Gemeinsam statt einsam

cache/images/article_1154_39ultras_w_140.jpg Ob Abgehobenheit, Elitismus oder schlicht Einfallslosigkeit, die Ultrà-Fankultur kennt viele Vorwürfe. Dazu kommt die vermeintliche Glaubensfrage zwischen britischem und italienischem Stil. Österreichs Fankurven sind von brutalen Religionskriegen allerdings weit entfernt.
Gibt es Spruchbänder, Choreographien oder wird »Stimmung« gemacht, schwenken Blicke und TV-Kameras gerne bewundernd auf die Fankurven. Geht es dort richtig zur Sache, flackern Bengalen oder senkt sich der Nebel aus den Rauchtöpfen aufs Spielfeld, schlägt das Wohlwollen reflexartig in Kritik um. Nicht zuletzt Supporters britischer Prägung sagt man nach, mit der straff organisierten Kultur nicht viel anfangen zu können.

Rege Debatten über die Bewertung der Ultras werden aber auch abseits des Stadions geführt. Chefredakteur Philipp Köster schrieb in seinem Leitartikel in der Dezember-Ausgabe des Fußballmagazins 11FREUNDE von einem »gut gedrillten Männerchor« und warf den deutschen Ultrà-Gruppen darin elitäres Gehabe und Einfallslosigkeit vor. Grundtenor: Der Lack ist ab, die Speerspitze gegen Kommerzialisierung stumpf geworden. Ein Fanblock komme auch ganz gut ohne Dirigenten aus.

Eroberung der Hegemonie
Im Vergleich zu Deutschland, wo sich die Ultrà-Szene erst gegen Ende der 1990er Jahre entwickelte, flossen italienische Ideen in Österreich schon früher in die Kurven ein. Wegen des geringen Zuschaueraufkommens stießen sie auf wenig Konkurrenz. »Vor 15 Jahren waren bei uns 4.000 Leute im Stadion«, erzählen die Ultras Rapid. »Heute sind es 15.000. Mehr als zwei Drittel des Stadions sind mit den Ultras aufgewachsen.« Ähnliches berichten die »Verrückten Köpfe« aus Innsbruck: »Die Ultrà-Bewegung fand vielfach triste und verwaiste Kurven vor.« In diesem Umfeld war es ein Leichtes, den Freiraum Stadion zur Verwirklichung eigener Ideen zu nutzen. Festgefahrene Strukturen gab es auf den Tribünen kaum, und wo der britische Stil stark verankert war, wie bei der Wiener Austria, kam mit den »Italophilen« frischer Wind. Mittlerweile sind Choreographien, Doppelhalter und Transparente aus den Stadien nicht mehr wegzudenken.

Und auch was das Zusammenleben auf der Tribüne angeht, sehen sich die Ultras in ihrem Weg bestärkt. Auf der Westtribüne des Hanappi-Stadions ortet man jedenfalls keine Probleme. Die Konflikte aus dem Jahr 2006, als es bei Rapid sportlich kriselte und sich Block West und Nordtribüne Nettigkeiten zukommen ließen, scheinen ausgeräumt. »Wir haben sowohl zu den Leuten im Block West als auch zu den anderen Fans im Stadion ein gutes Verhältnis«, berichten die Ultras Rapid. Mögliche Ursache: »Die Leute folgen unserem Weg.«  Auch bei Sturm Graz betont man die Harmonie. Das Verhältnis zwischen Fankurve und der Längsseite bezeichnet Oliver Parfi von der »Brigata« als sehr gut. Von einer strikten Trennung zwischen Ultras und Nicht-Ultras hält er nicht viel. Innerhalb der Kurve kann laut Bruno Hütter von der »Sturmflut« von einer Abschottung nicht die Rede sein: »Da kann jeder gut miteinander.«

