»Es geht um die Fankultur«

cache/images/article_2063_20120302_5487_140.jpg Um die Zukunft des Sportclubplatzes wird weiterhin gepokert. Architekten und Bauträger basteln im Auftrag der Wiener Stadtregierung im stillen Kämmerlein an Sanierungsplänen für das Stadion des Drittligisten. Klartext reden nur die Fans, die sich beteiligen wollen, aber nicht mitreden dürfen.
Dass der älteste noch bespielte Fußballplatz Österreichs im 17. Wiener Gemeindebezirk vor sich dahinrottet, ist keine Neuigkeit. Bereits vor drei Jahren wurde angesichts von Wasserschäden und bröckelnden Tribünenteilen dringender Sanierungsbedarf am Sportclubplatz festgestellt. Im Frühjahr 2012 präsentierten Stadt Wien und Bauträger ARWAG einen Vorschlag, der die Überbauung der Friedhofstribüne mit einem Wohnhaus vorsah. Für die aktiven Fans und die Vereinsspitze des Wiener Sportklub kein gangbarer Weg.
 
Neue Pläne waren für Ostern angekündigt, doch die Präsentation verzögert sich. Für Martin Roßbacher von den »FreundInnen der Friedhofstribüne« ein unbefriedigender Zustand. Der Obmann des größten Fanklubs des Wiener Sportclub fordert im ballesterer-Interview eine stärkere Einbeziehung der Anhänger. Das Interview wurde vor den aktuellen Entwicklungen rund um den Abgang von WSK-Präsident Udo Huber geführt.   

ballesterer: Sportstadtrat Christian Oxonitsch hat sich zum Erhalt des Sportclubplatzes bekannt. Ist das ein Etappensieg für die Fans?
MARTIN ROSSBACHER: Ich habe noch Zweifel an der Verbindlichkeit dieser Zusage. Wenn dem so sein sollte, ist es noch kein Etappensieg, aber vielleicht der Gewinn einer Sprintwertung. Es ist nämlich weiterhin unklar, was mit der Friedhofstribüne passieren soll. Zuletzt hat es geheißen, dass sie so bleiben soll, wie sie ist. Beim baufälligsten Teil des Stadions klingt das eher nach einer Drohung. Präsident Udo Huber hat bei der Mitgliederversammlung Ende November 2012 gesagt, dass unter der Tribüne alles stillgelegt werden soll. Für uns stellt sich dabei auch die Frage, was dann mit unserem Klublokal »Flag« passiert. Das ist ja genauso wie die Friedhofstribüne selbst ein wichtiger Bestandteil unserer Fankultur. Das »Flag« muss unbedingt erhalten bleiben, gerne auch in einer modernisierten Form. Aber wir werden auch in Zukunft Räumlichkeiten für Konzerte, Partys und Veranstaltungen brauchen.

Im Raum steht, dass zwar Wohnanlagen im Stadion errichtet werden, aber nicht mehr wie ursprünglich geplant über der Friedhofstribüne.
Wir haben die Idee von Wohnungen am Platz generell infrage gestellt, weil das zwingend Konflikte zwischen Anrainern und Stadionpublikum mit sich bringen würde. Ich glaube, dass sich die Fans bei der Gestaltung sehr gut einbringen könnten. Ich habe aber das Gefühl, dass uns Teile der Stadtregierung eher als Querulanten sehen. Dabei könnten sie von unseren Erfahrungen profitieren - schließlich engagieren sich bei uns von Architekten über Sozialwissenschaftler bis hin zu Unternehmern und Handwerkern alle möglichen Menschen. Aber auf die Anliegen von Fans und Verein ist bisher nur sehr bedingt eingegangen worden. Wir haben die Hoffnung aber noch nicht aufgegeben. In Einzelgesprächen ist ein kooperatives Planungsverfahren, das auch die Fans und die Anrainer miteinbeziehen soll, angekündigt worden.

Warum lehnen Sie eine Wohnbaulösung ab? Immerhin würde das die Finanzierung der Sanierung erleichtern.
Weil das einfach die denkbar schlechteste Lösung ist. Es geht ja nicht nur um 15 bis 20 Heimspiele pro Jahr, zu denen im Schnitt rund 1.500 Fans kommen. Beim Cupspiel gegen Red Bull Salzburg im Sommer 2012 waren 5.000 Besucher da. Das hat gezeigt, welches Potenzial hier liegt und welche Kapazitäten das Stadion braucht. Unser Frauenteam will aufsteigen und dann vielleicht auch den Sportclubplatz nutzen. Außerdem muss die Mannschaft trainieren, und zu gewissen Jahreszeiten geht das abends nur mit Flutlicht. Da wird sich kaum ein Mieter über geringere Stromkosten durch die externe Zimmerbeleuchtung freuen. Und an Matchtagen oder bei sonstigen Veranstaltungen werden sich wahrscheinlich viele über den Lärm beschweren, der zwangsläufig entsteht.

