Gegaberlt wird nicht

An der Freien Bühne Wieden feiert am 21. Februar 2006 ein Theaterstück über das Leben von Matthias Sindelar Premiere. Der ballestererfm hat mit Autor Wilhelm Pellert über seinen Zugang zu Österreichs berühmtesten Fußballer gesprochen.
Reinhard Krennhuber | 01.02.2006
Wilhelm Pellert kennt Matthias Sindelar, seit er ein kleiner Bub war. Nicht persönlich, aber durch die Erzählungen des Großvaters, der immer wieder von den großen Taten des Wunderteam-Mittelstürmers schwärmte. Besonders der 8:2-Erfolg über die Ungarn in Wien hatte es dem alten Pellert angetan und seine Begeisterung hinterließ beim Enkel einen bleibenden Eindruck.
Jahrzehnte später hat Pellert ein Stück über den »Papierenen« geschrieben, das den Menschen Sindelar und weniger den Jahrhundertstürmer vor dem gesellschaftlichen Hintergrund der 20er- und 30er-Jahre in den Mittelpunkt stellt. »Es ist kein Sportstück, sondern durchaus politisches Theater«, erzählt Pellert. »Gegaberlt wird nicht auf der Bühne. Da würde sich der Schauspieler ja zum Kasperl machen.« Schließlich, so der Autor, sei Sindelars fußballerische Genialität auf der Bühne nicht darstellbar.

 

An den Umständen gescheitert

 

Wer das kurze Leben des berühmten Fußballers betrachtet, landet unfreiwillig schnell bei den nicht restlos geklärten Umständen seines tragischen Todes. War die Rauchgasvergiftung ein Unfall, Freitod oder gar Mord? Pellert: »Nach den Akten war es eher ein Unglück. Aber ich kann mir auch vorstellen, dass er sich umgebracht hat.«
In seinem Werk lässt der Bühnenautor Spielraum für beide Interpretationen, auch wenn die Tendenz eher in Richtung Selbstmord geht. »Ich will zeigen, dass Sindelar an den sich rapide verändernden gesellschaftlichen Umständen gescheitert ist. In meinem Stück sieht er ab einem gewissen Zeitpunkt keinen Ausweg mehr«, sagt Pellert.

 

Ein Fußballer ist kein Schriftsteller

 

Die Charaktere entsprechen nicht eins zu eins dem historisch überlieferten Umfeld des Fußballers. Starb der reale Sindelar in den Armen seiner Liebschaft Camilla Castagnola, ist es im Stück seine Jugendliebe Judith. Deren jüdische Herkunft wird nach dem »Anschluss« für den außerhalb des Spielfelds mitunter unbedarften Wunderkicker »plötzlich« zum Problem. Auch die meisten anderen Figuren des Stücks hat es so nicht gegeben, wie den Cafétier Goldberger, dessen »arisiertes« Kaffeehaus Sindelar übernimmt.
Auf der Bühne zahlt der Fußballer dafür einen fairen Preis. Dass es wirklich so gewesen ist, kann aufgrund der Erkenntnisse der letzten Jahre angezweifelt werden. Pellert fand bei seinen Recherchen dafür jedoch keine Bestätigung und verweist auf Publikationen des Historikers Wolfgang Maderthaner und des Ausstellungsmachers Walter Sturm.
Dass er die Charaktere rund um Sindelar teilweise frei erfand, hatte für Pellert vor allem pragmatische Gründe. »Es ist schriftlich einfach zu wenig überliefert«, so Pellert. »Ein Fußballer ist kein Schriftsteller, der jeden Furz in sein Tagebuch schreibt. Bei Sindelar kam noch dazu, dass er ein wortkarger Typ war. Der hat sich übers Fußballspiel mitgeteilt.« Man kann also durchaus gespannt sein, wie das Ensemble der Freien Bühne Wieden die Rolle des Mittelstürmers anlegt.

Referenzen:

Heft: 20
Rubrik: Kunstrasen
ballesterer # 82

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

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