Ein feindliches Gebiet für Sozialarbeit

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Hochgelobt, aber finanziell ausgehungert: Nach zwei Jahren beendet Armin Weber seine Tätigkeit bei der Fanarbeit Innsbruck. Der ballesterer hat den diplomierten Sozialarbeiter bei einer seiner letzten Auswärtsfahrten begleitet.

Rapid gegen Wacker Innsbruck, diese Paarung gilt als fantechnisch brisant. Im Sommer 2012 wurden die Wacker-Fans am Marsch zum Stadion einge-kesselt und einzeln perlustriert. Auch während des Spiels zeigte die Polizei Härte. Weil drei Fans auf dem Zaun saßen, nahm die Einsatzeinheit den Gästesektor in die Zange. Die Tiroler verließen noch während des Spiels das Stadion, mit etlichen Anzeigen und Verwaltungsstrafen im Gepäck. Nach solchen Spielen hat Armin Weber als Leiter der Fanarbeit Innsbruck viel zu tun. Sein jugendliches Klientel braucht Hilfe, Einsprüche müssen formuliert und Rechtsauskünfte erteilt werden.

Am 1. Dezember diesen Jahres kann sich Weber jedoch auf einen ruhigen Arbeitstag einstellen. Nur knapp über 10.000 Zuschauer kommen ins Hanappi-Stadion, auch der Gästesektor füllt sich spät und äußerst spärlich. Der ungünstige Termin am Sonntagabend, die Jahreszeit und die sportliche Krise bei Wacker fordern ihren Tribut. Weber wartet im Eingangsbereich auf die mitgereisten Fans. Er wird freundlich begrüßt, sie schätzen seine Arbeit. Fast 70 Spiele hat er in seinen zwei Jahren als Fanarbeiter begleitet, mit Jahresende wird er seine Tätigkeit beenden.

ballesterer: Bundesliga-Präsident Hans Rinner hat die Fanarbeit Innsbruck als europaweites Vorzeigeprojekt bezeichnet. Sie treten nach zwei Jahren als Fanarbeiter zurück. Warum?

    Armin Weber: Weil für mich weder beruflich noch privat eine Perspektive besteht. Der Rücktritt ist ein harter Schritt, aber es scheitert am Geld und damit an der Umsetzbarkeit unserer Vorhaben. Die Fanarbeit benötigt dringend einen zusätzlichen Mitarbeiter und einen Raum als Anlaufstelle für die Fans. Finanziell sind diese Vorhaben aber leider nicht umsetzbar.

Um wie viel Geld handelt es sich da?

   Das Budget beträgt 77.000 Euro, das ist schon sehr eng kalkuliert. Reisekosten sind gerade für Innsbrucker ein großes Thema und deshalb neben den Personalkosten ein hoher Budgetposten. Dennoch arbeitet die Fanarbeit Innsbruck mit wenigen Mitteln auf einem hohen Niveau.

Wie finanziert sich die Fanarbeit?

    Den Großteil hat der Verein Wacker Innsbruck über den Kooperationsvertrag mit der Faninitiative finanziert. Das Land Tirol und die Stadt Innsbruck haben auch einen kleinen Beitrag geleistet, genauso wie die Bundesliga. Damit die Subventionen auch wirklich fließen, muss man aber vor allem den Politikern sehr viel nachlaufen. Für das kommende Jahr haben wir bis heute keine Zusagen von der Politik. Auch die Bundesliga hat den Betrag entgegen früheren Ankündigungen gleich gelassen. Wir sprechen von 10.000 Euro, das ist zu wenig.

Die Bundesliga hat einen Topf, aus dem sie Projekte mit bis zu 30.000 Euro im Jahr fördern kann.

    Ja, deshalb bin ich sehr enttäuscht. Auch weil sich die Bundesliga mit diesem Projekt schmückt, uns dann aber gelinde gesagt ausbluten lässt.

Warum will niemand in die Fanarbeit investieren? Geraten die Geldgeber unter Rechtfertigungsdruck, wenn Fußballfans negativ auffallen?

    Da gibt es eine unrealistische Erwartungshaltung. Sozialarbeit mit Fußballfans hat nicht die Aufgabe, kurzfristig Ordnung herzustellen, sondern die jungen Fans langfristig zu begleiten. Im Idealfall wird erreicht, dass sie nicht in Konflikt mit der Justiz kommen und ein Leben als vorbestrafte und stigmatisierte Kriminelle führen müssen. Das ist ein langer Prozess über viele Jahre. Es geht um vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Fans. Aber ein Sozialprojekt wird Ausschreitungen oder einen Platzsturm nie ganz ausschließen können, genauso wenig wie die Polizei das kann.

Wie funktioniert die Arbeit mit den Fans - speziell bei Konflikten?

    Der wichtigste Baustein ist die Begleitung am Spieltag. Wenn es einen Konflikt gibt, kann man im Idealfall bereits vor Ort intervenieren und die Situation lösen. Wenn das nicht möglich ist, macht sich der Fan mit mir einen Beratungstermin aus. Dort wird anhand seiner persönlichen Situation abgeklärt, welche Schritte die sinnvollsten sind. Die Faninitiative ist juristisch sehr kompetent, und wir haben einen Anwalt, mit dem ich eng zusammenarbeite.

Was sind die größten Probleme?

    Im Fußballumfeld wird sehr viel gestraft. Die größten Beratungspunkte sind strafrechtliche und verwaltungsstrafrechtliche Geschichten. Das reicht bis zur Begleitung bei der Gerichtsverhandlung. Aber es geht nicht nur um juristische Beratung, wir versuchen auch bei Problemen wie Privatschulden und Wohnungslosigkeit zu helfen. Wenn die Leute Vertrauen haben, holen sie sich auch Unterstützung.

