„Fußball bleibt mein Leben“

cache/images/article_2473_weber_140.jpg Heribert Weber hat so oft wie kein anderer in der österreichischen Bundesliga gespielt, er stand zweimal im Europacupfinale und fuhr zu zwei Weltmeisterschaften. Im Interview spricht er über die Rückkehr der Liberos, Konflikte zwischen Freunden und strebsame Fußballehrer.

Heribert Weber wird am 28. Juni 60, Anlass genug für ein langes Interview mit dem ehemaligen Rapid- und Austria-Salzburg-Kapitän. Doch der Wiener Redakteur kommt schlecht vorbereitet zum Interviewtermin ins Hotel „Kern Buam“ nach Graz. Die erste Frage stellt Weber: „Wissen Sie, wer die ‚Kern Buam‘ waren?“ „Keine Ahnung.“ Da beginnt er zu singen: „Sechts Leutln, des is holt da steirische Brauch. Holadio! An türkischen Sterz und Schwammsuppm drauf. Holadio! Juchhu holadio des is holt da steirische Brauch!“ Nach der Einlage erfahren wir, dass Schwiegervater Josef Kern der Leiter der „Kern Buam“ war und das gleichnamige Hotel in Graz-Webling erbaute, das heute Webers Frau leitet.

ballesterer: Haben Sie Ihre Frau über die Volksmusik kennengelernt?
Heribert Weber: Nein, ich habe gleich gegenüber Buchdrucker gelernt. Da habe ich dieses Mädel hier im Hotel gesehen. Sie hat mir unheimlich gut gefallen. Also habe ich mir gedacht, wie kann ich die besser kennenlernen? Sie ist dann einmal zufällig mit ihrem Vater auf den Sturm-Platz mitgegangen. Schaut aufs Spielfeld, erkennt mich und sagt zu ihrem Vater: „Schau, da ist er. Ein Fußballer ist er.“ Das war mein erstes Spiel, und ich habe das 1:0 gegen Rapid geschossen.
Wieso sind Ihre Analysen auf Sky interessanter als die der meisten anderen TV-Experten?
Das kann und will ich nicht beurteilen, aber Fußball ist für mich in jeder Form das Interessanteste im Leben. Ich möchte immer wissen, warum der Fußballer oder Trainer das gerade so macht. Sky macht mir keine Vorgaben. Ich darf dort sein, wie ich bin. Statt jemanden bloßzustellen, schmunzeln wir lieber über seine Aktion. Andererseits wollen wir fachliche Kritik ernsthaft anbringen. Da das richtige Maß zu finden, ist aber ein schmaler Grat.
Ist die intensive Beschäftigung mit Taktik in der Spielanalyse ein neues Phänomen, oder war das zu Ihrer aktiven Zeit auch üblich?
Ich habe mich schon als Spieler intensiv mit dem taktischen Verhalten meines Teams beschäftigt. Früher sind die Trainer stärker über die menschliche Seite gekommen. Sie hatten extremes Gespür, wie sie mit den einzelnen Spielern umgehen mussten. Heute ist der Trainer eher Lehrer eines Konzepts und bekommt sehr gut ausgebildete Spieler aus der Akademie. Die funktionieren in diesem Konzept, ihre autonome Entscheidungsfähigkeit leidet aber darunter.
Waren Ihre letzten Jahre als Spieler Mitte der 1990er Jahre diesbezüglich eine Übergangszeit?
Otto Baric hat uns bei Salzburg extrem viel Freiheit gelassen. Das war seine große Stärke. Wenn wir älteren Spieler nach einer halben Stunde gemerkt haben, dass sein Konzept nicht funktioniert, haben wir umgestellt. Dazu hat er uns nach dem Spiel gratuliert. Heute wäre so ein strebsamer Lehrer dann vielleicht beleidigt.
Sie haben wenige Trainer in Ihrer Karriere gehabt. Was haben Karl Schlechta und Otto Baric bei Ihnen richtig gemacht?
Schlechta ist heute 92 Jahre alt, und wir stehen immer noch in Kontakt. Ich habe ihm alles zu verdanken. Damals habe ich als 18-jähriger Bub bei Pöls in der Unterliga Nord gespielt. Die Neue Zeit hat damals immer schon berichtet, wie viele Tore ich schieße. Deshalb haben mich meine Kollegen in der Berufsschule einmal gebeten, bei ihrem Match gegen die U20 von Sturm mitzuspielen. Da ist zufällig Schlechta auf der Tribüne gesessen. Wir haben 3:5 verloren, ich habe aber unsere drei Tore geschossen. Er hat mich zu Sturm geholt, bei meinem Einstand habe ich als Mittelstürmer das 1:0 gegen Rapid geschossen.
Sie sind sehr bald zurückbeordert worden und galten als der klassische Libero.
Klassisch würde ich nicht sagen. Klassisch ist für mich ein Libero, der kaum einmal in die Offensive geht. Ich habe 63 Tore in der Meisterschaft geschossen. Das ist für einen Verteidiger nicht so wenig.
Warum gibt es den Libero heute nicht mehr?
Vielleicht kommt er wieder. Inzwischen gibt es verschiedene Varianten der Verteidigungslinie – je nachdem, welche Spielanlage der Trainer verfolgt. Der heutige Sechser übernimmt beim Spielaufbau oftmals die Rolle des Liberos und spielt von hinten heraus. Ich habe damals beide Rollen gespielt. Wenn der offensivstarke Antonin Panenka im Mittelfeld überspielt worden ist, habe ich seinen Mann übernommen, während die Verteidiger bei den Stürmern geblieben sind. Wenn wir stark offensiv gespielt haben, habe ich vor den Verteidigern gespielt.
Als Trainer hat man Ihnen vorgeworfen, sehr ergebnisorientiert und defensiv spielen zu lassen.
Ja, bei Rapid. Eine gut organisierte Defensive ist der Schlüssel zum Erfolg. Die Torchancen waren da, aber leider haben wir nicht oft genug getroffen. Nehmen wir zum Beispiel den Marek Penksa: Ein quirliger Spieler und auch sehr brav, viel gelaufen, aber er hat keine Tore geschossen. Aber ich bin mit Rapid Zweiter geworden, mit zwei Punkten mehr als in der Saison, in der ich mit Salzburg Meister geworden bin.

