Griechische Fandemokratie

cache/images/article_1515_aris_140.jpg Als der griechische Traditionsverein Aris Thessaloniki 2004 kurz vor dem Bankrott stand, gingen die Fans für ihr Mitspracherecht auf die Straße. Mittlerweile haben sie den Verein konsolidiert und sitzen im Vorstand. Demnächst soll der Europa-League-Gegner der Wiener Austria von den Anhängern vollständig übernommen werden.
Radoslaw Zak | 06.08.2010
Die 22 Gründer von Aris Thessaloniki dürften ein Faible für Pathos gehabt haben. Die historischen Reminiszenzen reichen vom Gründungsdatum, dem Jahrestag der Griechischen
Revolution 1821, bis in die Antike. Der Vereinsname Aris wurde dem Gott des Krieges gewidmet und die Klubfarben Gelb und Schwarz sollten an das antike Byzantion erinnern. Auch im Vereinszweck verschrieben sie sich hehren Idealen: sportlicher Erfolg, Fairness, Ehrlichkeit und Kampf gegen Korruption.

Stolz und Erhabenheit
Dafür, dass das Leitbild aus der Antike umgesetzt wird, wollen die Fans des Klubs aus der Region Makedonien sorgen. Vor den Heimspielen bevölkern sie die Straßen und Bars des dicht verbauten Stadtteils Harilaou, ehe sie das Kleanthis-Vikelidis-Stadion in einen Hexenkessel verwandeln. Auf den Tribünen des 22.800er-Stadions haben sich die Fans mit ihren aufwendig gestalteten Choreographien auch im Ausland einen guten Ruf erarbeitet: Im Testspiel gegen die Boca Juniors vergangenen Sommer sorgte die alle Tribünen umfassende Pyroshow, untermalt von einem Meer an weißen Papierschlangen, für weltweites Staunen.

Neben dem Fußball begeistern sich die Aris-Fans auch für die anderen Sportsektionen des Klubs, die von Taekwondo bis Wasserball beinahe jeden Bereich abdecken. Besonders stolz ist man darauf, als eines von nur drei Teams die Meistertrophäen in den populärsten Sportarten des Landes gewonnen zu haben. Neben den Fußballern, deren Meistertitel aus den Jahren 1928, 1932 und 1946 schon einige Zeit zurückliegen, gelang das auch der Volleyball- und Basketballsektion. Mit dem Basketballer Nikos Galis, Fackelträger bei den Olympischen Sommerspielen 2004 in Athen, spielte eine der größten Sportikonen Griechenlands für Aris. Auch Fußballeuropameister Angelos Charisteas schnürte seine Schuhe seit der Jugendabteilung für den »Gott des Krieges«, ehe er 2002 zu Werder Bremen wechselte.

Gerne betonen die Thessalonicher auch ihre politische Positionierung in der Historie: Sowohl der Diktatur Metaxas Ende der 1930er Jahre als dem Obristen-Regime 30 Jahre später sei der Verein unbequem gewesen. Und nicht die großen Teams aus Athen oder der Lokalrivale PAOK waren es, die den ersten schwarzen Fußballer in Griechenland verpflichteten, sondern Aris, wo 1964 der äthiopische Student Yilma Katama spielte.

Tyrannis und Demokratie
Doch das Verhältnis der Fans zu ihrem Klub war in den letzten Jahren nicht immer konfliktfrei. Als 1979 im Zuge der staatlich verordneten Professionalisierung der Fußballvereine, Großaktionäre das Zepter in die Hand nahmen, wuchs in Harilaou der Unmut. Da die neuen Eigentümer mindestens 51 Prozent am Verein hielten, verloren die Fans ihr Mitspracherecht und in der Folge das Vertrauen in den Vorstand, der die schnelle Profitmaximierung langfristigen sportlichen Perspektiven vorzog.

Auch finanziell ging es in den folgenden Jahren bergab, die Verbindlichkeiten des Klubs betrugen zwischenzeitlich über 20 Millionen Euro. Die fußballfremden Anteilseigner schienen nicht in der Lage, den Schuldenberg zu bewältigen und lancierten immer wieder Spendenaufrufe an die Fans, um den Verein vor dem Bankrott zu retten. Zugeständnisse wollten die Eigentümer den Anhängern jedoch keine machen.

2004 brachen die schwelenden Konflikte schließlich offen aus. Die Fans verlangten von den Eigentümern, endlich wieder Anteile an dem Klub übernehmen zu können. Sie organisierten Demonstrationen und Straßenblockaden und belagerten den Vereinssitz, um den Forderungen den nötigen Nachdruck zu verleihen. Im Juli 2004 gelang der erste Etappensieg. Nach einer Klage erreichten sie vor Gericht, dass 83 Prozent der Aris-Wertpapiere zumindest auf neun Personen gestreut wurden. Die Diskussionen über die Verbreiterung des Beteiligungsmodells führten schließlich zur Gründung einer Aris-Fanvereinigung.

Diese konnte gleich im ersten Jahr ihres Bestehens einen wichtigen Erfolg feiern, repräsentierte sie 2007 doch die neun Aktionäre auf der Hauptversammlungen des Klubs. Der Aufsichtsrat wurde somit zum ersten Mal in der griechischen Geschichte von Fans gewählt. Nach einem Sportgerichtsurteil wurden 2008 weitere bürokratische Hürden für das Mitsprachrecht beseitigt: Die Aris-Fans dürfen nun bis zu 33 Prozent des Kapitalanteils des Klubs auch besitzen, statt diese nur zu kontrollieren. 2009 wurde das Wertpapierbündel der neun Aktionäre offiziell an die Fans übertragen.

100 Euro und viel Liebe
In den letzten vier Jahren haben die Fans eine Million Euro in den Verein investiert, die sportlichen Erwartungen sind dementsprechend hochgesteckt. Seit November des Vorjahres wird die Mannschaft vom ehemaligen Inter-Coach Hector Cuper trainiert, der auf eine Reihe griechischer und internationaler Nationalspieler wie Tormann Michalis Sifakis und den Tunesier Mehdi Nafti zurückgreifen kann. In der Saison 2008/09 konnte sich der Verein für die UEFA-Cup-Gruppenphase qualifizieren, und der breite Kader hat ihn auch in der angelaufenen Saison mit dem Erreichen des Cupfinales wieder auf die europäische Bühne gebracht.

Die Mitgliedervereinigung steckt sich aber nicht nur sportlich ambitionierte Ziele: In den nächsten Jahren soll der Klub vollständig übernommen und in einen reinen Fanverein umgewandelt werden. Aktuell besteht die Aris-Mitgliedervereinigung aus mehr als 3.000 Personen, die rund 33 Prozent der Aktien besitzen und 64 Prozent der Stimmen kontrollieren.

Das Wachstum der letzten Jahre liegt möglicherweise auch an der relativ niedrig angesetzten Einstiegsschwelle für interessierte Fans. Für einen Jahresbeitrag von 100 Euro kann man Mitglied werden. Besonders buhlt die Vereinigung um die Bindung jüngerer Fans. Unter 18-Jährige müssen für einen Beitritt lediglich die Registrierungsgebühr von 50 Euro bezahlen. Und von Kindern wird überhaupt nur eines verlangt: die Liebe zu Aris.

Referenzen:

Heft: 51
Rubrik: Fansektor
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