Wie beurteilen Sie das Vorgehen der Sportklub-Funktionäre in der Stadionfrage?
Leider hat die Vereinsführung bei den Mitgliedern und Fans beim Thema Stadionsanierung viel Kredit verspielt. Viele Menschen haben fast ein Jahr lang im Rahmen der »Stadiongruppe« Ideen entwickelt, wie es mit dem Sportclubplatz weitergehen könnte. Das hat eine Zeit lang ganz gut geklappt, wir hatten auch gute Gespräche mit Politikern. Präsident Huber hat gesagt, dass er voll zu den Menschen und Ideen der »Stadiongruppe« stehe. Als er dann aber zu einer Besprechung im Rathaus eingeladen war, hat er darauf verzichtet, einen Architekten aus unserem Kreis mitzunehmen. Nach der Besprechung ist uns ausgerichtet worden, dass die Planer nicht mit uns sprechen dürfen. Das war für uns ein Vertrauensbruch.

Das Architekturbüro Querkraft hat eine Machbarkeitsstudie durchgeführt, in Kürze sollen neue Pläne präsentiert werden. Was erwarten Sie sich davon?
Querkraft ist ein international erfahrenes Team und hat in Wien auch schon einige Projekte mit Bürgerbeteiligung umgesetzt. Prinzipiell spricht nichts dagegen, dass sie ausloten, was machbar ist. Uns stört jedoch, dass wir überhaupt nicht mehr eingebunden werden - mit kooperativ hat das aktuelle Vorgehen nichts mehr zu tun.

Was sind die Mindestforderungen, die die Fans erfüllt sehen wollen?
Uns ist ganz wichtig, dass auch nach der Sanierung eine Mehrfachnutzung des Stadions möglich ist. Dabei geht es um die Fankultur in Dornbach. Wir beherbergen den Ute-Bock-Cup und andere Benefizturniere, betreiben das Klublokal »Flag« und es gibt die Gastrozone in der Alszeile. Diese Errungenschaften wären allesamt gefährdet, daher haben wir für den zu schaffenden Raum andere Nutzungsmöglichkeiten vorgeschlagen. Man könnte dort ja zum Beispiel einen Kindergarten, ein Jugendzentrum, Veranstaltungsräume oder Büros unterbringen.

Die Sanierung des Sportclubplatzes soll mehrere Millionen kosten. Der Sportklub kann das selbst nicht finanzieren, warum sollte die Stadt überhaupt so viel Geld für einen Regionalligisten in die Hand nehmen?
Ich kann dieses Argument nicht nachvollziehen. Die Stadt Wien hat in der Vergangenheit bei Sportstätten sehr viel Geld für wenig bis gar nicht nachhaltige Projekte ausgegeben. Stadionprojekte von Bundesliga-Vereinen werden mit zweistelligen Millionenbeträgen subventioniert, während weniger prominente Vereine für den Erhalt ihrer Spielstätten Teile der Stadionflächen verkaufen oder auf langfristige Pachtrechte verzichten müssen. Wenn der österreichische Fußball ohne öffentliche Gelder nicht auskommen kann, soll es mir recht sein. Aber dann müssen auch die kleineren Vereine und ihre Infrastruktur gefördert werden.

Wie dringend ist die Sanierung?
Es muss schnell etwas passieren, denn sonst kann der Zustand des Platzes über kurz oder lang die Aufrechterhaltung des Spielbetriebs gefährden. Sollten derzeit genutzte Tribünenteile wegfallen, könnte der Sportklub Lizenzprobleme bekommen. Im schlimmsten Fall wird der Platz dann nur noch für die vierthöchste Leistungsstufe, also die Wienerliga, zugelassen. Dem Verein und seiner aktiven Fanszene sollte das erspart bleiben, sonst drohen sie gemeinsam mit dem Stadion unterzugehen.
Zur Person: Martin Roßbacher (37) ist Sozialarbeiter und Obmann der »FreundInnen der Friedhofstribüne«. Der »Verein zur Förderung von Sport und Kultur in Hernals« wurde 2001 gegründet und hat sich seither durch sein Eintreten für eine gewaltfreie und antidiskriminierende Fankultur einen Namen gemacht.

Referenzen:

Heft: 81
Rubrik: Fansektor
Thema: Stadien
ballesterer # 120

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