Guter Bulle, böser Bulle

cache/images/article_1350_img_5702_140.jpg Gemeinsam mit dem ÖFB und der Bundesliga hat das Innenministerium eine Präventionskampagne gegen Gewalt in und rund um Österreichs Stadien initiiert. Prominente Gastauftritte und eine multimediale Präsentationen sollen die Jugendlichen für das Thema sensibilisieren. Für einen genauen Einblick musste der ballesterer zurück in die Schule.
Mit dem Klingeln ist die große Pause zu Ende. Langsam leeren sich die Gänge in der Polytechnischen Schule in Wiener Neustadt, und die Türen der Klassenzimmer schließen sich hinter den Lehrenden. Vor der Rückkehr schielt noch so mancher neidisch in die K3, wo heute keine Schularbeiten auf dem Plan stehen. In der K3 wird heute aufgeklärt. In freudiger Erwartung auf ein bisschen Abwechslung vom tristen Schulalltag pendelt sich der übliche Lärmpegel schnell auf ein Minimum ein. Das Inventar des Klassenzimmers ist dem besonderen Ereignis angepasst: Über der Tafel wurde eine Videowall installiert, in der letzten Reihe haben Besucher Platz genommen, und neben dem Lehrer­pult ragen zwei Banner mit der Aufschrift »Polizei« in Richtung Decke. Dass in der nächsten Stunde weder Gemüse noch Verhütungsmittel behandelt werden, ist spätestens zu diesem Zeitpunkt klar. Die ausschließlich männlichen Schüler blicken gespannt nach vorne. Die »Welle gegen Gewalt« ist im Klassenzimmer angekommen.

 

Das Innenministerium setzt seit geraumer Zeit bei der Gewaltprävention auf Vorträge im direkten Kontakt mit der jüngsten Zielgruppe. Neben Gewalt in der Familie, in der Schule und im Freundeskreis widmet sich das »Modul Fußball« der künftigen Generation von Stadionbesuchern. In der Info-Broschüre heißt es: »Die next generation von Fußballfans, die im Alter zwischen 13 bis unter 18 Jahren bereits Tendenzen zur Gewaltbereitschaft zeigt, soll mit langfristig konzipierten und nachhaltigen Präventionsmaßnahmen erreicht werden.« Um die Distanz zu den Fans von morgen zu verringern, setzt das Zentrum für Sportangelegenheiten in Kooperation mit dem ÖFB und der Bundesliga auf Teamgeist. Eigens geschulte Präventionsbeamte, Fanpolizisten und vor allem die Teilnahme von Bundesligaspielern sorgen für das nötige Quäntchen Aufmerksamkeit unter den Jugendlichen. Die Vorträge sollen, neben einem Einblick in die Polizeiarbeit im Stadion, »positive Fußballleidenschaft und Fanstimmung« und »die Normverdeutlichung bei Fanfehlverhalten« übermitteln. Informationen über Strukturen oder die Geschichte des organisierten Fantums sucht man jedoch vergeblich.

 

»Wenn nichts mehr hilft, kommen wir«

In der K3 eröffnet an diesem Vormittag Lorenz Wesselich, Szenekundiger Beamter für die Region Südost-Niederösterreich, die Stunde. Er setzt auf Identifikation: »Ein SKB ist einfach gesagt ein Fanpolizist. Warum ich das mache, ist schnell erklärt: Weil ich genauso gern auf den Fußballplatz gehe wie manche von euch. Wir stellen das Bindeglied zwischen den Fans und der Polizei dar, wobei wir trotz aller Toleranz und Einsicht schlussendlich immer noch Polizisten bleiben.« Für die meisten der Jugendlichen ist das Thema anscheinend absolutes Neuland. Obwohl sich manche als Nachwuchsspieler und durchwegs fußballinteressiert outen, gibt sich nur ein einziger als aktiver Fan zu erkennen. Der 15-jährige Patrick ist seit dieser Saison Mitglied bei den »Ultras Wiener Neustadt«. Im Verlauf des Vortrags entwickelt er sich zum primären Adressaten der Vortragenden.

 

Wesselich skizziert die Rolle des SKB anhand von Fallbeispielen und spart auch aktuelle Brennpunkte nicht aus: »Beim Thema Pyrotechnik schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Wenn ich ehrlich bin, sehe ich das gerne, aber da wir ja jetzt ein generelles Verbot haben, sind wir zum Handeln gezwungen. Das kontrollierte Abbrennen ist wunderschön, aber leider bleibt es allzu oft nicht dabei, das hat die Vergangenheit bewiesen.« Der Szenekundige Beamte verweist auf einen Vorfall in Belgrad, bei dem ein Zivilbeamter im Stadion von einem bengalischen Feuer schwer verletzt wurde. Rückdeckung bekommt er vom Wr. Neustädter Präventions­beamten Christian Dungl, der dafür sorgt, dass die Polizeibotschaften auch ankommen: »Burschen, wenn die SKBs nichts mehr ausrichten können, weil die Fans meinen, dass es eskalieren muss, dann kommen wir. Das sind dann die mit der blauen Uniform und eventuell Helmen auf.« Mahnender Blick in Richtung des Jungultras inklusive.

