French Connection

PARIS Zehn Briten und ein Franzose wurden im Jahr 1894 die ersten Fußballmeister Frankreichs. Ihren Verein gibt es heute noch. Das ist die Geschichte eines der ältesten Klubs des Landes, des Standard Athletic Club.
Mario Sonnberger | 08.05.2008
Im Südwesten von Paris, knapp zwanzig Bahnminuten vom Zentrum entfernt, liegt eine gepflegte Sportanlage mitten im Grünen. Der Hausherr, der Standard Athletic Club, ist im kleinen Vorort Meudon die erste Adresse für Freizeitsportler. Allwöchentlich, zwischen Bridgestunden und dem Fußballtraining, gibt es eine »Pub-Night« im Vereinslokal, wo neben Trophäen und Wimpeln auch ein Bild der englischen Königin an der Wand hängt. Standard ist durch und durch britisch und gilt als erster Meister Frankreichs.
1890 von britischen Auswanderern ins Leben gerufen, zählt Standard zu den ältesten noch existenten Fußballvereinen des Landes. Die Vormachtstellung, die er im ersten Jahrzehnt seines Bestehens erreichte, würde ihm auch heute noch einen Spitzenplatz im nationalen Titelranking sichern. Da die offizielle Zählung in Frankreich aber erst mit dem ersten landesweiten »Championnat« 1932 beginnt, sind seine fünf Meisterschaften nur ein Fall für die Geschichtsbücher.

 

Britenboom

 

Als Standard gegründet wurde, war Paris noch die Fußballhochburg des Landes. Wie die übrigen Bastionen des »Association Football« die Normandie, die Kohlenreviere im Norden und die Mittelmeerküste war die Hauptstadt Anziehungspunkt für Arbeiter aus dem In- und Ausland. Vor allem der Bau des Eiffelturms von 1887 bis 1889 lockte Tausende britische Facharbeiter an die Seine. Weil die inneren Bezirke durch die Urbanisierungspolitik Baron Haussmanns Mitte des 19. Jahrhunderts längst wohlhabenden Bürgern vorbehalten waren, zogen die Migranten zahlreich in die Vorstädte. Mit ihnen verbreitete sich auch der Fußball rasch in der Region. Zusammen mit dem White Rovers FC, dem lange Zeit dominanten britischen Team der Stadt, profitierte Standard von dieser Entwicklung. Der Klub gilt als erster Verein des Landes, der seinem Publikum Eintrittsgeld abverlangte.
Die Popularität des Sports machte auch vor Einheimischen keinen Halt. Im studentischen Milieu etablierte sich der Club Français als rein französische Mannschaft, die wenig später zum härtesten Rivalen der britischen Teams werden sollte. Obwohl der erste französische Fußballverein, der AC Le Havre, bereits 1872 gegründet wurde, fehlte es lange Zeit an einer einheitlichen Organisation für Turniere und Ligen. Erst als der  größte Leichtathletikverband des Landes, die USFSA, Teamsportarten wie Rugby und Fußball übernahm, wurden regionsübergreifende Turniere organisiert. Meist blieben die Pariser Vereine dabei unter sich. So auch beim »Coup Gordon Bennett«, benannt nach dem Gründer der Zeitung International Herald Tribune, den die USFSA im Frühjahr 1894 ausrichtete.
Vor dem Bewerb galten die White Rovers als große Favoriten. Das Team war in Frankreich noch unbesiegt und hatte in der Vorbereitung ein achtbares 1:3 gegen den britischen Amateurklub Marleybone FC erzielt. Programmgemäß erreichte man zusammen mit Standard das Finale. Die Athletiker, die in Testspielen sowohl gegen Marleybone als auch die Rovers hoch verloren hatten, waren im Endspiel nur Außenseiter. Doch schon die erste Partie der beiden britischen Klubs endete mit einem überraschenden 2:2. Den damaligen Regeln entsprechend musste also ein Wiederholungsspiel über den Turniersieg entscheiden. Im Vélodrome von Courbevoie setzte sich Standard schließlich mit 2:0 durch und krönte sich am 5. Mai 1894 zum ersten Meister Frankreichs. Aus der siegreichen Elf stachen nicht nur die Gebrüder Wynn hervor, die den Klub vier Jahre zuvor gegründet hatten, sondern auch ein gewisser Monsieur Leguillard der einzige und somit erste Franzose, der Fußballmeister seines Landes wurde.

