Europas Fanvertreter

cache/images/article_1263_44fankongr_140.jpg Kommerzialisierung, TV-Diktat bei Anstoßzeiten, repressive Gesetzgebung. Nur drei von vielen Problemfeldern, mit denen Fußballfans in ganz Europa konfrontiert sind. Beim zweiten europäischen Fankongress wurde versucht, die Kräfte zu bündeln. Der ballesterer war mit dabei.
Clemens Schotola | 06.08.2009
»This is only the beginning.« Kevin Miles von der englischen Football Supporters Federation (FSF) fand pathetische Worte bei der Eröffnungsrede des zweiten europäischen Fankongresses in Hamburg. Den Fanvertretern sollte von Beginn an die Bedeutung des Treffens klargemacht werden. Laut Miles war es ein »historischer Moment«, den die vom 18. bis 19. Juli im Volkspark-Stadion des HSV Versammelten erleben durften. Ging es doch um nichts Geringeres als die »Geburt einer internationalen Organisation« der Football Supporters Europe (ehemals Football Supporters International).

Über 350 Delegierte aus 29 europäischen Ländern waren gekommen, um in zehn Workshops über Fanmitbestimmung, Netzwerkarbeit, Anstoßzeiten, Pyrotechnik und fanrelevante Gesetzgebung zu diskutieren und gemeinsame ­Inhalte und Ziele zu erarbeiten. Auch wurde erstmals ein Vorstand bestimmt, der die Anliegen der Organisation vertreten soll. Besonders gegenüber der UEFA, die mit William Gaillard den persönlichen Berater von UEFA-Präsident Michel Platini auf das Begrüßungspodium entsenden durfte. Gaillard dankte es mit schönen Worten und titulierte die Fans nicht minder pathetisch als »Herz, Seele und Körper ­des Fußballs«.

Trumpf-Ass gegen Fußballkonzerne
»Das Football-Supporters-International-­Netzwerk gab es als losen Zusammenschluss seit 2001«, erzählt Daniela Wurbs, Kongress-Veranstalterin und Angestellte des FSI-Koordinations-Büros, dem ­ballesterer. Hauptaufgabe war neben der Vernetzung und Erschließung nationaler Fanorganisationen die Entwicklung der Fanbotschaften bei den Europameisterschaften 2004 in Portugal und 2008 in Österreich und der Schweiz. Die Gründungsorganisationen wie Progetto Ultrà­ (Italien), FSF (England) und die deutschen Fanprojekte sahen sich aber sehr bald mit Fragen konfrontiert, für die eine supranationale Fanvertretung nötig schien.

Der Wille der Gründerorganisationen war da, doch fehlende finanzielle Mittel verhinderten vorerst eine gemeinsame europäische Stimme. Den notwendigen finanziellen Input stellte schließlich die UEFA zur Verfügung, die in Zeiten der totalen Kommerzialisierung des Sports wohl potenzielle Verbündete gegenüber den durchkapitalisierten Fußballkonzernen sucht. Im Machtkampf um den Fußball ist die Fankarte ein Trumpf-Ass, das auch in Zeiten nach der Auflösung der G14 sticht. Eine basisnahe Gegenbewegung zur 2008 gegründeten European Club Association (ECA), sozusagen der Arbeitgeberverband im Profifußball, kommt der UEFA sicherlich nicht ungelegen. »Kontakte zur UEFA gab es schon unter Lennart Johansson. Erste Gespräche kamen aber erst im Winter 2007 nach dem Amtsantritt von Michel Platini zustande«, so Wurbs. Trotz der Finanzspritze der UEFA betonen beide Seiten die Unabhängigkeit der neuen ­Organisation.

 

2008 stellte sich beim ersten europäischen Fankongress in London nach über 280 Anmeldungen aus 28 Ländern heraus: Die notwendige breite Basis und Bereitschaft für eine Fanvertretung ist vorhanden. »Letztes Jahr haben wir eine Struktur aufgebaut und den Verein entwickelt. Jetzt ging es um die Inhalte«, sagt Wurbs. »Wir wollen in Europa mit starker Stimme sprechen können, aber auch den Fans konkret helfen und auf nationaler Ebene entsprechende Strukturen aufbauen.«

Hooligan-Gesetze und Pyrotechnik
Über mögliche Schwierigkeiten wie landesspezifische Gesetzgebungen, unterschiedliche Strukturen der Fanszenen und divergierende Interessen ist sich Wurbs bewusst: »Im Großen und Ganzen gibt es aber einen Konsens darüber, was Fans wollen und was nicht. Niemand will zum Beispiel kollektiv bestraft werden.« Der Workshop »Gewaltprävention oder kollektive Bestrafung?« zu fanrelevanter Gesetzgebung machte genau das zum Thema und suchte erfolgversprechende Gegenstrategien. Besonders die willkürliche Verhängung von Stadionverboten oft reicht ein Verdacht oder eine Anzeige, unabhängig einer bewiesenen Schuld war im Fokus der Kritik.

