Essen, Trinken, Schlafen

cache/images/article_2487_essen_140.jpg Vor 60 Jahren war Essen die Fußballhochburg im Westen Deutschlands. 1953 gewann Rot-Weiss Essen den DFB-Pokal, zwei Jahre später die Meisterschaft. 1959 holte Stadtrivale Schwarz-Weiß den Cup. Heute stecken beide Klubs im Amateurfußball fest. 
Jan Mohnhaupt | 14.07.2015

An Essen kommt niemand vorbei. Auch nicht die beiden Schaffner im Intercity-Express Richtung Dortmund, die sich über die abgelaufene Bundesliga-Saison unterhalten: Schalke hat mal wieder auf höchstem Niveau versagt, der BVB hat sich ins Pokalfinale gerettet. Als der Zug in den Essener Hauptbahnhof einfährt, fragt der eine: „Was ist eigentlich mit Rot-Weiss?“ Ohne eine Antwort zu erwarten, schaut er aus dem Fenster. Draußen ragen mächtige Gebäude aus Stahl und Glas empor: die Essener Türme, die Konzernzentralen von ThyssenKrupp, Evonik und RWE. Statussymbole der deutschen Industrie, die sich hier dicht aneinander drängen. „Mit solchen Firmen im Rücken müssten die die dritte Kraft im Revier sein“, fügt der Schaffner hinzu. Doch Rot-Weiss Essen, der größte Verein der Stadt, spielt nur viertklassig. Und weil sein Kollege das auch nicht verstehen kann, sagt er nur diesen Satz, der früher oder später immer fällt, wenn es um Rot-Weiss geht: „Essen ist ein schlafender Riese.“

Schützenswertes Kulturgut
„Der Riese schläft schon sehr lange“, sagt Michael Welling. Er ist studierter Wirtschaftswissenschaftler und seit 2010 Vorstandschef bei Rot-Weiss Essen. Wegen seines Doktortitels nennen sie ihn hier nur „Doc“. Ein bisschen scherzhaft ist das gemeint, doch es klingt auch eine Spur Skepsis mit, weil Akademiker im Malochermilieu des Essener Nordens traditionell etwas misstrauisch beäugt werden. Als Welling seinen Job bei Rot-Weiss Essen antrat, war der Verein insolvent und gerade in die fünfte Liga abgestiegen – so tief wie nie zuvor. Welling hat mitgeholfen, den Klub schuldenfrei zu bekommen. Derzeit arbeitet er an einem Leitbild. Bislang prangt auf der Website und auf Plakaten der Essener nur der Schriftzug „Schützenswertes Kulturgut seit 1907“ – eine Anspielung auf Essens Ernennung zur europäischen Kulturhauptstadt 2010 und die Tradition eines Vereins, der in den 1950er Jahren zur nationalen Spitze gehörte.


Groß gemacht hatte den Klub damals vor allem ein Mann. Georg Melches, Vereinsmitbegründer, Spieler, später Funktionär in zahlreichen Rollen und vor allem Mäzen. Er nutzte seinen Einfluss als Direktor einer Koksofenbaufirma, um gute Spieler zu verpflichten, indem er ihnen Arbeitsplätze besorgte: Tormann Fritz Herkenrath bekam eine Stelle als Sportlehrer, Stürmer Helmut Rahn wurde von ihm mit der lukrativen Rolle als Chauffeur geködert. Unter Melches’ Führung holte Rot-Weiss Essen, kurz RWE, 1953 den erstmals nach dem Krieg ausgespielten DFB-Pokal und zwei Jahre später die deutsche Meisterschaft. In der Saison 1955/56 startete der Verein als erstes deutsches Team im Europacup der Landesmeister. Im Jahr darauf wurde im Stadion an der Hafenstraße die erste Flutlichtanlage der Bundesrepublik Deutschland eingeweiht. Doch Anfang der 1960er Jahre begann der langsame Niedergang. 1961 stieg RWE ab, zwei Jahre später starb Georg Melches. „Mit seinem Tod ging es bergab“, sagt Uwe Wick. Er ist Historiker, RWE-Fan, einer von zwei Vereinsarchivaren und so etwas wie der Vergangenheitsbewältiger dieses Klubs, der wie kaum ein anderer in Deutschland von seiner Geschichte zehrt. Mit seinem Kollegen Georg Schrepper hat er über diese Zeit gerade ein Buch veröffentlicht: „Deutscher Meister ist nur der RWE. Die Goldenen Fünfziger Jahre von Rot-Weiss Essen“ heißt es. „Eigentlich könnten wir die dritte Kraft hinter Dortmund und Schalke sein“, sagt Wick. „Wir haben es seit 1955 nur nicht mehr bewiesen.“ Zweimal gelang RWE danach noch der Aufstieg in die Bundesliga. 1977 stieg der Verein aus der ersten Liga ab und kehrte nie wieder zurück.