Als Spieler wären Sie nach 1978 und 1982 auch fast 1990 zur WM gefahren. Wäre da nicht der Streit mit Trainer Josef Hickersberger passiert.

Wir waren damals befreundet und sind als Spieler mit Rapid gemeinsam Meister geworden. Danach ist er mein Trainer im Nationalteam geworden. Ich habe im Oktober 1986 beim Eröffnungsspiel im renovierten Praterstadion beim 4:1 gegen Deutschland meinen Abschied gefeiert. Hickersberger hat danach zu mir gesagt: „Heri, ich brauch dich.“ Da habe ich für die WM-Qualifikation verlängert. Vor dem entscheidenden Spiel gegen die DDR ist mir ein Zahn gezogen worden, und ich habe Schüttelfrost bekommen. Deshalb habe ich Hickersberger informiert, dass ich eventuell am Montag nicht zum Training kommen würde. Ich habe dann aber voll mittrainieren können. Am Mittwoch nach dem Abschlusstraining hat er mir gesagt, er könne die Verantwortung nicht übernehmen. Ich könne nicht spielen. Ich war damals 34 Jahre alt und Kapitän der Mannschaft.

Was haben Sie ihm geantwortet?

„Du brauchst keine Verantwortung für mich übernehmen. Wenn ich sage, ich bin fit, kann ich spielen.“ Er hat dann Nein gesagt: „Aber setz dich auf die Bank.“ Darauf ich: „Wenn ich nicht spielen kann, weil ich nicht fit bin, kann ich mich auch nicht auf die Bank setzen.“ Dann er: „Wenn du dich nicht auf die Bank setzt, wird das Konsequenzen haben.“

Was ist dann passiert?

