»Es gibt wichtigere Dinge als Fußball«

cache/images/article_1936_hackmair_140.jpg Fünf Jahre nach Platz vier bei der U20-Weltmeisterschaft in Kanada und dem Vizemeistertitel mit der SV Ried hat Wacker Innsbrucks Mittelfeldspieler Peter Hackmair mit 25 Jahren seine Karriere beendet. Vor wenigen Tagen sprach er mit dem ballesterer über sein Buchprojekt und die Pläne für die Zeit nach der Karriere.
Mathias Slezak | 22.08.2012
Zu Beginn seiner Profikarriere ging es für Peter Hackmair steil bergauf. Bei der SV Ried wurde er 2006 mit 19 Jahren Stammspieler, 2007 folgten der Vizemeistertitel und Platz vier bei der U20-WM in Kanada, wo er in allen Spielen zum Einsatz. Hackmair war vor dem Sprung ins Nationalteam, ein Wechsel zu einem österreichischen Spitzenklub oder ins Ausland stand im Raum.

Vier Jahre, vier Verletzungen
Neun Monate nach der WM war der Bilderbuchaufstieg vorbei, im April 2008 zog er sich im Derby gegen den LASK einen Kreuzbandriss zu. »Wenn es bis 21 immer nur bergauf geht, machst du dir keine Gedanken darüber, dass das irgendwann anders sein könnte. Das glaubst du erst, wenn du es selbst erlebt hast«, sagt Hackmair. Nach fünf Monaten gab er sein Comeback, ehe ihn eine Leistenoperation ein Jahr später erneut zurückwarf. Obwohl die Verletzung im Frühjahr 2010 wieder akut wurde, verlängerte die SV Ried den Vertrag mit dem Mittelfeldspieler. Hackmair zahlte das Vertrauen zurück, im August 2010 schoss er die Rieder bei der Wiener Austria zum ersten Sieg seit 1999. Fünf Tage später rissen im Training das Kreuzband, das Seitenband und der Meniskus im linken Knie. Hackmair schaffte es nicht mehr in die Stammelf und wagte im Sommer 2011 nach zwölf Jahren im Innviertel einen Neustart. Aus Probetrainings in Italien wurde nichts, also unterschrieb er im September für vier Monate bei Wacker Innsbruck, wo er zum Stammspieler wurde. Der Verein zog die Option bis Sommer 2013, doch bereits im April folgte die nächste Verletzung: Das linke Kreuzband musste erneuert und ein Stück des Knorpels entfernt werden. »Diese Situation ist schon fast Alltag für mich«, sagt Hackmair. »Aber wenigstens bin ich mit jeder Verletzung etwas lockerer geworden.«

Keine Zweifel
Wenige Tage vor dem ballesterer-Interview hat Hackmair wieder zu laufen begonnen. In einer Rehaklinik in Deutschland arbeitet er mit dem Physiotherapeuten der Nationalmannschaft, Mike Steverding, an einem Comeback. Läuft alles nach Plan, soll er im Herbst wieder fit sein. Trotzdem weiß Hackmair nicht, ob er seine Karriere fortsetzen wird. Nach der Matura hat er eine 18-monatige Psychologiefortbildung bei Humboldt absolviert, seit eineinhalb Jahren studiert er Wirtschaftswissenschaften an der Fernuniversität Hagen. »Es ist nicht, weil ich Zweifel hätte. Ich weiß genau, dass ich in Innsbruck wieder Stammspieler werden kann. Für mich stellt sich einfach die Frage, in welche Richtung mein Leben gehen soll.« Bis Ende August will er sich entscheiden. Sollte er seine Karriere beenden, will Hackmair zunächst Abstand zum Profifußball gewinnen und mit seiner Frau Marie-Theres verreisen. »Wir wollen aber nicht nur am Strand liegen, sondern auch bei Projekten mitarbeiten und vielleicht unser Patenkind Sonu besuchen«, sagt Hackmair. Seit der Hochzeit im Sommer 2011 unterstützt das Ehepaar den Buben in Indien. Statt klassischer Hochzeitsgeschenke wünschten sie sich Spenden für ihr Patenkind. »Uns geht es in Österreich ohnehin so gut, da möchten wir ein bisschen etwas zurückgeben. Für uns sind das nur kleine Beträge, aber in Indien kann ein Kind davon einen Monat lang leben.« Mit dem Buben halten die Hackmairs Briefkontakt, er schickt immer wieder selbst gemalte Bilder. Demnächst wollen sie nun selbst nach Indien fahren, um das Patenkind persönlich kennenzulernen. »Sicher gibt es viele Spieler, die wie ich in meiner Anfangszeit nicht nach links oder rechts schauen«, sagt Hackmair. »Ich habe aber mittlerweile erkannt, dass es wichtigere Dinge im Leben gibt als Fußball.«

Schreibtherapie
Im September steht für Peter Hackmair ein weiteres Projekt vor der Tür: Dann veröffentlicht er seine Autobiografie »Träume verändern«. Tagebuchschreiben begonnen hat er nach dem Kreuzbandriss 2010. Nach der Leistenoperation ein Jahr später hielt er dann seine Therapiefortschritte und Gedanken erneut schriftlich fest. »Damals habe ich mir gedacht, ich mache gleich eine ganze Geschichte daraus, weil meine Karriere ja doch mehr ist als nur ein paar Verletzungen«, sagt Hackmair, der anfangs für das Buchprojekt belächelt wurde. »Manche haben gemeint, dass ich mit 25 Jahren zu jung für eine Autobiografie bin. Viele glauben überhaupt, dass Fußballprofi und Buchautor sein nicht zusammenpasst. Aber jeder, der ein bisschen hineingelesen hat, hat mir gesagt, dass ich das unbedingt veröffentlichen soll.« In »Träume verändern« schreibt Peter Hackmair nicht nur über seine Karriere, die Verletzungen und den Weg zurück, sondern auch über seine Gedanken zum Profidasein: Wie geht man mit dem Druck um, wie läuft die Zusammenarbeit mit den Medien, und ist man als Fußballer nicht doch eher Einzel- als Mannschaftssportler? »Es ist eine Mischung aus Autobiografischem und Fußballthemen, die ich kritisch betrachte«, sagt Hackmair, der versichert, das Buch ohne Ghostwriter zu schreiben. Im September soll es bei der Edition Innsalz erscheinen. Nur am letzten Kapitel arbeitet Hackmair noch denn ob es auf dem Fußballplatz spielt, wird sich erst in den nächsten Tagen weisen.

Referenzen:

Heft: 74
Rubrik: Spielfeld
ballesterer # 120

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