An weniger Ultrà-lastigen Orten wie der Osttribüne des Horr-Stadions zeigt sich ein ähnliches Bild. »Das Verhältnis zwischen den Fangruppen funktioniert«, findet Christian von den »Soccerholics«, einem der älteren, dem britischen Stil verhafteten Fanklubs. Ein ander widersprechende Meinungen sind aber weiterhin ein Merkmal der violetten Fanszene. Der einheitliche Look fehlt, und wer auf der »Ost« gerade den Ton angibt, ist für Außenstehende nicht ersichtlich.  Risse, die sich durch die Szene zogen, wie nach den Protesten um den ehemaligen Betriebsführer Frank Stronach, scheinen gekittet. Auch die Skepsis, mit der sich »Engländer« und »Italiener« begegnen, ist nicht mehr besonders groß. Christian: »Es ist ein natürlicher Prozess. Die Alten machen den Jüngeren Platz.« Diese, »Fanatics« oder »Fedayn«, dominieren inzwischen auch in Wien-Favoriten das Bild. Früherer Widerstand gegen Ultrà-Utensilien wie Megafone oder Rauchtöpfe ist abgeebbt.

Dauer- vs. Spontansupport
Dass im Wettkampf der Jungen und Motivierten die Vielfalt des Supports ins Hintertreffen geraten kann, gibt man von Wien bis Innsbruck zu. Der anfängliche Schwung weicht einer gewissen Trägheit, wenn sich die Vorsänger bewährter Lieder bedienen, bei denen die Mehrheit leichter mitsingen kann als bei komplizierten, mehrstrophigen Gesängen. Doch welche Lieder Gehör im Stadion finden, bestimmt die Kurve. Wenn ihr Nerv nicht getroffen wird, gehen neue, auf Auswärtsfahrten erdachte und erprobte Lieder unter.

Ein Grund dafür ist das Selbstverständnis der Ultras, zu hundert Prozent hinter der Mannschaft zu stehen und sie zu jeder Zeit gesanglich zu unterstützen. »Die Kreativität kann auf Dauer nicht gehalten werden«, sagt Christian. Dennoch hätten die italienischen Gruppen Gesänge geprägt, die heute zum Standardrepertoire gehören. Ihm wäre allerdings der »Horr-Roar« lieber, er bevorzuge spielbezogenes Aufschreien und dafür »zehn Minuten lang Gas geben«.

Doch das beständige Anfeuern ohne Rücksicht auf den Spielstand funktioniert, darin sind sich alle einig, ohnehin nicht. Oliver Parfi erinnert sich an das 2:2 zwischen Sturm und Rapid im vergangenen November: »In der Schlussphase war die ganze Kurve so angespannt, dass niemand daran dachte, lange Lieder anzustimmen. Wenn man 5:0 hinten ist, sollte man nicht so tun, als wäre man 10:0 vorne.« Auch Harald Sailer vom Rapid-Fanklub »Klempner« findet die Stimmung, dann am besten, »wenn alle Tribünen gleichzeitig ausflippen«.

Selbst- und Fremdevaluation
Um den Funken überspringen lassen zu können, muss jemand die Streichhölzer in der Hand haben. Der spontanen Freude wird durch Koordination nachgeholfen, diese wiederum entspringt penibler Planung. Beliebte Vorwürfe gegenüber den Ultras zielen auf hierarchische Strukturen und die Exklusivität der Gruppe ab. Die Ultras Rapid erklären, sie seien dem Großgruppen-Gedanken verpflichtet und daher für alle Interessierten offen. Die Hierarchien seien durchlässig und ergäben sich einfach aus dem Engagement der Mitglieder. Eine gute Vernetzung und offene Kommunikation können schwerer Verstimmung und Problemen vorbeugen. Das bestätigt auch »Klempner« Harald Sailer, der selbst auf der Nordtribüne steht: »Gerade bei Auswärtsspielen ist die Kommunikation sehr gut, und wir werden von den Ultras nach unserer Einschätzung gefragt.«