Endstation Saufen
Vorstandschef Welling sieht in der großen Vergangenheit den größten Trumpf: „Das ist das, was den Verein noch heute ausmacht“, sagt er. „Es gibt keinen anderen Traditionsverein, der knapp 40 Jahre von der Bildfläche verschwunden ist und dennoch in der vierten Liga im Schnitt 8.000 Leute anzieht.“


Im Jahr des Meisterschaftsjubiläums durften die Anhänger sogar zunächst von der Rückkehr in den Profifußball träumen. Zum Auftakt der Rückrunde reiste Rot-Weiss Essen Anfang Februar als Tabellenführer zum Verfolger Alemannia Aachen. Ein Klassiker zweier gefallener Traditionsvereine. Das Spiel wurde live im Fernsehen übertragen, 30.000 Zuschauer waren ins Stadion gekommen – ein neuer Rekord für die Regionalliga. Doch bei RWE herrschte Unruhe: Im Winter war ein Spieler wegen Dopings gesperrt und dem Verein daraufhin ein Punkt abgezogen worden. In Aachen verlor Essen 0:1. Es war der Anfang vom Ende der Aufstiegshoffnungen. In den Wochen danach fiel der Verein in der Tabelle zurück, schließlich mussten Sportdirektor und Trainer gehen. Mal wieder, so schien es, hatte Rot-Weiss am Scheideweg zwischen Triumph und Tristesse zielsicher die falsche Richtung eingeschlagen. Oder wie es der frühere Fußballkommentator Manfred Breuckmann vor einigen Jahren in einem Interview ausdrückte: „Stell dir vor, du bist RWE-Fan. Da kannst du jeden Tag nur noch saufen.“ Doch im Grunde könnte es noch schlimmer sein. So schlimm wie beim einst großen Rivalen aus dem vornehmen Süden der Stadt, dem Essener Turnerbund Schwarz-Weiß – kurz ETB genannt.

Alles grau bei Schwarz-Weiß
Im Stadion am Uhlenkrug drängten sich einst bis zu 45.000 Menschen auf der hölzernen Haupttribüne und der in den Hang gebauten Gegengeraden, doch mittlerweile sind die Ränge zurückgebaut worden und fassen nur noch knapp 10.000 Zuschauer. An Spieltagen wirkt das Stadion wie ein Biotop mit seltenen Schildkröten. 170 Zuschauer haben sich im Schatten der Tribüne oder auf den sonnigen Stufen der Gegengeraden niedergelassen. Die meisten sind jenseits der 70 und scheinen die letzten ihrer Art zu sein.


Egmont Pade ist mit seinen 66 Jahren noch einer der Jüngeren hier. Seit 1958 geht er zum ETB, er ist unweit des Stadions aufgewachsen. Ein Jahr nachdem Pade zum ersten Mal hier war, wurde der ETB DFB-Pokalsieger. 1959 war das. Der größte Erfolg der Vereinsgeschichte. Von da an ging es bergab. Während der RWE Mitte April seine Aufstiegschancen in die dritte Liga längst verspielt hat, kämpfen die Schwarz-Weißen noch gegen den Abstieg aus der fünftklassigen NRW-Liga. Es ist schon ein kleines Wunder, dass sie überhaupt noch spielen. Denn kurz vor Saisonbeginn traten das Trainerteam, der sportliche Leiter und der Pressesprecher zurück, weil sie sich mit der Vereinsführung zerstritten hatten. Spieler verließen den Klub, weil sie monatelang kein Gehalt bekommen haben sollen. Erst wenige Tage vor dem ersten Spiel war die neue Mannschaft komplett.

