Gedämpfter Aufschwung

cache/images/article_1972_20121021_4193_140.jpg Österreichs Nationalteam steht so gut da wie noch nie, nämlich auf Platz 35 der Weltrangliste, und hat erstmals ein Play-off erreicht. Auch wenn aus der EM-Teilnahme nichts geworden ist: Die Erfolge kommen nicht von ungefähr, dahinter stehen internationale Erfahrung und ein Teamchef mit einem Plan für die Zukunft.
Nebel umgibt die neu errichtete Arena in St. Pölten. Dennoch ist die Stimmung im Stadioninneren alles andere als düster. Gelangt das österreichische Nationalteam der Frauen an den Ball, schallt es kräftig durch das Stadion. Im Eck der Südtribüne sorgen 25 Anhänger des offiziellen Fanklubs »Hurricanes« mit Gesang, Fahnen und Trommeln für Dauersupport. Die guten Ergebnisse des Teams haben eine Euphorie entfacht, 3.600 Zuschauer wollen das Play-off-Hinspiel um die EM-Qualifikation gegen Russland sehen für den österreichischen Frauenfußball bedeutet das einen neuen Zuschauerrekord.

Die Erwartungen vor dem Spiel sind hoch, nicht zuletzt, weil Österreich in der Gruppenphase die favorisierten Däninnen 3:1 geschlagen hat. All das nützt an diesem Abend aber wenig, die engagiert spielenden Österreicherinnen müssen sich verhaltenen Russinnen 0:2 geschlagen geben. Das 1:1 im Rückspiel vier Tage später in Rostow lässt den Traum von der ersten Teilnahme an einer Europameisterschaft endgültig platzen. Dennoch: Das Team hat einen großen Schritt nach vorne gemacht. Geht es nach den Verantwortlichen, steht es aber erst am Beginn einer neuen Entwicklung.

Deutsche Legionärinnen

Die Gründe für den Fortschritt sieht Isabel Hochstöger, Leiterin der Frauenabteilung beim ÖFB, in der größeren internationalen Erfahrung: »Wir haben mittlerweile viele Spielerinnen, die in der ersten oder zweiten deutschen Liga nicht mehr Statistinnen darstellen, sondern regelmäßig zum Einsatz kommen.« Ähnlich wie Männer-Coach Marcel Koller setzt auch Dominik Thalhammer, der das Frauen-Team seit zwei Jahren betreut, auf Legionärinnen allein sieben der 26 Kaderspielerinnen sind bei deutschen Vereinen engagiert. Laura Feiersinger, Viktoria Schnaderbeck und Carina Wenninger sind Stammspielerinnen bei Bayern München und haben in der vergangenen Saison sensationell den DFB-Pokal gewonnen. Die einzige Profispielerin im Team, Marion Gröbner, kickt in Norwegen beim Zweitligisten Medkila Idrettslag. Trotz der Vielzahl an Legionärinnen ist das Team sehr jung, das Durchschnittsalter beträgt 22 Jahre. U19-Teamchefin Irene Fuhrmann betont die Aufbauarbeit von Thalhammer: »Der Teamchef hat eine klare Struktur gebracht und es geschafft, ein echtes Team zu formen.« So hat sich ein Stamm herausgebildet, der Kader wurde in den vergangenen Spielen kaum verändert.

Thalhammer hat einen Entwicklungsprozess in Gang gesetzt, indem er ein klares Konzept verfolgt. »Wir haben eine Mannschaft entwickelt, die sich taktisch an die europäische Spitze annähert«, sagt er. Tatsächlich greift seine Taktik. Gegen Dänemark gewannen die Österreicherinnen nicht zuletzt aufgrund des Pressings, mit dem sie die spielstarken Gegnerinnen zu Ballverlusten zwangen und die daraus resultierenden Konterchancen eiskalt ausnutzten. »Das Pressing, das Spiel gegen den Ball und das schnelle Umschalten hat das Team schon gut umgesetzt«, sagt Thalhammer. »Das kann man auch in schneller Zeit erlernen.«