Wir haben 3:0 gewonnen und uns qualifiziert. Danach bin ich mit Salzburg auf Trainingslager in Italien gewesen, auf einmal höre ich von der Pressekonferenz, auf der Hickersberger sagt: „Nie mehr Weber unter Hickers-berger.“ Damals hat es mich noch nicht so geärgert wie heute. Dass wir als gute Freunde nicht in der Lage waren, uns zu treffen und darüber zu reden. Erst Jahre später haben wir uns unseren Fehler gegenseitig eingestanden.

Sie haben zwei Europacupfinale bestritten. Eines mit Rapid gegen Everton im Cup der Cupsieger 1985 und eines, mit Hin- und Rückspiel, mit Austria Salzburg gegen Inter Mailand im UEFA-Cup 1994. Wie groß waren die Unterschiede?

Riesig. 1985 ist uns das ganze Mittelfeld ausgefallen. Und manche in der Mannschaft waren schon mit dem Erreichen des Finales zufrieden. Everton ist sehr körperbetont zur Sache gegangen und war uns total überlegen, weil unsere Einstellung im Kopf nicht gepasst hat. Das ist uns gegen Inter nicht passiert. Weil ich schon vorher davor gewarnt habe. Wir haben zweimal sehr unglücklich 0:1 verloren. Salzburg hat als Mannschaft mit vielen guten Durchschnittsspielern perfekt funktioniert, bei Rapid 1985 waren dagegen einige herausragende Spieler dabei.

Eine Ihrer Trainerstationen war der SC Untersiebenbrunn in der Ersten Liga, der mittlerweile in der Versenkung verschwunden ist. Vereine mit einem ähnlichen Umfeld gibt es auch heute in der Bundesliga. Macht es Sinn, in solchen Orten unbedingt Profifußball etablieren zu wollen?

Mit einem guten Sponsor kannst du relativ viel erreichen. Alles, was sportlich möglich ist, macht einen Sinn. Und wenn heute behauptet wird, dass Grödig in der Bundesliga nichts zu suchen hätte, finde ich das ungerecht. Dann haben alle Traditionsvereine, die flöten gegangen sind, dort auch nichts zu suchen.

Aber wenn Sie im Sky-Studio stehen und Grödig gegen Admira analysieren, würden Sie doch stattdessen lieber ein Grazer oder Linzer Derby ansehen.

Stimmt. Bei Sturm gegen Rapid vor Kurzem war die Atmosphäre toll. So stelle ich mir Fußball vor. Es gibt so viele Spiele in der deutschen Bundesliga, die um nichts besser sind als in unserer Liga, aber die Atmosphäre stimmt dort immer. Wenn 50.000 bis 60.000 Leute im Stadion sitzen, gehst du als Spieler mit einem anderen Ehrgeiz raus. Da rennen die Füße von selber.

Wir können uns kaum vorstellen, dass Sie seit Ihrem Engagement bei der Admira als Sportdirektor 2010 keine Angebote mehr bekommen haben.

Es hat genug gegeben. Ich habe aber nicht mehr das Bedürfnis danach. Ich bin ein fanatischer Arbeiter, und irgendwann geht das auf den Körper. Zum Glück habe ich relativ wenige Spiele als Trainer verloren, aber wenn du danach nächtelang nicht schlafen kannst, siehst du die Welt irgendwann ein bisschen anders. Trotzdem bleibt der Fußball mein Leben.

Heribert Weber (59) ist Fußballexperte bei Sky Austria. In seiner aktiven Karriere gewann er mit Rapid und Austria Salzburg fünfmal die Meisterschaft und viermal den Cup. Als Trainer konnte er mit Austria Salzburg 1997 den Meistertitel feiern.


Foto: Lucas Kundigraber

 


Referenzen:

Heft: 102
Rubrik: Interview
Thema: Heribert Weber
ballesterer # 120

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