Extra: Unendlicher Fußballhorizont

cache/images/article_2438_cover-100_fotor_collage_f_140.jpg In der Nische gegründet, kontinuierlich größer geworden – wie aus einem amateurhaften Fanzine ein respektiertes Fußballmagazin wurde, das seine Unabhängigkeit gewahrt hat. Eine Reflexion über 15 Jahre und 100 Ausgaben ballesterer.  
Reinhard Krennhuber | 17.03.2015

15 Jahre sind eine lange Zeit. Gerade für ein Medium, das so bescheiden begonnen hat wie der ballesterer, und in einer so schnelllebigen Branche wie dem Fußball. Als wir im März 2000 die erste Ausgabe produziert haben, war einiges anders als heute. Otto Baric war ÖFB-Teamchef, Zinedine Zidane der unumschränkte Star des Weltfußballs und David Alaba sieben Jahre alt. Lang ist es her – und doch sind die Erinnerungen sehr lebendig.


Ilco und der Idiot
Erinnerungen an legendäre Storys und Momente. Das Interview mit Ilco Naumoski von 2009, in dem das Mattersburger Großmaul eifrig Watschen austeilte – an Toni Ehmann, Rio Ferdinand und die Rapid-Fans. Gedruckt wurde nur ein Teil der Aussagen, um Naumoski vor gröberem Schaden zu bewahren. Oder das Interview mit Josef Hickersberger im Vorfeld der Heim-EM 2008. Der Teamchef war sich damals nicht zu schade, mit uns genauso lang zu sprechen wie mit den Massenmedien, um dann für das Fotoshooting noch einen Spaziergang auf den Gleisen der neuen U-Bahn-Station am Ernst-Happel-Stadion zu wagen. Äußerst fotogen war auch Ex-Sturm-Präsident Hannes Kartnig, der 2011 im ballesterer bekannte: „Ich war auch so ein geiler Idiot.“

Bei Kartnig und einigen anderen blieb uns das Lachen manchmal im Hals stecken. So als Adi Pinter erzählte, dass ihn sein Freund Jörg Haider gern zum Innenminister gemacht und dann ein anderer Wind durch Österreich geweht hätte. Während daraus nichts wurde, donnerte nach der Veröffentlichung allerdings ganz real die Stimme von Roman Mählich durchs Büro, weil sich der ORF-Experte vom Leobener Sportdirektor nicht als Gehirnamputierter bezeichnen lassen wollte.
    

Wobei das Redaktionsleben überhaupt Anlass bot für allerhand Abenteuer und Attraktionen: das erste Büro in der Schönbrunner Straße, in dem Leser und Interessierte ein- und ausgehen konnten. Die mehrtägigen Sommerklausuren in entlegenen Teilen Österreichs und des benachbarten Auslands, bei denen die Heftplanung ebenso ernstgenommen wurde wie die Abendgestaltung. Die Podiumsdiskussionen im Club 2 x11, die Präsentationspartys, die gut besuchten Public Viewings zu Großereignissen im Pulse, im WUK und in der Pratersauna.


Aufgearbeitete Geschichte

Wichtiger als diese unterhaltsamen Episoden waren aber die Texte, mit denen der ballesterer etwas bewegte. Wie mit dem Leitartikel von Jakob Rosenberg und Georg Spitaler im Vorfeld des 110-jährigen Jubiläums des SK Rapid 2009, in dem sie den unkritischen Umgang der Hütteldorfer mit dem Finalspiel gegen Schalke 04 um die deutsche Meisterschaft 1941 kritisierten. Der Text und ein Brief an den Verein führten schließlich dazu, dass Präsident Rudolf Edlinger die ballesterer-Redakteure mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Vereinsgeschichte während der Nazizeit und einem Buchprojekt beauftragte. Nicht minder bedeutende Publikationen gehen auf das Konto von David Winterfeld. Der Austria-Fan und Begründer der Serie „Fußball unterm Hakenkreuz“ stellte wichtige Recherchen zur Arisierung eines Kaffeehauses durch Matthias Sindelar an und sorgte mit seinen Forschungen dafür, dass am Happel-Stadion eine Gedenktafel für mehr als tausend zu Beginn des Zweiten Weltkriegs dort gefangengehaltene Juden angebracht wurde.


Ultras, Polizei, Profession
Darüber hinaus hat der ballesterer auch mit aktuellen Geschichten große Aufmerksamkeit erregt – insbesondere zu Fanthemen. Seien es die Schwerpunkte zu Polizei, Justiz, Hooligans und Ultras oder die Reportage über eine von Schikanen überschattete Auswärtsfahrt von Napoli-Fans nach Rom im Sommer 2008. Die Titelgeschichte des ballesterer aus dem Schwerpunkt zur Krise des italienischen Fußballs fand auch in internationalen Medien und sogar einem Parlamentsbericht Niederschlag. Die RAI entsandte ein Fernsehteam nach Wien, um Jakob Rosenberg und mich zu interviewen.


