Die richtige Einstellung
Lukas Grozurek, Stürmer beim Wiener Sportklub und im U18-Nationalteam, steht vor dem Sprung zur Profikarriere. Einen großen Anteil daran gibt der 17-Jährige seiner Sozialisation als Kind: »Mein Bruder und ich haben immer schon zusammen im Garten Fußball gespielt. Als wir fünf oder sechs Jahre alt waren, hat uns mein Stiefvater zum Rapid-Training gebracht.« Später, nachdem sich die Grozureks für den Sportklub entschieden hatten, war der Stiefvater sogar jahrelang Trainer der beiden. Doch die familiäre Unterstützung findet sich bei Hobbykickern ebenso wieder wie bei Profis. Schwerer festzumachen ist, wann die Profikarriere zum realistischen Ziel geworden ist. Daniel Luxbacher, ebenfalls 17 Jahre alt und Rapid-Amateur, erinnert sich an den ausschlaggebenden Moment: »In der U15 habe ich gesehen, dass es gute Trainer gibt, ich mich entsprechend entwickle und die Chancen für einen sportlichen Aufstieg vorhanden sind.«
Der entscheidende Punkt ist aber der Übergang vom Nachwuchs- zum Erwachsenenfußball. Bis in die U23 zu kommen hält Grozurek nicht für schwierig. Wenn man zu diesem Zeitpunkt jedoch merke, nicht zu den Besten zu gehören, gebe man nicht mehr alles. Viele würden dann das Ziel aus den Augen verlieren: »Wenn man sich denkt, man schafft es eh nicht, dann trainiert man nicht mehr gescheit, geht fort und solche Sachen. Und dann ist es vorbei.« Heinz Lindner, 19-jähriger Tormann der Wiener Austria, sieht das ähnlich: »Es gibt Spieler, die viel mehr Talent haben als andere und es trotzdem nicht schaffen. Ich glaube, dass sich da viel im Kopf abspielt.« Ein spezifisches Mentaltraining absolvieren dennoch die wenigsten. Lindner glaubt auch nicht, dass das notwendig ist: »Man muss sich einfach immer nur vor Augen halten, wie weit man schon gekommen ist. Dann geht das mit der Einstellung eigentlich von allein.«
Die Einstellung ist aber untrennbar verbunden mit der sozialen Umgebung sowie der Dynamik innerhalb der Mannschaft. Beim Sportklub sind es die älteren Spieler, die die jüngeren immer wieder antreiben und pushen. »Wenn einer von den Jungen sich hängen lässt, wird er gleich von den Alten zurechtgewiesen: Was ist mit dir? Gib Gas!«, erzählt Grozurek. Auch bei den Rapid Amateuren ist der Zusammenhalt augenscheinlich sehr stark: Die Spieler treffen sich immer schon eine Stunde vor dem Training, der Großteil der Freunde ist selbst in ballesterischer Ausbildung. Zusätzliche Motivation gibt ihnen der Kontakt zu den Kollegen aus der Kampfmannschaft. Der Klubwechsel eines Vorbilds kann da schon wehtun: »Maierhofer, zum Beispiel, der war wirklich leiwand. Er war der Beste!«, meint Ertan Uzun, Torhüter bei den Amateuren.
Die richtige Ausbildung
Der sorgfältigen Vereinswahl messen die Jungkicker ebenfalls hohe Bedeutung bei. »Ich glaube, dass Rapid der richtige Verein ist«, ist Luxbacher überzeugt. Wie die Shootingstars Pehlivan und Dragovic zeigen, begünstigen Fußballklubs mit guter Infrastruktur wie Rapid und Austria den Werdegang des Nachwuchses erheblich. Deutlich wird das nicht zuletzt an der geregelten Verbindung von Ausbildung und Fußball. Uzun genießt die Vorteile der Zusammenarbeit seines Gymnasiums mit Rapid: »Wenn die Schule nicht mit Rapid kooperieren würde, wäre es ganz schwer gewesen, alles unter einen Hut zu bringen.« Heinz Lindner, der als 15-Jähriger aus Oberösterreich in die Stronach-Akademie kam, hat ähnliche Erfahrungen gemacht: »Es hat funktioniert, weil alles gut eingeteilt wurde. Schulstunden und Trainingseinheiten haben sich nicht überschnitten.« Solche Vorteile kennt Grozurek beim Dornbacher Traditionsverein weniger, er ist manchmal gezwungen, Prioritäten zu setzen: »Wenn ich Nachmittagsunterricht habe, muss ich auch einmal eine Stunde früher gehen. Das geht nicht bei allen Lehrern. Letztes Jahr habe ich aber einen gehabt, der Verständnis gezeigt hat, weil er Sportklub-Fan ist.« Luxbacher hat sich im Gegensatz zu seinen Alterskollegen für eine Berufsausbildung als Bürokaufmann entschieden. Sollte es nichts werden mit der Karriere, möchte er aber dennoch nicht in dieser Sparte beruflich tätig werden, »weil das so fad ist«.