 

Die Schüler zeigen sich aufmerksam und interessiert. Daniel Dunst, Abwehrspieler beim SC Magna, zaubert das eine oder andere Glänzen in ihre Augen. Auf die Gewaltproblematik rund um Fußballstadien angesprochen gibt sich Dunst diplomatisch: »Natürlich stellen manche Entgleisungen ein Problem dar. Wir Spieler lieben natürlich nichts mehr als ein volles Stadion und lautstarke Fans. Auf der anderen Seite hat alles seine Grenzen, und die werden mit Bier­duschen und Wurfgeschoßen ganz klar überschritten.«

 

Danach hält die Multimedialität Einzug in die K3. Bewegte Bilder hinterlassen einen bleibenden Eindruck, und über einen Film lässt es sich anschließend auch leichter diskutieren. Das schnell geschnittene Video zeigt einen Abriss aus Fanbildern der letzten Jahre und setzt dabei auf eine extreme Polarisierung. Lachenden Kindern und glücklichen Fans werden Randale und faschistische Tattoos gegenübergestellt, das Fehlen von erklärenden Kommentaren und Ergänzungen erzeugt ein gewisses Pathos. Anschließend lässt Wesselich die Klasse die negativen Eindrücke sammeln und ordnet den Szenarien die jeweiligen strafrechtlichen Delikte zu. Christian­ Dungl zielt aufs Gewissen: »Ihr habt die fliegenden Sessel angesprochen. Das Ganze war bei einem Freundschaftsspiel. Die Betonung liegt auf Freundschaft. Sportlich komplett wertlos, aber die Leute haben in einem Kaffeehaus alles zerstört. Bei einem anderen Freundschaftsspiel zwischen der Wiener Austria und dem SC Magna wurden neun Polizisten verletzt.« Die mahnenden Worte zeigen Wirkung bei den Schülern. Doch laut Wesselich gab es in der Vergangenheit nicht nur negative Überraschungen: So sei die letzte Meisterfeier der »berüchtigten Rapid-Fans« komplett ohne Zwischenfälle verlaufen und auch bei der EM hätten sich die meisten Fans von ihrer besten Seite gezeigt.

 

Teure Becher, traurige Gesichter

Zum Ausklang der Stunde widmen sich die Vortragenden wieder intensiver dem ­angehenden Wiener Neustädter Ultra. ­Wesselich kratzt am Zusammenhalt der ­organisierten Fans: »Wenn du mit deinen ­Ultrà-Freunden ins Stadion gehst und ein ­Plakat mit einem verfassungswidrigen Aufdruck aufhängst, dann wirst nur du die Konsequenzen tragen und nicht deine Freunde da gibt es keine Gruppendynamik mehr. Dann heißt es Hausverbot und später vielleicht sogar ­österreichweites Stadionverbot.« Beim Thema Strafen hakt auch SC-Magna-Teambetreuer Christoph Ungerböck ein: »Jede Rauchbombe,­ die das Spiel verzögert kostet den Verein sehr viel Geld. Für die drei Minuten gegen Sturm Graz mussten wir 4.000 Euro Strafe bezahlen. Schon jeder leere Becher, der aufs Spielfeld fliegt, kostet 100 Euro. Ihr schadet also nicht nur eventuell euch selbst, sondern auch dem Verein.«

 

Dann neigt sich die Präsentation ihrem Ende zu. Wesselich, mittlerweile in seiner SKB-Weste, bedankt sich für die Aufmerksamkeit der Schüler,­ Dungl redet ihnen ein letztes Mal ins Gewissen: »Gut, Burschen. Ich freu mich, wenn ich euch sehe: in der Stadt, in der Früh am Weg zur Schule. Aber wo ich euch nicht sehen will, ist bei uns auf der Wachstube mit einem blöden Gesicht, so a bissl auf traurig.« Daniel Dunst lässt Autogrammkarten da, und dann gehts mit einem Klingeln in die Pause. Patrick macht im Gespräch mit dem ballesterer kein Hehl daraus, dass der Vortrag Eindruck auf ihn gemacht hat: »Es war okay. Ich hab nicht gewusst, was das alles kostet. Beim nächsten Spiel werde ich sicher keinen Becher mehr aufs Spielfeld werfen. Den anderen werd ich davon erzählen, den ­Ultras bleib ich aber trotzdem treu.«

Referenzen:

Heft: 49
Rubrik: Fansektor
ballesterer # 120

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 13.04.2017.

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