Feuer und Flamme

cache/images/article_1286_46fans_pyr_140.jpg Dass mit Jänner 2010 das Zündeln in Österreichs Stadien der Vergangenheit angehören soll, schlägt in Fankreisen hohe Wellen. Doch auch unter den Akteuren am Rasen und auf der Trainerbank finden sich Verteidiger dieser Tradition des Anfeuerns.
Die Silvesternacht 2009/2010 dürfte eine der hellsten der letzten Jahre werden, denn für die Pyromanen unter Österreichs Fußballfans heißt es dann: Bestände aufbrauchen. Mit einer neuen Gesetzesnovelle, die mit Anfang nächsten Jahres in Kraft tritt, wird die Toleranzgrenze für die Verwendung pyrotechnischer Gegenstände auf Null gesetzt. »Keine Ausnahmen und eine rigorose Vorgehensweise gegen Verstöße«, lautet die Vorgabe der Regierung. Die Kurven des Landes befinden sich seit Bekanntwerden der Einschränkungen auf den Barrikaden, will man sich doch keinesfalls eines Grundelements der heutigen Fankultur berauben lassen. Neben dem obligatorischen Zwiespalt zwischen Fans und Autoritäten stellt sich aber die Frage, was denn die Kicker von Rauch und Feuer an ihrem Arbeitsplatz halten.

»Eine tolle Gschicht«

Für Hannes Aigner, Stürmer bei Magna Wiener Neustadt, sind Bengalen »eine gute Gschicht«, solange niemand zu Schaden kommt. Das Thema sei allerdings komplex. »Von der Stimmung im Stadion her ist es eine gute Sache. Wenn man am Tivoli spielt und da vorne die Leute stehen, wenn man reingeht, da kriegt man eine Ganslhaut, das ist einfach eine tolle Gschicht.« Danach müsse aber Schluss sein, findet Aigner, und die Stimmung mittels Gesang weitergetragen werden. Auch dass Bengalen aufs Spielfeld fliegen, hat er schon erlebt: »Das sollte auch nicht passieren«.


Die Verantwortung für die richtige Handhabung sieht Hannes Aigner bei den Fanklubs. »Ein Bengalisches Feuer ist ja nicht irgendwas. Da kannst dich schon verletzen. Wenn die Fanklubs das geregelt kriegen, dann find ichs gut. Das sind ja meistens keine kleinen Kinder mehr, sondern verantwortungsbewusste Leute.« Das Pyro-Verbot hält der Stürmer für sehr drastisch, vermutet aber, dass auf Vorfälle reagiert worden sei. »Ein Gesetz kann man dann halt auch nicht brechen. Ich find die ganze Pyro-Gschicht zwar gut, aber man muss sich nicht rauflehnen, wenn andere Möglichkeiten vorhanden sind, dass man im Stadion Stimmung macht.«


Aigners Verweis auf sein Engagement bei Wacker Innsbruck erscheint keineswegs zufällig, gilt doch das Innsbrucker Tivoli als tolerante Zone für den pyro-affinen Fußballfan. Nach Absprache mit dem Verein dürfen die Anhänger des FC Wacker dort legal zündeln. Für Mittelfeldspieler Mario Sara sind Feuer und Rauch ein fester Bestandteil der Innsbrucker Stadionatmosphäre: »Das sind beeindruckende Shows. Es hat schon was, wenn sich vor dem Match die Leute auf der Nord der Reihe nach aufstellen und die Bengalen anzünden.« Laut Sara überwiegen die positiven Showelemente klar gegenüber gelegentlichen Sichtbehinderungen. »Ich selbst habe während des Spiels noch keine negativen Erfahrungen mit Pyros gemacht. Bei uns verzieht sich der Nebel immer gleich. Aber ich kann mir schon vorstellen, dass das störend sein kann.«

»Was das Live-Erlebnis ausmacht«

Denkt Austria-Verteidiger Manuel Ortlechner an Pyro, fällt ihm eine »coole Kulisse« ein, »wo du als Spieler am Platz stehst und denkst: Wow, was machen die Fans da? Lässig, klass!« Obwohl er weiß, dass es mit Bengalen auch innerhalb der Fanszene gelegentlich Probleme gibt und sie vielen Vereinsverantwortlichen ein Dorn im Auge sind, würden sie die Fußballszene sehr beleben. »Ich wäre dagegen, wenn man das Ganze abstellt. Es muss halt im Rahmen bleiben. Wenns angemeldet ist und goutiert wird, dann kann das kein Problem sein«, so Ortlechner zum ballesterer. Durch ein vernünftiges Miteinander ließe sich alles regulieren.