Sowohl bei den Ultrà-Gruppierungen als auch ihren Gegenübern hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass es notwendig ist, mit sich reden zu lassen. Als einzelner, unorganisierter Fan findet man aber schwer Gehör. Schließlich steht die Evaluation der eigenen Arbeit, wie durch die Fragebogen- Aktion der Ultras Rapid 2006, normalerweise nicht auf der Tagesordnung. Dabei bleibt allerdings offen, welch niederschmetternde Kritik die »Hausmacht« auf ihrer eigenen Tribüne überhaupt erfahren kann. »Unorganisierte Fans haben kein besonderes Standing«, bestätigt auch Austria-Fan Christian. Die Demokratiequalität auf der Osttribüne bewertet er dennoch als gut.

Maulwürfe und ihre Fressfeinde
Ultrà-Gruppen wird geradezu geheimbündisches Verhalten attestiert. Das kommt nicht von ungefähr, bleibt Organisatorisches wie die Planung von Choreographien doch die Sache eines kleinen Kreises. »Ein Austausch über Choreographien ist kein Problem«, erzählen die Ultras Rapid. Es wird aber darauf geachtet, dass nichts nach außen dringt, um »Maulwürfen«, die den monatelang geplanten Überraschungscoup ausplaudern könnten, keine Chance zu geben und nicht plötzlich eine Parodie davon auf den Spruchbändern des Gegners lesen zu müssen.

Inhaltlich verfolgen etwa die »Verrückten Köpfe« mit ihren Choreographien einen emanzipatorischen Weg. »Wir machen zwar nur selten Choreos, dafür haben diese wie in der Namensdiskussion um Wacker Innsbruck immer einen starken Hintergrund.« Oliver Parfi von Sturms »Brigata« meint, man müsse den Fans klarmachen, wofür sie wöchentlich ins Stadion gehen, für wen sie singen. »Nur billige Propaganda und Transparente gegen den Modernen Fußball reichen da nicht. Man muss Verständnis haben, dass ein Verein Geld braucht, und Lösungen anbieten.« Vertreter des englischen Stils wie »Soccerholic« Christian stören die Transparente der Ultras nicht, den Kampf gegen die Kommerzialisierung sieht er aber mit gemischten Gefühlen. »Fußball war immer schon ein Geschäft«, sagt er und kritisiert die Doppelmoral, wenn ein Fanklub mehr Fanartikel auf den Markt wirft als der Verein selbst.

Friedliche Koexistenz
Trotz der unterschiedlichen Ansichten, gibt es in den Gesprächen mit anders organisierten Fans einen durchaus positiven Tenor gegenüber den Ultras. Auch wenn manchmal der Vorwurf der Selbstinszenierung mitklingt, stößt der Aktionismus auf Verständnis. »Wenn das Spiel durch Rauch unterbrochen wird, bringt es nichts«, meint Christian. »Aber es ist eine Art, seinen Unmut zu äußern. Nach dem Motto: Wenn das Match mies ist, dann machen halt wir etwas.«

Wo sie vorhanden ist, hat die Ultrà-Kultur die Stadionatmosphäre entscheidend mitgeprägt. Die dadurch etablierte Vormachtstellung scheint von der restlichen Fanszene akzeptiert zu werden. Möglicher Unmut wird zumindest nicht offen zur Schau gestellt. Man bleibt gerne unter sich. Austrias »Fanatics« und »Fedayn« waren etwa für ein Gespräch mit dem ballesterer nicht zu haben.

Selbst wenn der Schein der derzeitigen harmonischen Koexistenz verschiedener Fananschauungen trügen sollte, zeigen sich die Ultras Rapid auch für die Eventualität möglicher Konflikte gewappnet: »Du kannst natürlich versuchen, es allen Recht zu machen. Aber dann besteht die Gefahr, dass dir diejenigen, die die Ultras ausmachen, abhanden kommen und nur noch eine leere Hülle übrig bleibt.«

 

RUHESTÖRUNG - Kommentar von Jakob Rosenberg

Referenzen:

Heft: 39
Rubrik: Fansektor
ballesterer # 121

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