Arme Snobs
Bis in die 1940er Jahre war der ETB der führende Fußballklub in Essen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg lief ihm der Konkurrent aus dem Norden den Rang ab. Wenn das Essener Derby anstand, war das für die rot-weißen Anhänger, meist Zechenarbeiter, auch das Duell gegen ihre Arbeitgeber. Denn Schwarz-Weiß war der Verein der Ober- und Mittelschicht, der Lackschuhklub. Es hieß sogar, die ETB-Spieler würden sich auf dem Platz siezen. Wenn Egmont Pade die heutige finanzielle Situation seines Vereins beschreibt, bleibt ihm nur noch Sarkasmus: „Am besten, unsere Spieler bringen selbst noch Geld mit“, sagt er. „Der ETB ist wie ein Golfklub. Da muss man auch erst einmal einen hohen Beitrag zahlen, damit man mitspielen darf.“


Die finanziellen Probleme ziehen sich beim ETB wie ein roter Faden durch die Vereinsgeschichte. Als es Anfang der 1960er Jahre darum ging, sich für die neue Bundesliga zu bewerben, war dem Verein das Unternehmen Profifußball schlicht zu teuer. So verließen viele Spieler, die größtenteils aus der eigenen Nachwuchsabteilung stammten, den Verein Richtung Bundesliga. Die erfolgreichste Mannschaft der Vereinsgeschichte brach auseinander. 1978 zog sich der Klub aus der zweiten Liga zurück. Man war nicht bereit, die damals üblichen Handgelder für Spieler auszugeben, so eine Erklärung. Eine andere lautet, dass der damalige Präsident gerade in einer teuren Scheidung steckte und daher kein Geld mehr für den ETB übrig hatte. „Seitdem sind wir zwar nicht mehr abgestiegen“, sagt Pade, „aber dafür hat man uns immer wieder eine neue Liga vor die Nase gesetzt, in die wir nicht reingekommen sind.“ Der ETB verharrte im Dickicht der Ligareformen, bis er irgendwann nur noch fünftklassig war.

No surrender
Beim Klub aus dem wohlhabenderen Süden der Stadt führten vor allem fehlender Professionalismus und Zuschauerzuspruch zum allmählichen Abstieg. Beim Arbeiterklub RWE aus dem Norden sorgten jahrelange Misswirtschaft und der schlechte Ruf einer gewaltbereiten Fanszene für ein schlechtes Image, das die ortsansässigen Konzerne jahrzehntelang fernhielt. „Es war auch teilweise Schuld des Vereins selbst“, sagt André Schubert. Er schreibt seit einigen Jahren in seinem Weblog Catenaccio 07 über RWE. Als es dem Klub noch halbwegs gut ging, habe man sich nie um die die ortsansässigen Konzerne gekümmert, sagt er. „Man war einfach zu stolz, um sich mit den Schnöseln aus dem Zentrum abzugeben.“ Mittlerweile investieren ansässige Konzerne wie Evonik lieber im 40 Kilometer entfernten Dortmund, wo der BVB internationale Aufmerksamkeit garantiert.


Immerhin hat die abgelaufene Saison für beide Essener Vereine noch ein einigermaßen versöhnliches Ende genommen: ETB Schwarz-Weiß sicherte sich den Klassenerhalt in der fünften Liga, und der neue Manager kündigte schon einmal eine schlagkräftige Truppe für die kommende Saison an. RWE gewann den Niederrheinpokal und zog damit in den DFB-Pokal ein. Anfang August geht es im Essener Stadion gegen Zweitligist Fortuna Düsseldorf. So wird es im Jubiläumsjahr zumindest noch einmal einen Gastauftritt des Profifußballs in Essen geben.
Dunkelheit hat sich bereits über die Stadt gelegt, als am Essener Hauptbahnhof die letzten Fans in den Regionalzug Richtung Dortmund steigen. Schweigend mischen sie sich unter die restlichen Pendler, die sich müde auf den Sitzen fläzen. Nur ein einzelner Fan durchbricht die Feierabendstille, als er mit rauer Stimme in den Zug hineinruft: „Essen! No surrender!“

 

Foto: Haus der Essener Geschichte/Stadtarchiv, Bestand RWE

Referenzen:

Heft: 103
Rubrik: Spielfeld
Verein: Rot-Weiss Essen, Schwarz-Weiß Essen
ballesterer # 121

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