Grüne Weihnachten

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Fußball am Boxing Day zieht Massen in die Stadien und vor den Fernseher, denn Ligaspiele gehören in England seit Jahrzehnten zu den weihnachtlichen Ritualen. Nur der Alkohol hat mittlerweile als Begleiter des Brauchs ausgedient.

Nicole Selmer | 12.12.2016

Jürgen Klopp war erst wenige Wochen Trainer in Liverpool, als er der BBC ein großes Weihnachtsinterview gab, aber eines war ihm schon klar: In der Premier League wird zu viel und zu lang gespielt. „Es gibt Gründe, warum die englischen Klubs in den letzten Jahren nicht so erfolgreich waren“, sagte er. „Ihr habt keine Pause und zu viele Bewerbe.“ Ausgestrahlt wurde das Interview am Boxing Day, dem Stefanitag, bevor das eigentliche TV-Programm des Tages begann: Fußball. Den Anfang machte um 13.45 Uhr Stoke City gegen Manchester United, Klopps Liverpool empfing den späteren Meister Leicester City um 16 Uhr, um 20.45 Uhr beendete Southampton gegen Arsenal den Spieltag. Zwei Tage später begann schon die nächste Runde. Fußball gehört in England zu Weihnachten wie die Rede der Queen, Truthahn und Knallbonbons. Während die anderen großen Ligen Europas zumindest über Weihnachten und Neujahr pausieren, wird in England durchgespielt.

 

Publikumsmagnet

Der Weihnachtsfußball ist nicht nur deutlich älter als die Premier League, sondern auch älter als das Fernsehen. Vor rund 150 Jahren, am 26. Dezember 1860, trafen der Sheffield FC und der Hallam FC aufeinander. Das Duell des ältesten Klubs der Welt gegen den zweitältesten endete mit einem 2:0-Sieg von Sheffield, das bis dahin nur Spiele innerhalb der eigenen Mannschaft ausgetragen hatte. Der zweite Weihnachtstag stand auch im Programm, als in der Saison 1888/89 erstmals die Football League ausgetragen wurde: Der spätere Meister Preston North End siegte 5:0 gegen Derby County. Eine Tradition war bald etabliert, es wurde am ersten wie am zweiten Weihnachtstag gespielt, häufig in Hin- und Rückspiel gegen den gleichen Gegner. Die Belastung für die Spieler war ebenfalls früh ein Thema. „Die Form ist bei diesen Spielen unwichtig“, zitiert das Fußballmagazin FourFourTwo einen undatierten Artikel aus der Times. „Verletzungen und die Gesamtbelastung spielen eine große Rolle, und das siegreiche Team ist das mit dem besseren Kader.“

 

Doch den Anstrengungen für die Spieler stand von Beginn an das Vergnügen der Zuschauer gegenüber. Der Fußball an den Feiertagen erfreute sich großer Beliebtheit, für manche war es sogar die einzige Gelegenheit, ein Spiel zu besuchen. In der zweiten Saison der Football League kamen am 25. Dezember 1899 fast 10.000 Fans zum 3:2-Sieg von Preston gegen Aston Villa – eine für die damalige Zeit große Zuschauerkulisse. Der Besucherrekord für das Jahr 1920 wurde am 26. Dezember aufgestellt. 53.000 Zuschauer kamen in den Goodison Park, als der Dick, Kerr’s Ladies FC dort 4:0 gegen St. Helens gewann. Weitere 10.000 fanden keinen Einlass mehr. Es war eines von vielen gut besuchten Spielen der Frauenteams, die während des Ersten Weltkriegs meist als Fabriksteams gegründet worden waren. Ihr erstes Spiel bestritten die Dick, Kerr’s Ladies am ersten Weihnachtstag 1917 gegen die Arundel Coulthard Factory in Deepdale, dem Stadion von Preston North End.

 

Hochprozentige Spiele

Das Drumherum der Weihnachtsspiele war vielfach von Festtagsstimmung geprägt. Für das Jahr 1949 ist die Zahl von 3,5 Millionen Fans überliefert, die die Spiele an drei Tagen verfolgten. Aus dieser Zeit stammt auch der Bericht eines damals neunjährigen Fans von Sheffield United: „Die Atmosphäre war ganz besonders“, wird er auf footballsite.co.uk zitiert. „Die Band spielte Weihnachtslieder, und viele Fans präsentierten ihre Geschenke – neue Schals und Handschuhe. Der Rauch von Zigarren hing in der Luft, die Zuschauer reichten Schnapsflaschen herum, aus denen sie immer wieder leicht verstohlen einen Schluck tranken.“

 

Alkohol soll jedoch nicht nur auf den Tribünen eine Rolle gespielt haben. Ted Crawford von Clapton Orient berichtete später, dass seine gesamte Mannschaft das Spiel gegen Bournemouth am 25. Dezember 1931 im Vollrausch bestritt – und immerhin nur 1:2 verlor. Dass Feiertagsexzesse auch der Grund für den am Boxing Day 1963 erzielten Torrekord von 66 Treffern in zehn Spielen waren, bestritten die Beteiligten. Das Fußballmagazin When Saturday Comes widmete dem Spieltag einen Artikel und zitierte Liverpools Ian St. John: „Trainer Bill Shankly hat darauf bestanden, dass niemand während der Feiertage trank. ‚Ihr könnt dann im Sommer Weihnachten feiern und euch was gönnen‘, hat er gesagt.“ Der langjährige Tottenham-Trainer Bill Nicholson soll sogar die Hotelzimmer seiner Spieler auf Flaschen durchsucht haben.

 

Sofafußball

Zu diesem Zeitpunkt gehörten die Spiele am ersten Weihnachtstag schon der Vergangenheit an, ein volles Programm an beiden Tagen gab es in der höchsten Liga zuletzt 1957. Dank Flutlicht konnten inzwischen auch abends Spiele stattfinden, was den Spielplan entzerrte. Der Boxing Day jedoch blieb – und zwar lange als reines Stadionerlebnis. Die BBC-Fußballsendung „Match of the Day“ startete 1964, doch die Weihnachtsspiele waren von den Übertragungen ausgenommen, denn die Liga fürchtete, das Fernsehen würde Fans an einem der lukrativsten Spieltage vom Stadion fernhalten.

 

Solche Sorgen hat die Premier League lange abgelegt. Am diesjährigen Stefanitag finden acht Partien statt, der Liverpool FC spielt erst am 27. gegen Stoke City. Die nächsten Begegnungen stehen dann am 31. Dezember und am 2. Jänner an. „Ich würde nie etwas gegen den Boxing Day sagen, den liebe ich“, sagte Klopp bei der Terminbekanntgabe. „Aber ich verstehe nicht, warum wir am 2. Jänner spielen. Ist das ein Feiertag in England?“ Für die Ansetzung ist das Fernsehen verantwortlich, das zu Silvester das Spiel gegen Manchester City zeigt. „Fragt euch einmal, was sie in den anderen großen Fußballländern um diese Zeit machen“, sagte Klopp. „Sie sitzen gemütlich auf dem Sofa und schauen Premier League.“

Referenzen:

Heft: 118
Rubrik: Spielfeld
Thema: England
ballesterer # 121

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