Auch die sogenannten Hooligan-Gesetze, die für eine kleine Minderheit gemacht, allen Zuschauern übergestülpt werden, liegen den Fans europaweit wie ein Stein im Magen. »Niemand verlangt ein spezielles Oktoberfest-Gesetz, obwohl es dort zu einem höheren Anzeigenschnitt als beim Fußball kommt«, verdeutlichte ein deutscher Teilnehmer die Ungleichbehandlung. Der aus dem Workshop entstandene Arbeitskreis will jetzt Leitlinien ausarbeiten, die den nationalen Fanorganisationen beim Umgang mit der lokalen Gesetzgebung und bei Stadionverboten helfen sollen. Auch eine konkrete Forderung wurde beschlossen: ein Anhörrecht bei Stadionverboten. Hier lohnt ein kurzer Blick nach Österreich, wo die Bundesliga den Datenaustausch bei Stadion­verboten forcieren will. Aufgrund der ­datenschutzrechtlichen Bedenken bei einer solchen Praxis ist es immerhin erfreulich, dass beim Erstligisten Wacker Innsbruck schon das geforderte Anhörrecht existiert.

Wie weit repressive Gesetzgebung gehen kann, zeigt das Beispiel Griechenland. Dort sind durch das geplante Hooligan-Gesetz alle unabhängigen Fanklubs von der Illegalität betroffen. Undenkbar für Österreich? Nicht, wenn es nach FM4-Journalist Martin Blumenau geht, der neulich in seiner Online-Kolumne den Teufel an die Wand malte und sich fragte, ob der Mafia-Paragraf nach den Tierschützern nicht auch bald Fußballfans ins Visier nehmen könnte.

Aus aktuellem Anlass war aus österreichischer Perspektive auch der Workshop Pyrotechnik relevant. Den Delegierten wurde ein Konzept aus Norwegen vorgestellt, das die Verwendung von pyrotechnischen Gegenständen unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt. »Damit werden mögliche Eskalationen im Vorfeld verhindert und das Verantwortungsgefühl der Fans gestärkt«, erläuterte Christina Magnussen von der Norsk Supporterallianse (NSA) die positiven Auswirkungen einer Legalisierung. Auch dieser Workshop endete mit der Gründung eines Arbeitskreises, der ein Konzept für legalen Pyrotechnik-Einsatz in den europäischen Stadien ausarbeiten soll.

Getrennte Farben Vereinte Sache
Für kurze Aufregung sorgte Thomas Schneider, Fanbeauftragter der deutschen Bundesliga, der zwar die kommerzielle Verwertbarkeit schöner Bilder von Choreographien mit Pyrotechnik lobte, aber einer möglichen Legalisierung vonseiten der Liga eine Absage erteilte. Diese Festlegung stieß umgehend auf heftige Kritik. »Im Vorhinein den Ausgang der Diskussion diktieren, da brauchen wir keine Gespräche«, kritisierte Johann Liebnau vom Supporters Club und Vorsänger der Ultrà-orientierten HSV-Fans und stellte damit klar: Fans wollen auf Augenhöhe verhandeln und nicht als Bittsteller auftreten.

Vom ­ballesterer befragt, ob es in Deutschland schwierig sei, mit den einzelnen Gruppierungen anderer Vereine zusammenzuarbeiten, schüttelte Liebnau den Kopf: »Rivalität ist das Allerwichtigste im Fußball. Aber genauso wichtig ist es, in bestimmten Situationen zu sagen, wir sind getrennt in den Farben, aber vereint in der Sache. Ich will jetzt nicht altklug klingen, aber nur so kann man zum Ziel kommen. Und das funktioniert in Deutschland ganz gut.« Das mit der Rivalität hätte er natürlich noch pathetischer sagen können, so wie Kevin Miles bei der Eröffnung: »We celebrate the rivalry.«

Webtipp:
www.footballsupportersinternational.com

Referenzen:

Heft: 44
Rubrik: Fansektor
ballesterer # 121

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