 

Französische Verfolger

 

Während der »Coup Gordon Bennett« für die Gewinner der Auftakt einer beachtlichen Erfolgsserie war, hatten die White Rovers ihr Pulver verschossen. Bis 1898 zogen sie im Entscheidungsspiel dreimal den Kürzeren; als vierfacher Vizemeister löste sich der Verein schließlich auf. Standard hingegen dominierte die britisch-französische Fußballszene nach Belieben. Nach zwei Titeln in Folge musste man sich erst 1896 dem Club Français geschlagen geben. In den kommenden zwei Jahren wurde diese Scharte mit Titel Nummer drei und vier aber ausgemerzt. Dass sich neben den beiden Pariser Mannschaften auch noch Le Havre in die Statistikbücher eintragen lassen konnte, beruht auf einer besonderen Begebenheit: 1899 weigerte sich der Club Français, das Finale auszuspielen. Le Havre stand jedoch parat und wurde trotz sportlicher Unterlegenheit von der USFSA zum Meister erklärt.
Obwohl der Standard AC die Frühzeit des französischen Fußballs klar dominiert hatte, verpasste er dessen Blüte zu Beginn des 20. Jahrhunderts. 1901 holte der Club seinen letzten von insgesamt fünf Meistertiteln, danach blieben die Erfolge aus. Auch die
USFSA wurde als Dachverband von konkurrierenden Föderationen abgelöst. Als die Athletiker dann 1917 am ersten französischen Pokalwettbewerb aller Verbände teilnahmen, scheiterten sie bereits in der ersten Runde. Ausgerechnet der langjährige Rivale Club Français hatte sich als unbezwingbar erwiesen die Thronübergabe an die Franzosen war vollbracht.

 

Von Belgien bis nach Mailand

 

Schon in den Jahren zuvor hatte sich der französische Fußball langsam aus der britischen Umklammerung befreit. Zwar stieg der Anteil einheimischer Spieler auch bei Standard bereits nach den ersten Erfolgen stetig an. Das erste Spiel der französischen Nationalmannschaft 1904 erlebten die Kicker des Vereins aber nur als Zuschauer. Als sich 1919 schließlich der nationale Verband FFF gründete, hatte sich der AC bereits aus dem Spitzenfußball zurückgezogen. Nicht ohne Spuren zu hinterlassen: Standard Lüttich, später achtmal belgischer Meister, wählte seinen Namen aus Respekt vor den Parisern. Und noch heute erzählt man sich in Meudon, dass das Rot-Schwarz des großen AC Milan selbst ein von Briten gegründeter Verein auf die Trikots der Athletiker zurückzuführen sei.
Mittlerweile konzentriert sich Standard auf die Förderung des Amateursports. Teilweise mit beachtlichen Erfolgen praktiziert der Verein bis heute unter anderem Tennis, Golf und Cricket. Die Hockey-Sektion des Clubs schaffte es sogar bis in die zweithöchs-te Spielklasse des Landes freilich im Amateurbereich.
Fußball gespielt wird in Meudon aber auch heute noch. Die Kräfteverhältnisse zwischen Franzosen und Briten haben sich allerdings gedreht. Heute ist es eine französische Mannschaft, die vermischt mit zwei oder drei Engländern in einer unteren Pariser Liga wettkampfmäßig kickt. Die Briten selbst ziehen es vor, unter sich zu bleiben und als rein englisches Team zum Spaß und zur eigenen Unterhaltung am Platz den großen Zeiten nachzueifern.

Referenzen:

Heft: 30
Rubrik: Spielfeld
ballesterer # 121

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