Neben Lehre oder Schule und Training bleibt kaum Zeit für andere Interessen. Uzun beschreibt seinen Alltag: »Am Vormittag habe ich von halb neun bis zehn Uhr Training. Von zwölf bis halb fünf bin ich in der Schule. Am Abend trainieren wir wieder und dann fahre ich nach Hause. Das geht an mindestens drei Tagen pro Woche so.« Ausruhen können sich die Nachwuchstalente am spielfreien Wochenende.
Das richtige Leben
Bei so einem Tagesablauf bleibt auch kaum Zeit zum Lernen, weshalb die Schule eher als notwendiges Übel betrachtet wird. »Man sagt immer, Schule geht vor, aber bei mir ist das nicht so. Das ist zwar eigentlich schlecht, denn wenn man sich verletzt und aufhören muss, steht man irgendwo dazwischen. Aber mir ist der Fußball viel wichtiger«, gibt der 18-jährige Uzun zu. Mit Plan B, wenn die Profilaufbahn im Sand verlaufen sollte, haben sich die Nachwuchsfußballer noch kaum beschäftigt. Während Lindner davon überzeugt ist, Karriere zu machen, gesteht Grozurek, daran nicht allzu gerne zu denken. Schließlich wird auf die meisten Annehmlichkeiten der Teenagerzeit verzichtet und alles dem Traumberuf untergeordnet. »Man muss sich entscheiden: Entweder man geht fort, oder man wird Profi«, sagt Luxbacher. Die Jungprofis müssen tagtäglich beweisen, den Fußball an erste Stelle zu reihen. Die Folge ist eine etwas andere Lebensweise, vor der so mancher zurückschreckt. Während Luxbacher gern mehr Zeit mit seiner Freundin verbringen würde, ist Teamkollege Uzun selbst in derartigen Fragen deutlich strikter: »Freundin habe ich keine. Erst wenn ich mal etwas geschafft habe, würde ichs mir überlegen.«
Ein Traum scheint für alle österreichischen Nachwuchsfußballer der gleiche zu sein: ins Ausland zu einem großen Klub zu wechseln. Weil viele Jungtalente noch zu Hause wohnen, würde dann neben einer fremden Umgebung und Sprache noch der Schritt in die Selbstständigkeit dazukommen. Mit Familie und Freunden müssten auch die scheinbar kleinen Vorzüge des jetzigen Lebens zurückgelassen werden. Uzun würde zum Beispiel besonders die gute Küche seiner Mutter vermissen.
Eifersüchtig auf Gleichaltrige, die nicht vor solche Probleme gestellt sind, ist aber keiner der beiden Rapid-Amateure. Sie sind stolz auf bisher Erreichtes und überzeugt, dass eher die anderen neidisch sind. Hämische Kommentare wie »Ich wäre viel besser als du, wenn ich nicht aufgehört hätte« lassen Uzun relativ kalt: »Da gibts ein gutes Rezept: Lass sie einfach reden und denk dir deinen Teil.«






Talent, Einstellung oder Ausbildung? Der Königsweg zur Fußballerkarriere ist noch nicht gefunden. Auf welchen Pfaden Nachwuchskicker heute gehen, haben sie dem ballesterer erzählt. Vier Wiener Jungprofis über das Verhältnis zu ihren Vorbildern, die schwierige Entscheidung zwischen Schule und Fußball und das, was sie sonst noch von ihren Altersgenossen unterscheidet.
erscheint am 12. Juli 2013.
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