einer unabhängigen, neu­tralen Position wie einem Wirtschaftsprüfer unterliegen«, sagt Ullrich. »Um diese Lücken zu schließen, diskutieren wir mit den Vereinen die Einführung eines Ligastatuts.«

Ein dritter Weg
Das stärkere Engagement des VfL Wolfsburg hat den Wettbewerb in einem kleinen Markt weiter verschärft. Anders als die Frauenfußballklubs ist der Werksverein gegen abspringende Sponsoren und Konjunkturschwankungen abgesichert. Und anders als beim Hamburger Sport-Verein hat der sportliche Misserfolg der Männer in Wolfsburg keine negativen Folgen für die Frauen. In Hamburg hatten die Männer die Europa League verpasst, es wurde gespart - unter anderem am Frauenfußball. Der HSV meldete im Sommer 2011 das zweite, ein Jahr später das erste Frauenteam aus der Liga ab.


Mit Bayern München, dem SC Freiburg, Bayer Leverkusen und Wolfsburg sind vier Teams eines Männerbundesligisten in der Zwölferliga vertreten. In der kommenden Saison wird die TSG Hoffenheim 1899 dazustoßen - wie Leverkusen und Wolfsburg kann sich auch Hoffenheim auf einen großen Einzelsponsor verlassen: Softwarehersteller SAP mit seinem Gründer Dietmar Hopp. Von den Fans im Männerfußball werden die Werksvereine für ihren Mangel an Tradition und Herzblut belächelt und verachtet. Mit ihren wirtschaftlichen und strukturellen Rahmenbedingungen könnten sie jedoch für den Frauenfußball einen dritten Weg zwischen kriselnden Frauenfußballklubs und desinteressierten Männertraditionsvereinen darstellen. Für die Wolfsburger Funktionäre ist Frauenfußball auch nach der Weltmeisterschaft ein interessanter Imagefaktor. »Er liefert genau das, was der Konzern sehen will«, sagte Geschäftsführer Thomas Röttgermann in der taz. Im Kopf hatte er dabei wohl auch das Publikum im neuen Stadion. Frauenfußball gilt als Familienevent, weit entfernt von Debatten um Sicherheit und Fangewalt.

 


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Referenzen:

Heft: 83
Rubrik: Spielfeld
Verein: VfL Wolfsburg
ballesterer # 120

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