Es ist wichtig, Ernst zu sein

LESUNG  Die deutsche Presse sprach von vollen Rängen und La Ola. Tatsächlich riss das Literatur-Duo Thomas Ernst und Thomas Ernst ihr Publikum zu Begeisterungsstürmen hin.
Mario Sonnberger | 09.05.2008
Anspannung und Müdigkeit Thomas Ernst ist als Torhüter Verlängerungen gewohnt. Schleppenden Spielzügen und lamentierenden Zusehern zum Trotz gilt es, in der Einsamkeit zwischen den Pfosten die Konzentration zu wahren. Ernst spielt für den SV Wasserliesch-Oberbillig und das Brüsseler Team »Den Hemel«, zumindest soweit es seine Freizeit zulässt. Der 1974 geborene Autor und Literaturwissenschaftler lebt in Belgien und hat sich in Deutschland in den letzten Jahren einen Namen als Spezialist für Gegenwartsliteratur und Popkultur gemacht.
Ein Abend im Literarischen Salon, Hannover. Wieder einmal Nachspielzeit, eine Darbietung von über zwei Stunden liegt hinter dem gut gelaunten Publikum. Die Konzentration reicht gerade noch für die Schlussoffensive literarischer Natur, versteht sich. Thomas Ernst sitzt hinter diversen Fußballutensilien auf einer kleinen Bühne. Neben ihm: Thomas Ernst, 38, Keeper des FC Kaiserslautern. Als literarisches Doppel geben die beiden Torhüter Texte und Anekdoten aus dem weiten Feld der Fußballliteratur zum Besten. Von Ror Wolf über Christoph Biermann bis hin zu Ronald Reng kommt zu Wort, wer in der Autorenszene Rang und Namen hat.

 

Der Fan und der Torwart

 

Kennen gelernt haben sich Ernst & Ernst 1999 in Bochum. Der Profi-Fußballer stand damals zwischen den Pfosten des VfL, der Autor als Fan auf der Tribüne und leitete als Student das Kulturcafé seiner Uni. Fester Bestandteil dieser Einrichtung waren Lesungen mit unterschiedlichen Gästen. Als diese rar zu werden drohten, kam der Vorschlag: »Lad doch mal deinen Namensvetter ein!«
Zur studentischen Überraschung zeigte sich der Kicker Thomas Ernst sehr interessiert an einem Ausflug in die Welt der Literatur und willigte ein. So traf man sich mehrere Male, plauderte und tauschte Texte aus. Der Leseabend wurde ein voller Erfolg, blieb aber vorerst ein einmaliges Ereignis. Der jüngere der beiden Protagonisten beendete sein Studium, der ältere wechselte von Bochum über Stuttgart nach Kaiserslautern. Es sollte sechs Jahre dauern, bis das Projekt seine Fortsetzung erfahren würde.
Im vergangenen Jahr trafen sich Ernst & Ernst anlässlich eines Testspiels des FCK in Trier. Beide hatten die Lesung in guter Erinnerung und nutzten das Wiedersehen, um im April und Mai 2005 unter dem Motto »Wir waren die Nummer 2. Ein Fußball-Leseabend« auf Tour durch mehrere deutsche Städte zu gehen. Heuer setzten sie die Lesereise fort. Nebst eigenen Texten wurden auch Literaturempfehlungen und Gespräche über Wettlust, Doping und das Verhältnis von Fußball und Sex geboten, gewürzt mit den markigsten Aussprüchen von Ernsts kickender Kollegenschaft. Deutsche Medien zeigten sich begeistert vom Zusammenspiel zwischen Sport und Kultur und rezensierten die Lesungen überaus positiv.

 

Karriereende und Neuanfang

 

Auf dem Rasen hat Thomas Ernst, der ältere, mittlerweile seine Karriere beendet, auf dem Papier könnte sie gerade erst beginnen. Obwohl die Zukunft des nunmehrigen Ex-Profis noch nicht sicher scheint, wollen Ernst & Ernst ihr Publikum nicht nochmals fünf Jahre warten lassen. Die beiden überlegen, auch im nächsten Jahr auf Lesetour zu gehen vielleicht schon mit eigenem Druckwerk: Im Raum steht eine Art Doppelbiographie zum Thema »Absteigen« neben der Namensgleichheit eine weitere Gemeinsamkeit, die Ernst und Ernst als Fan respektive Torwart des VfL Bochum verbunden hatte.      



Mehr aus dem Oeuvre von Thomas Ernst sowie zusätzliche Information zu »Wir waren die Nummer 2.« unter: www.thomasernst.net

Referenzen:

Heft: 24
Rubrik: Kunstrasen
ballesterer # 120

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