»Geht net« gibts net

cache/images/article_1940_5228_140.jpg Die Wiener Viktoria geht neue Wege. Mit Lokalkolorit, dem Image von St. Pauli und Toni Polster als Trainer bekommt der Viertligist derzeit jede Menge Aufmerksamkeit. Neid und Missgunst bleiben dabei ebenso wenig aus wie die ganz normalen Sorgen eines Unterhausvereins.

Samstag, 16 Uhr. Der Himmel ist grau und es regnet immer wieder. Nicht stark, aber so wirkungsvoll, dass kein Sommergefühl aufkommt. Ende August zeigt sich das Wetter nicht mehr von seiner besten Seite. Mitten in Altmannsdorf im Bezirk Meidling liegt die Spielstätte des SC Wiener Viktoria. Der Kunstrasenplatz ist zwischen Bahntrassen, Wohnblöcken und Schrebergärten eingebettet, das unscheinbare Vereinsheim fügt sich als Flachbau widerspruchslos in die Kulisse ein. Nur die Lautsprecherdurchsagen und die Rufe der Spieler stören die ­Szenerie.


Die Viktoria tritt in der Wiener Liga gegen den SV Gerasdorf-Stammersdorf an. Der Zuschauerandrang auf dem Platz ist überschaubar, 330 Besucher wollen sich das Spiel ansehen. Für die Sponsoren und VIPs gibt es dennoch einen eigenen Bereich, der mit einem Schild gekennzeichnet ist: »Geldsäcke« steht darauf. Eine Woche zuvor sind zum Auswärtsspiel beim Favoritner AC noch 900 Zuschauer gekommen. Und das, obwohl sich der Himmel da ähnlich trostlos gab. Für eine Liga, in der selten mehr als 150 Zuschauer an der Bande lehnen, ist der Zuschauerschnitt dennoch bemerkenswert. Auch dank Toni Polster, ÖFB-Rekordtorschütze und seit einem Jahr Trainer des Viertligisten. Ein ums andere Mal schallt es »Tri tra trallala, Tor für die Viktoria« aus den Lautsprecherboxen. Lauter Jubel brandet durch das sonst so ruhige Altmannsdorf, die Viktoria gewinnt 5:1. Die Leistung der Mannschaft ist an diesem Samstagnachmittag dennoch wenig spektakulär. Das Aufsehen, für das der Klub zuletzt gesorgt hat, dafür umso mehr. Drei Kamerateams und zahlreiche Journalisten kamen zu Polsters Debüt vor einem Jahr. Die Marketingabteilung ist professionell, ungewöhnlich professionell für einen Verein auf diesem Niveau. Jetzt hat sie es sogar geschafft, den FC St. Pauli für den Oktober zu einem Gastspiel nach Wien zu holen.

Neid statt Vorbildwirkung
Als »Kultklub mit Engagement seit 1931« bezeichnet sich der Verein. Das Motto ergibt sich wohl aus der Kombination von Toni Polster als Trainer und dem sozialen Engagement des Klubs, der Obdachlose und Prostituierte betreut und Deutschkurse für Eltern von Nachwuchsspielern mit Migrationshintergrund anbietet und das macht die Viktoria derzeit sehr bekannt.


So viel Aufmerksamkeit erzeugt Argwohn bei anderen Leuten, die in der geruhsamen Wiener Liga aktiv sind. Von gegnerischen Fans und hinter vorgehaltenen Funktionärshänden wird der Verein schon einmal als »Red Bull Meidling« geschmäht. So zum Beispiel von den Fans des FavAC beim Ligaspiel gegen die Viktoria. Ein Foto mit Toni Polster wollen aber trotzdem alle gern machen. »Über Red Bull Meidling kann ich nur lachen. Wir haben genauso unsere wirtschaftlichen Hausaufgaben zu lösen wie alle anderen auch«, sagt Viktoria-Obmann Roman Zeisel. »Ich weiß, das glaubt uns keiner, aber ich überlege jeden Tag, wo wir sparen können.« Tatsächlich liegt das jährliche Budget des Vereins wie bei anderen durchschnittlichen Stadtligisten im unteren sechsstelligen Bereich. Altlasten aus vergangenen Tagen sind noch nicht restlos ausgeräumt, der Klub hat nicht einmal einen Hauptsponsor. »Wer glaubt, die Viktoria schwimmt im Geld, ist gerne dazu eingeladen, den Verein einen Monat lang zu führen, das Finanzgebaren zu klären, für alles aufzukommen. Das ist eine Lebensaufgabe«, sagt Zeisel.

 

Die Gründe des Aufschwungs sieht er anderswo: »Wir sind einfach nur neue Wege gegangen und zeigen, was möglich ist. Geht net gibts net.« Statt Vorbildwirkung zu entfalten, zieht das Modell Viktoria im Unterhaus dennoch eher Neid und Missgunst auf sich. Auch Polster, der hier seine ersten Erfahrungen als Trainer sammelt, ist Segen und Fluch zugleich. »Als Toni Polster damals zugesagt hat, als Trainer zu arbeiten, hat er zu bedenken gegeben, dass sein Schatten ein langer sein wird. Wir sind das Risiko eingegangen«, sagt Zeisel. »Als ich Trainer Peter Obritzberger im November 2011 gesagt habe, dass wir Polster engagieren, ich ihn aber als dessen rechte Hand gerne dabeihätte, ist unsere Freundschaft zerbrochen. Wir haben seitdem kein Wort mehr miteinander gewechselt.«

Lesen Sie den gesamten Artikel in der aktuellen Printausgabe des ballesterer (Nr. 75, Oktober  2012) Ab 15.9. österreichweit in den Trafiken sowie im deutschen und Schweizer Bahnhofsbuchhandel!

Referenzen:

Heft: 75
Thema: Unterhaus
ballesterer # 121

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