Flammen und Rauch während der Spielzeit sind für Ortlechner allerdings unnötig. »Lassen wir den Fußball im Vordergrund stehen in einem tollen Rahmen! Jeder freut sich, wenn ihn die Fans nach vorne peitschen. Aber Geschichten, wo ein Spiel unterbrochen werden muss, sind nicht notwendig«, erinnert er sich an eine Partie in Graz, wo man vor lauter Nebel die Hand vor Augen nicht mehr erkennen konnte. Das beträfe aber vor allem die Rauchtöpfe. Die kommende Verschärfung findet er schade, »weil es ein Teil vom Drumherum ist. Dann kann ich gleich hergehen und mir die Spiele im Fernsehen anschauen. Das sind einfach die Dinge, die den Stadionbesuch zu etwas Besonderem machen.«

»Es geht um den Fan«

Dass Pyro und Choreos vor allem den Fans den Spielbesuch verschönern, weiß auch Didi Kühbauer. Der Ex-Mittelfeldmotor sieht die Angelegenheit pragmatisch: »Sollte einmal viel Rauch sein, mein Gott, dann spielst halt fünf Minuten später.« Als Spieler sei man ohnehin mehr aufs Match fokussiert. »Da gehts in erster Linie um den Fan, der etwas Großartiges machen will.« Insofern hält Kühbauer vom Pyro-Verbot nicht viel: »Es wird mittlerweile alles schon verboten, deshalb ist das für mich nicht überraschend. Bei uns gehts ja bald soweit, dass du mit Badeschlapfen reingehen musst.« Österreich sei punkto Pyro ohnehin in den Kinderschuhen. »Bei uns ist es nicht einmal schlimm«, sagt Kühbauer und erzählt von einem Spiel in Argentinien, »da hat man gemeint, sie feiern Silvester, so brutal war das.«


Ein Restrisiko würde auch mit dem neuen Gesetz bestehen bleiben. »Du kannst nicht für jeden die Hand ins Feuer legen. Wenn einer wirklich einen Alleingang macht, wie willst das kontrollieren?« Kühbauer vertraut den Fans, was den Umgang mit Pyrotechnik anbelangt und kann sich nicht vorstellen, dass etwas Gröberes passiert. »Ein paar werden sagen: Na, die Trotteln wieder. Aber es hat sich halt eingebürgert, und ich seh kein Problem darin.« Viel schlimmer findet der nunmehrige Coach das Werfen von Feuerzeugen und ähnlichen Gegenständen, die Spieler verletzen könnten. »Aber ich wüsste nicht, dass mit dem Pyro-Zeug wem etwas passiert wär.«


Doch gerade das Werfen von Bengalischen Fackeln hat in den letzten Jahren immer wieder für negative Schlagzeilen gesorgt. Am 4. März 2007 gipfelte die erhitzte Stimmung beim Wiener Derby im Horr-Stadion in einem fliegenden Feuerwerkskörper, der Rapid-Tormann Helge Payer am Fuß traf. Um die Eskalation nicht weiter zu schüren, ließ Payer unangebrachte Theatralik vermissen und spielte weiter. Auf die Problematik angesprochen, appelliert auch der Rapid-Keeper für einen vernünftigen Umgang mit Pyro: »Wenn die Leute das Zeug immer richtig verwenden würden, würde es wohl auch kein Verbot geben.« In weiterer Folge outet sich aber auch Payer als Anhänger der feurigen Kulisse: »Ich bin selbst großer Fan von Sampdoria Genua und wenn die eine schöne Pyro-Show abziehen, schaut das schon geil aus.«


Der Einsatz von Pyrotechnik hat sich in den letzten Jahren von einer Selbstverwirklichung der Fans zu einem fixen Bestandteil der Fußballlandschaft entwickelt. Nicht nur auf den Rängen hat sich Anzahl der Befürworter stark vergrößert. Und so wird auch mancher Profi ab der Frühjahrssaison wehmütig auf die dunklen Tribünen des Landes blicken.

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