Diese 36. Ausgabe stellte aber auch aus anderen Gründen einen Meilenstein dar, denn seit damals erscheint der ballesterer monatlich. Einer von vielen Schritten zur Professionalisierung, die wir im Lauf der Jahre gemacht haben. Die journalistische Qualität, der schreiberische Stil, die grafische Umsetzung, Vertrieb, Abos, Marketing – all diese Bereiche wurden weiterentwickelt. Freilich sind dabei auch Fehltritte passiert: Zur EM-Ausgabe ließen wir – in gefühlter Reichweite zur Weltherrschaft – 2008 eine CD mit Fußballliedern produzieren, deren verkaufssteigernder Effekt den Gegenwert eines Neuwagens unter den teuren Produktionskosten blieb. Und bei der Ausgabe zu Sex und Fußball konnten wir die Druckerpresse gerade noch rechtzeitig anhalten, nachdem wir einem ehemaligen Teamspieler ein Rotlichtlokal angedichtet hatten. Vor Gericht verantworten mussten wir uns wegen inhaltlicher Fehler nie. Bezeichnend ist allerdings, dass die beiden konkretesten Klagsdrohungen von einem hohen Fußballfunktionär und einem Spielerberater kamen, also von Vertretern des Establishments, die sich auf den Schlips getreten fühlten.


Aus den Händen der Redakteure
Unterm Strich hat der ballesterer eine Entwicklung genommen, die im März 2000 nicht vorstellbar war. Damals, als wir die Auflage der Debütnummer von 300 Stück aus dem Copyshop in die Studenten-WG schleppten und dort händisch mit dem grünen Pickerl „Mit England-Korrespondent“ ausstatteten. Damals war der ballesterer ein klassisches Fanzine – engagiert und amateurhaft im besten Sinne. Beeinflusst waren wir von englischen Vorbildern wie dem When Saturday Comes, das zu einem unverschämten Preis am Westbahnhof verkauft wurde. Unser erstes Heft war mit einem Preis von 25 Schilling deutlich günstiger. Bis es in den Trafiken landete, sollten aber noch einige Jahre vergehen.


Bis dahin vertrieben wir den ballesterer über eigene Kanäle. Neben ein paar Verkaufsstellen – Platten- und Buchhandlungen, Pubs und Kulturvereine – ging ein guter Teil der Auflage über Abos und den Stadionverkauf weg. Eine nicht selten mühsame Zusatzbeschäftigung: Beim Ländermatch gegen die Niederlande 2002 im ausverkauften Happel-Stadion brachten wir gerade einmal fünf Stück an die Fans. Stattdessen regnete es sachliche Bemerkungen a la „San do a Nackerte drin?“. Bei Ligaspielen lief es wesentlich besser. Die Tätigkeit an der Basis erwies sich als wichtig, weil wir uns dadurch Respekt in den Kurven erarbeiteten – in so unterschiedlichen Fanszenen wie jenen von Rapid, dem Sportklub und Blau-Weiß Linz.

Institutionalisierung auf Raten
Respekt, der von anderer Seite länger auf sich warten ließ. So lehnte die Bundesliga das Ansuchen um eine Saisonakkreditierung mehrmals mit dem Verweis ab, dass wir ein Fanmagazin seien – auch noch nach 2004, als erstmals ein ballesterer-Autor für ein großes internationales Turnier akkreditiert wurde. Seit 2008 haben wir alle Welt- und Europameisterschaften beschickt und sind auch im Vorfeld in die Austragungsländer gereist, um für unsere Sonderhefte zu recherchieren. Trotz chronisch leerer Reisekassen flogen und fuhren größere Redakteursgruppen nach Argentinien, Brasilien, Südfrankreich, Katalonien und immer wieder nach England, Schottland, Deutschland und Italien. Der Aufwand machte sich nicht nur für unsere Leserinnen und Leser bezahlt, sondern manchmal auch für uns. Zahlreiche ballesterer-Autorinnen und -Autoren erhielten Anfragen aus anderen Redaktionen. Auch vom Fernsehen werden wir gern interviewt – zu geschichtlichen, wirtschaftlichen und politischen Fußballthemen genauso wie zu Phänomenen wie Spielmanipulation und Gewalt. Zudem konnte die ballesterer-Redaktion in den vergangenen Jahren zahlreiche Preise gewinnen. Stefan Kraft, Nicole Selmer, Mathias Slezak und ich wurden mit dem Sports Media Austria Award ausgezeichnet, zudem gab es einen Sonderpreis bei der Wahl zum Journalisten des Jahres 2011. Aus der Frühphase stehen der deutsche Fanzine-Pokal 2004 des „Bündnis Aktiver Fußballfans“ und die Wahl zum besten deutschsprachigen Fanmagazin im Folgejahr in der Redaktionsvitrine.