Probleme gibt es nicht nur mit der Polizei, auch über manche Ordner wird geklagt.

    Mit dem Ordnerdienst in Ried haben wir immer wieder Probleme gehabt, wobei es sich in den letzten zwei Jahren ein bisschen entspannt hat. Dennoch habe ich mich nach dem letzten Auswärtsspiel bei der Bundesliga über den Ordnerobmann der SV Ried beschwert, der in einer katastrophalen Art mit den Fans umgegangen ist. Das führt sämtliche Interventionsmaßnahmen ad absurdum. Das Wichtigste sind die kontinuierliche Zusammenarbeit und die Professionalität auf dieser Ebene.

Wie verläuft die Zusammenarbeit mit den szenekundigen Beamten, deren Zahl in den letzten Jahren ja immens aufgestockt wurde?

    Wir arbeiten beide daran, Konfliktsituationen zu vermeiden, sonst gibt es keine Zusammenarbeit. Ich finde es aber gut, dass es die szenekundigen Beamten gibt. Sie sollten aber auch entsprechende Befugnisse haben, vor allem auswärts. Dort haben sie meist gar nichts zu sagen, und das sorgt für große Probleme. Wenn der Einsatzleiter vor Ort ignoriert, was die szenekundigen Beamten zur Deeskalation anbieten, ist die ganze Institution Polizei zu hinterfragen.

Manche szenekundige Beamte sehen sich ja auch als Sozialarbeiter.

    Das ist geradezu paradox. Ich habe oft das Gefühl, dass sie glauben, ein echter Sozialarbeiter nimmt ihnen den Job weg. Ein szenekundiger Beamter kann kein Vertrauensverhältnis aufbauen, weil er dem Legalitätsprinzip unterliegt, das heißt, er ist zur Ermittlung verpflichtet. Dementsprechend wird er auch von den Fans als Polizist und somit als nicht vertrauenswürdige Person wahrgenommen. Trotzdem ist es prinzipiell ein guter Ansatz von der Polizei, nicht nur mit Helm, Knüppel und Reizgas auf Fans zu reagieren.

Wie weit kann man als Verein Fans ins Boot holen? Rapid wird ja immer wieder vorgeworfen, dass die Fans zu viele Rechte haben und das ausnützen.

    Ich kenne die Situation bei Rapid nicht im Detail und kann dazu nichts sagen, aber wir sollten nicht vergessen, dass die Bundesliga-Vereine von ihren Fankurven leben. Das sind Fans, die selbst bei fünf Spielen im Dezember noch ins Stadion kommen und Geld umsetzen. Es ist wichtig, sie einzubinden. Fankurven müssen dann auch Verantwortung übernehmen. Das beste Beispiel ist die Ausnahmeregelung für Pyrotechnik in Innsbruck. Das war ein großes Risiko. Man hat den Fans das Vertrauen ausgesprochen, und es hat funktioniert. Man muss sich trauen, Fans nicht nur als Sicherheitsrisiko zu sehen, sondern als ganz normale Menschen, mit denen man Dinge vereinbaren kann.

Geht das mit allen? Die Austria hat derzeit Probleme mit einer rechtsradikalen Fangruppe.

    Die Austria agiert relativ ideenlos. Aussperren mag ein kurzfristiges Mittel sein, aber keine langfristige Lösung. Die wäre gewesen, das erste Fanprojekt Österreichs ordentlich auszustatten und weiterzuführen, um solchen rechten Umtrieben zu begegnen. Das hätte der damalige Fanprojektleiter auch wunderbar gekonnt. Viele im Fußballumfeld glauben, dass sie selbst mit den Leuten reden können und man deshalb keine hauptamtlichen Sozialarbeiter braucht. Fußball ist ein feindliches Gebiet für Sozialarbeit. Offiziell wird sie zwar immer gutgeheißen, aber Geld wird nicht investiert. Am Beispiel der Austria kann man sehen, was passiert, wenn man das nicht mehr unter Kontrolle hat. Sie wären auf einem sehr guten Weg gewesen, aber leider haben sie das Fanprojekt Ende 2009 abgesägt und tragen jetzt die Konsequenzen.

Warum tut sich Sozialarbeit im Fußballumfeld so schwer?

    Der Fußball ist ein Machogeschäft, da gibt es ein paar starke Provinzkaiser und Präsidenten und viel Machtdenken. Als Sozialarbeiter bekommen wir in diesem Umfeld wenig Wertschätzung. Offenbar wird nicht goutiert, wie wir mit den Fans umgehen.

Haben Sie schon Pläne für die Zukunft? Werden Sie als Fan auf die Tribüne zurückkehren?

    Natürlich, darauf freue ich mich auch schon sehr. Beruflich mache ich jetzt eine kurze Schaffenspause, um mich neu zu sortieren. Danach werde ich wahrscheinlich wieder mit delinquenten Jugendlichen arbeiten.

ZUR PERSON:

Der gebürtige Innsbrucker Armin Weber (31) absolvierte in seiner Heimatstadt das FH-Studium Soziale Arbeit. Erste berufliche Erfahrungen mit Fans sammelte er 2008 als Mitarbeiter der EM-Fanbotschaft in Innsbruck. Vor seiner Tätigkeit als Fanarbeiter arbeitete Weber als Bewährungshelfer beim Verein Neustart.
Foto: Dieter Brasch

Referenzen:

Heft: 88
Thema: Fanarbeit
ballesterer # 120

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