Fußballverrückte Polithools

cache/images/article_2157_slime_140.jpg Indiziert und abgefeiert - die deutsche Punkband »Slime« hat provoziert, gekämpft, sich immer wieder aufgelöst und nebenbei deutsche Geschichte geschrieben. Der Schweizer Daniel Ryser hat jetzt ein Buch über die Band verfasst, das die gemeinsame Ästhetik von Fußball und Musik hervorhebt. Ryser und Slime-Sänger Dirk Jora präsentieren es am 16. September im Wiener B72.
Jakob Rosenberg | 16.09.2013

Punkrockkonzerte wie Auswärtsfahrten, Bandproben im Fanladen, Reunion dank des FC St. Pauli - die Geschichte der deutschen Punkband Slime lässt sich nicht ohne Fußball erzählen. Mit Daniel Ryser, der schon ein Buch über Züricher Hooligans und eines über die Schweizer Technoband Jello veröffentlichte, hat die Band den perfekten Biografen gefunden. Ryser lässt in »Slime« die wechselnden Bandmitglieder, Wegbegleiter und Konkurrenten zu Wort kommen und beschreibt plastisch, wie sich die Band Anfang der 1980er Jahre mit Liedern wie »Bullenschweine« und »Deutschland muss sterben« ebenso viele Bewunderer wie Feinde machte.

Das Buch schildert die Entstehung einer Subkultur, ihrer Konflikte und Widersprüche - auch im Fußball. So war Sänger Dirk Jora zunächst HSV-Fan und im Umfeld der später rechtsextremen Fangruppe »Löwen« aktiv. Als die Reibereien innerhalb der Gruppe zunahmen, verließ der damalige Kuttenträger den HSV und suchte sich mit ein paar Gleichgesinnten einen neuen Verein. Der FC St. Pauli wurde von den Fans nach ihren antirassistischen Vorstellungen umgemodelt. Auch die bittere Pointe der Entwicklung des Projekts FC St. Pauli wird im Buch kurz gestreift: Das gegenkulturelle Image ist zu einem kommerziellen Erfolg geworden.

ballesterer: Dem FC St. Pauli wird oft der Kommerzialisierungsvorwurf gemacht, trifft der auch auf Slime und dieses Buch zu?
Daniel Ryser: Den Verein haben Leute übernommen, die ein Geschäftsmodell daraus gemacht haben. Das passiert jeder Subkultur, aber man kann den FC St. Pauli nicht mit dieser kleinen Punkband vergleichen. Das sind sehr authentische Musiker. Mir ist es darum gegangen, ihre spannende Geschichte zu erzählen. Das Buch war auch schon fertig, bevor es einen Verlag gegeben hat, im Extremfall wäre es als handgedrucktes Fanzine erschienen.

Wie ist es dann zu dem Buch gekommen?
Ich bin für die Wochenzeitung nach Hamburg gefahren, um einen Artikel über den FC St. Pauli zu schreiben. Dort habe ich morgens um 11 Uhr einen Wodka trinkenden Dirk Jora zum Interview getroffen, der mir drei Stunden lang fantastische Geschichten erzählt hat. Das ist mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen, ich habe ihn angerufen und gesagt: »Ihr müsst ein Buch machen.« Ein halbes Jahr später haben sie mich gefragt, ob ich das schreiben will.
Warum ist der Fußball für das Buch so zentral?
Dirk Jora ist ein wahnsinniger Fußballfanatiker, die Band war auch sehr wichtig für die Prägung des FC St. Pauli. Slime hat ganz generell Punkrock und Fußball sehr früh verbunden. In linken Fußballkreisen hat die Band einen hohen Stellenwert, weil das Fanmusik ist. Diese Musik kann man auch betrunken nach dem Spiel gut mitgrölen. Slime waren fußballverrückte Polithools, die dann Punkrock entdeckt haben.

Sänger Dirk Jora bezeichnet sich als Left Wing Hooligan? Was meint er damit?
Dirk war schon ein Hooligan, also ein emotionaler, aufbrausender Fußballfan. Man könnte fast an einen englischen Kneipenschläger denken, aber diesem Hooliganding, dass man alles hasst, was der Gegner ist, entspricht er nicht. Politisch Gleichgesinnte verprügeln, bloß weil sie eine andere Farbe tragen, hätte er nicht gemacht. Er sagt das auch: »Ich hasse den HSV, aber ich würde linke HSV-Ultras nicht vom Schanzenfest schmeißen.«

 

Daniel Ryser: »Slime. Deutschland muss sterben«
(Heyne, 2013)

Referenzen:

Heft: 85
Thema: Musik, Politik, Polizei
ballesterer # 120

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