Farewell to Hell

cache/images/article_1594_alisamiyen_140.jpg Im Ali Sami Yen von Galatasaray wurden nur wenige Freundschaften mit Gegnern geschlossen, der Ruf als »Hölle« basiert aber auf einem Lausbubenstreich. Zum Abschied aus dem Stadion gab es einige Turbulenzen, die sich bei der Eröffnung seines Nachfolgers in einen Eklat mit dem türkischen Premier Erdogan auswuchsen.
Ali Sami Yen hätte sich im Grab umgedreht. Es ist der 11. Dezember 2010 und der 1905 vom Istanbuler Trainer und Funktionär gegründete Galatasaray Spor Kulübü empfängt die Mannschaft von Genclerbirligi zum letzten Meisterschaftsspiel in dem nach ihm benannten Stadion. Nach einer halben Stunde führt der Underdog 2:0 und weite Teile der Galatasaray-Fans beginnen, gelungene Aktionen des Gegners zu bejubeln und die eigene Mannschaft zu verschmähen. Die ist auch nach der Pause nicht in der Lage, das Match zu drehen. Der Unmut schaukelt sich hoch, Sitzschalen fliegen. Teil eins der geplanten Abschiedsparty für das legendäre Istanbuler Stadion endet in Ärger und Chaos.

Plastikleichen und schlafende Katzen
Beim Stadionrundgang, drei Tage später, sind die Spuren des Unmuts immer noch zu sehen. Der Kahlschlag auf den Tribünen ist massiv: Tausende Sitzschalen wurden herausgerissen, ihre angestammten Plätze auf der Gegengeraden und in den Kurven sind verwaist. Die Plastikleichen türmen sich auf der Laufbahn vor den Tribünen. Wegräumen scheint sie keiner zu wollen. »Die Partie war schrecklich und die Reaktion der Fans beschämend«, sagt Mehmet Senol, Chefredakteur des Klubmagazins von Galatasaray und einst Mitgründer des bekannten Fanklubs »Ultraslan«. »Die Leute haben den Gegner angefeuert, und das passt nicht zum Ali Sami Yen. Diese Reaktion hat einen Tag der Erinnerung zerstört. Ich war sehr enttäuscht und habe das Stadion zur Halbzeit verlassen.«

Es war das erste Mal, dass Senol einem Spiel im Ali Sami Yen vorzeitig den Rücken gekehrt hat dabei war alles angerichtet für ein stimmungsvolles Fest. Gemeinsam mit seinen Freunden hatte er eine alte Tradition wiederaufleben lassen. In den Zeiten vor dem Kartenverkauf übers Internet hatten sie sich immer schon am Vorabend eines Matches beim Ali Sami Yen angestellt, um auch ja Tickets zu bekommen. Für das Match gegen »Gencler« wurde dieses Ritual ein letztes Mal wiederholt. »Wir waren 60 Leute, wegen der Kälte haben wir die Nacht dann aber in einem Restaurant in der Nähe durchgemacht und in Fünf-Minuten-Schichten vor dem Stadion Wache geschoben.« Am Morgen des Matches versammelten sich dann rund 1.000 Hardcore-Fans auf der Straße hinter dem Stadion, um noch einmal mit Raki und Bier auf das Ali Sami Yen anzustoßen. Für nach der Partie war eine Grillerei im Stadion geplant. Doch dazu sollte es nicht kommen.

Das Ali Sami Yen stirbt leise vor sich hin. Der rot-gelbe Anstrich der Tribünen hat jeglichen Glanz verloren, die schiefen Treppenaufgänge vermitteln den Eindruck einer vergangenen Fußballepoche. In der »Cehennem«, wie die Hölle auf Türkisch heißt, herrscht an diesem Nachmittag eine nahezu gespenstische Ruhe. Neben dem Stadionchef und zwei seiner Mitarbeiter sind nur noch zwei Greenkeeper mit Rasenarbeiten beschäftigt. Auf den mit Leder überzogenen Sesseln der teuren Plätze schlafen Katzen.

Ein Spiel wird die alte Hütte noch sehen, ein Cupmatch gegen einen Zweitligisten. Dann kommen die Bagger und schaffen Platz für ein weiteres Hochhaus, das sich neben den 150 Meter hohen Trump Towers in den Himmel schrauben wird. Für das Ali Sami Yen ist kein Platz mehr im Stadtteil Mecidiyeköy, gleich neben der Stadtautobahn und unweit des zentralen Taksim-Platzes. Es ist in die Jahre gekommen und steht auf einer viel zu wertvollen Immobilie, als dass es in einer boomenden Metropole wie Istanbul nicht früher oder später zum Ziel von Grundstückspekulationen werden musste.

Stadion und Grundstück hatten nie Galatasaray gehört, sondern der öffentlichen Hand. 2004 wurde ein Vertrag zum Bau eines Stadions an der Peripherie unterzeichnet. Pläne, ein neues Ali Sami Yen an alter Stelle zu errichten, waren damit hinfällig. Stattdessen wurde dem Klub vorgeschlagen, in ein größeres Stadion an den nördlichen Stadtrand umzuziehen. Die Kosten für die Errichtung der Arena würde der Staat über seinen Bauträger TOKI übernehmen, der Stadtteil extra für die »Aslanlar« (Löwen) in Aslantepe umbenannt werden.
 
Ein Angebot, das der Klub trotz der damit verbundenen Entwurzelung nur schwer ablehnen konnte. Und ein Geschäft für den Staat: Einnahmen von kolportierten 360 Millionen Euro für das Grundstück in Mecidiyeköy standen Ausgaben von rund 220 Millionen für den Neubau gegenüber. Anders als Fenerbahce, das mit dem Geld seines Präsidenten Aziz Yildirim das Sükrü-Saracoglu-Stadion renovieren und ausbauen konnte, wird »Gala« aber auch in Zukunft nicht frei über sein Heim verfügen können. Der Verein bekam lediglich einen Mietvertrag für die nächsten 50 Jahre zugesichert.

Der lange Weg zum Hexenkessel
In der Zeit seiner Erbauung, also vor knapp 50 Jahren, war das Grundstück des Ali Sami Yen selbst noch am Stadtrand gelegen. Istanbul zählte damals 1,3 Millionen Einwohner, heute leben im fünftgrößten Ballungsraum der Welt rund zehnmal so viele Menschen. Eröffnet wurde das Ali Sami Yen 1964 mit einem Freundschaftsspiel zwischen der Türkei und Bulgarien, davor hatte »Gala« seine Heimspiele in dem im zweiten Weltkrieg zerstörten Taksim-Stadion (19211940) sowie danach im Inönü des Stadtrivalen Besiktas ausgetragen.

Die Bauzeit zog sich über mehr als zwei Jahrzehnte, aber auch nach der Fertigstellung wurde der Klub darin nicht gleich heimisch und wich immer wieder an andere Spielorte aus für Istanbuler Verhältnisse damals keine große Besonderheit, weil sich alle Stadien in öffentlichem Besitz befanden und auch Fenerbahce und Besiktas auf wechselnden Plätzen spielten.

»Die wirkliche Geschichte von Ali Sami Yen beginnt in den 1980er Jahren«, erzählt Mehmet Senol. »Die Fans haben sich hier erst zuhause gefühlt, als Galatasaray 1987 die erste Meisterschaft nach 14 Jahren gewinnen konnte.« Das entscheidende Match gegen den anatolischen Klub Eskisehirspor war gleichzeitig das erste, das der Journalist und Fan im Stadion miterlebte


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