Lena, unser Küken, erwischte es weiland jedoch am schlimmsten. Sie hat noch immer panische Angst vor Fußballstadien. Kein Wunder. Sie war süße 16. Es war ihr erstes Mal. Und auch ihr letztes. Bis heute hat sie keinen Fuß mehr über die Schwelle eines Stadions gesetzt. Seit damals versucht sie, ihren epochalen Fehlstart als Fußballfan mit Humor zu nehmen. »Ich habe mit astronomischen Handyrechnungen, Kalorientafeln und Parallelparkplätzen genug Kummer im Leben«, feixt sie bisweilen. »Wer braucht da noch künstlichen Stress auf einer Stadiontribüne?« Tapfere Lena. Aber ich weiß es besser: Der Stachel sitzt tief. Wessen fußballerisches Initiationsritual so in die Binsen geht, der kann dies nicht auf die leichte Schulter nehmen.
Und ich bin schuld. Dass ich mein Schwesterchen zu diesem Spiel mitnahm, werfe ich mir nicht vor. Aber ich hätte sie zumindest warnen müssen. Lena wusste zu jener Zeit von Fußball zuwenig, um einem düsteren dänischen Eiland namens Färöer mehr als topographische Bedeutung beizumessen. Aber leider zuviel, um ihr am Ende des Spiels flüstern zu können: Gewinnen tut die Mannschaft, die am meisten Tore kassiert.
Hohe Erwartungen
Dabei hatte alles so schön begonnen: Ich war damals studientechnisch in Barcelona stationiert und erwartete zu Beginn der Osterferien den lang ersehnten Besuch meiner Altvorderen und Schwestern. 17Stunden kamen sie im Pkw aus Hartkirchen angerollt und karrten neben rot-weißroten Fanartikeln aller Art auch kiloweiseLeberkäse, Manner-Schnitten und Milka-Löffeleier für das nach Futter von der Heimatscholle lechzende abtrünnige Kind herbei. Der Abstecher nach Valencia sollte ein trauter eintägiger Familienausflug werden, mit einem stimmigen Ausklang beim Rasenballett. Ich besaß Pressekarten. Für das spanische Fußballmagazin Don Balón hatte ich eine große Reportage über unser Nationalteam geschrieben, in dem ich Herbert Prohaskas Eleven mannshohe Rosen streute. Die Lobhudelei fußte nur in zweiter Linie auf latentem Patriotismus, der bei längerem Exil akut zu werden pflegt.
Nach einer Statistenrolle bei der WM in Frankreich, einem erfolgreichen EM-Qualifikationsstart und einem 4:2 im freundschaftlichen Alpenduell gegen die Schweiz schienen die rot-weiß-roten Kickerin jenem Frühjahr 1999 ernsthaft in Schuss. Und hatte nicht die Vergangenheit bewiesen, dass das Eintauchen in spanischsprachiges Ambiente in unserem Nationalteamregelmäßig das Schlitzohr herauskitzelte? Wie 1978 in Córdoba? Wie 1982 beider WM in España? Wie 1990, als Gerhard Rodax die Österreicher zu einem 3:2-Auswärtssiegüber Spanien dribbelte? Ich fühlte es in der kleinen Zehe: Ein denkwürdiger Abend stand uns bevor. Zumindest damit sollte ich Recht behalten.
Schon seit den Morgenstunden des 27.März verspürten wir nichts ahnend die Euphorie der Todgeweihten. Auf der Autopista nach Valencia wehten unsere Schalsund Fahnen im Fahrtwind, als würden wir zur Conquista der iberischen Halbinselansetzen. Auch am Ziel selbst ließen wir über unsere Herkunft und Mission keine Zweifel aufkommen. Wir flanierten durch die Stadt und lächelten siegessicher in jede Kamera.
Tiefe Verzweiflung
Vor dem Anpfiff um 21:45 Uhr trennten wir uns. Mein Vater und ich wanderten auf die Pressetribüne, Mutter und Schwestern in den Österreicher-Sektor. Welches Los das bessere war, weiß ich bis heute nicht. Aber wir hatten uns nachher viel zu erzählen. Von der an- und absteigenden Ekstase der spanischen Journalisten, die beim 1:0jubelten, beim 2:0 jauchzten, beim 3:0Luftsprünge machten, beim 4:0 grölten, beim 5:0 Gott dankten, beim 6:0 mit dem Finger auf uns zeigten, beim 7:0 still wurden beim 8:0 auf uns starrten wie auf zwei Freakshow-Exponate und beim 9:0 uns Beileid wünschten. Von der tiefen Ohnmacht und Verzweiflung, die sich unter den rot-weiß-roten Fans breitmachte. Von deren kollektiver Devotionalienvernichtung, die so um das 6:0 herum einsetzte und beim Verlassen des Stadions ihren Höhepunkterreichte. Von einem älteren Österreicher nie geklärter Identität, der sich bei jedem Tor theatralisch bekreuzigte. Achtmal machte er das große Kreuzzeichen, nur einmal das kleine: Arnold Wetl hatte soeben Franz Wohlfahrt überlistet und zum 0:8 ins eigene Tor eingenetzt.
Vor einigen Tagen fanden wir die Fotos unseres legendären Familienausflugs nach Valencia wieder. Fast ein Jahrzehnt hatten sie in einer dunklen Schublade verbracht. Selbst Lena war imstande, einen Blick darauf zu werfen. Wir lachten Tränen beim Anschauen, und nach so vielen Jahren fühlten wir plötzlich doch so etwas wie Melancholie.






Vor zehn Jahren verlor Österreichs Nationalteam unter Teamchef Herbert Prohaska in der EM-Qualifikation gegen Spanien in Valencia 0:9. Eine Familie aus dem oberösterreichischen Hartkirchen war live dabei. Der Versuch einer Vergangenheitsbewältigung.
erscheint am 12. Juli 2013.
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