Austausch und Konstanz
Sonst noch Fragen? Die, warum es den ballesterer nach 15 Jahren und 100 Ausgaben immer noch gibt, lässt sich relativ leicht beantworten: Weil wir ihn ständig weiterentwickeln und er doch derselbe geblieben ist. Was etwas widersprüchlich klingt, ist der Kern des Erfolgskonzepts. Regelmäßig sind neue Leute dazugekommen und die meisten alten dabei geblieben. Über 300 Personen haben Texte, Fotos, Grafiken und vieles mehr zu unserem Magazin beigesteuert – lange, ohne dafür bezahlt zu werden. Auch wenn diese Menschen sehr unterschiedlich sind, haben sie doch eines gemein: Sie sind Fußballfans und lieben die intelligente, kritische und witzige Herangehensweise, für die der ballesterer steht. Und wer sich unser Motto – Magazin zur offensiven Erweiterung des Fußballhorizonts – vor Augen führt, braucht sich auch um unsere Zukunft keine Sorgen machen. Denn den Horizont kann man nie erreichen.  

Chronologie:

2000
Im März erscheint die erste Ausgabe des ballesterer mit 32 Seiten und einer Auflage von 300 Stück. Die Redaktion kommt mit den eigenen Ambitionen noch nicht mit: Bis das zweite Heft den Copyshop verlässt, vergeht mehr als ein Jahr.

2002
Bereits nach fünf Ausgaben verordnet sich der ballesterer einen inhaltlichen und grafischen Relaunch. Heft Nummer sechs im Umfang von 68 Seiten kommt erstmals aus der Druckerpresse. Das Titelthema wird fortan in einem Schwerpunkt abgehandelt.

2004
Mit der EM-Ausgabe und Antonin Panenka am Cover erreicht der ballesterer die Bahnhofstrafiken. Einen farbigen Titel und die Umstellung auf vierteljährliches Erscheinen gab es schon mit dem Heft davor. Im Sommer wird das erste Büro in der Schönbrunner Straße bezogen.

2006
Statt vier gibt es nun sechs ballesterer-Ausgaben pro Jahr. Gründer Reinhard Krennhuber wird der erste bezahlte Mitarbeiter des Magazins, das nun auch den Deutschlandvertrieb aufnimmt.

2008
Zur EM in der Schweiz und Österreich erscheint eine 100-seitige Spezialausgabe mit der Rekordauflage von 40.000 Stück. Das gemeinsam mit FM4 organisierte Public Viewing im WUK platzt aus allen Nähten. Nach dem Großereignis wird aus dem ballesterer ein Monatsmagazin.
    

2009
Um den wachsenden wirtschaftlichen Anforderungen gerecht zu werden, gründen sechs langjährige Autoren die Ballesterer Zeitschriftenverlag GmbH. Geschäftsführer wird Hans Georg Egerer. Herausgeber bleibt der 2002 gegründete Verein, der weiterhin über Chefredakteur, Blattlinie und die Schwerpunkte bestimmt.

2010
Bei der WM in Südafrika ist der ballesterer mit Reinhard Krennhuber und Jakob Rosenberg doppelt vertreten. Auch von den folgenden Großereignissen berichten wir aus erster Hand, 2014 in Brasilien sind gleich drei Autoren vor Ort.

2012
Jakob Rosenberg, bisher Chef vom Dienst, übernimmt das Amt des Chefredakteurs. Zur EM in Polen und der Ukraine lädt der ballesterer erstmals zum Public Viewing mit Badebetrieb in die Wiener Pratersauna. Tausende Menschen genießen dort die Liveübertragungen und das umfassende Rahmenprogramm.

2013
Der ballesterer erhält ein neues Erscheinungsbild: In Zusammenarbeit mit dem Grafikkollektiv LWZ und Manuel Radde wird ein grafischer und inhaltlicher Relaunch umgesetzt. Statt 68 hat das Magazin nun 84 Seiten.

2014
Mit der stellvertretenden Chefredakteurin Nicole Selmer sitzt erstmals eine Frau in der redaktionellen Leitung des ballesterer. Für ihre Reportage zu Fanvereinen erhält sie wie Mathias Slezak den Sports Media Austria Award.

Referenzen:

Heft: 100
ballesterer # 120

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 13.04.2017.

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