Taktische Entwicklung
In St. Pölten gegen Russland tritt sein Team anders als gegen Dänemark auf: Die Östereicherinnen dominieren das Spiel, können aus dem Ballbesitz jedoch kein Kapital schlagen. Die Russinnen machen die Mitte dicht und nützen die wenigen Kontermöglichkeiten für die entscheidenden Tore. Die Österreicherinnen bauen das Spiel nur selten mit kurzen Pässen auf, zu häufig versuchen sie erfolglos, das russische Mittelfeld mit hohen Bällen zu überbrücken. Der Teamchef sieht hier noch Potenzial: »Wir müssen uns noch weiterentwickeln und das Verhalten in Ballbesitz verbessern. Aber diese Schritte werden nacheinander folgen, das ist ein Prozess.« Da Österreich in der Qualifikation auf spielstarke Teams traf, richtete Thalhammer seine Taktik oft nach dem Gegner aus: »In manchen Fällen muss man in Kauf nehmen, dass der Gegner mehr Ballbesitz hat.« Das Spielsystem bleibt jedoch meist unabhängig davon: In Ballbesitz formiert sich das Team in einem 4-1-4-1, bei Ballverlust verwandelt sich die Formation in ein 4-4-2.

Auch Marlies Hanschitz, Kapitänin des Nationalteams und Spielerin beim FC Wacker Innsbruck, sieht Fortschritte in der taktischen Entwicklung: »Wir haben uns viel mit dem Gegner, aber auch mit unserem Spiel auseinandergesetzt. Der Erfolg ist eingetreten, weil wir die Dinge als Mannschaft so umgesetzt haben, wie es der Trainer vorgegeben hat.« Neuerdings gehen die Spielerinnen die Taktik auch gemeinsam mit der neuen Sportpsychologin Mirjam Wolf durch. »Wir besprechen, wer auf welcher Position welche Aufgaben hat«, sagt Hanschitz. »Wir stellen uns das im Kopf vor und setzen das dann beim Training um.«

Ziel: Top 20
Trotz der guten Betreuung am Trainingsplatz sind die Bedingungen noch alles andere als ideal: »In anderen Ländern gibt es viele Halbprofis. Diese Voraussetzungen haben wir nicht«, sagt Hanschitz. Sie selbst muss einen Vollzeitjob als Polizistin mit ihrer Fußballkarriere vereinbaren. »Bei mir funktioniert das, weil wir spät trainieren. Ich profitiere davon, dass ich im öffentlichen Dienst arbeite. Mein Arbeitgeber kommt mir entgegen, und dadurch habe ich die Zeit zum Fußballspielen.« Ein Grundstein für die Arbeit in professionelleren Strukturen wurde mit der Errichtung des nationalen Zentrums für Frauenfußball in St. Pölten gelegt. Momentan erschwert die fehlende Breite an Fußballerinnen in Österreich aber den Anschluss an die Weltspitze. »Der erste Schritt war das nationale Zentrum, um die Spitzentalente im Frauenfußball zu fördern«, sagt U19-Teamchefin Fuhrmann. »Der nächste wäre, mehr Mädchen zum Fußball zu motivieren. Denn ohne Breite keine Spitze.« Eine EM-Teilnahme hätte dabei zweifellos eine Signalwirkung gehabt.

Während die Arbeit des Leistungszentrums derzeit vor allem auf der Ebene der U17 und U19 Früchte trägt, arbeitet Isabel Hochstöger als Leiterin der ÖFB-Frauenabteilung bereits an den kommenden Aufgaben: »Wir wollen in den nächsten Jahren mit einer Nachwuchsauswahl an einer Endrunde teilnehmen.« Auch Dominik Thalhammer hat ambitionierte Ziele: »Wir denken langfristig und entwickeln gerade ein Konzept, um unter die Top 20 der Welt zu gelangen.« Um diese Hürde zu nehmen, wird das Nationalteam noch Zeit benötigen. Aber auch wenn die Russinnen dem Aufschwung einen Dämpfer versetzt haben, die positive Entwicklung scheint erst am Anfang zu stehen. In St. Pölten lichtet sich der Nebel, während das Team vor der Osttribüne die Welle macht. Die Zuschauer würdigen den engagierten Auftritt. Wenn alles nach Plan läuft, applaudieren sie in zwei Jahren nicht einer engagierten Leistung, sondern der Qualifikation von Österreichs Frauen für die WM in Kanada.

Foto: Günther Lichtenberger

Referenzen:

Heft: 77
Rubrik: Spielfeld
ballesterer # 112

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