Hautevolee vom Wörthersee

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Der Klagenfurter Fußball befindet sich in stetem Auf und Ab. In der zweiten Liga wollen zumindest die Fans der Austria Klagenfurt mit dem Kollektiv „Wir Austrianer“ für Zusammenhalt in der Kurve sorgen und den Klubnachwuchs fördern.

Martin Schreiner | 13.10.2015

Unter Präsident Josef Loibnegger seien die Fans bei Austria Klagenfurt gut eingebunden gewesen, sagen Dietmar Halner und Stefan Krassnig im Gespräch mit dem ballesterer. Vier Jahre später hat der Verein eine Insolvenz und den Aufstieg hinter sich, der Präsident heißt Peter Svetits, und die Fans haben sich im Mai im Dachverband „Wir Austrianer“ zusammengeschlossen. Auf einem Transparent im Stadion bezeichnen sie sich aber auch als die Hautevolee vom Wörthersee, ihr Treffpunkt ist das Arkadencafé im Stadtteil Waidmannsdorf. Das Wörtherseestadion liegt ums Eck und doch weit weg. Denn der Pächter des Austria Stüberls im alten Vereinsgebäude im Schatten des Sportparks möchte keine Fanklubs von Austria Klagenfurt beherbergen.

ballesterer: Was ist der Zweck Ihrer Initiative?

Stefan Krassnig: Bei „Wir Austrianer“ sind alle Fanklubs des Vereins dabei: die „Barrakudas“, die „Schwarze Seele Kärnten“, die „Optimisten“, die „Südfront“ und die „Carinthian Warriors“. Einen ähnlichen Zusammenschluss hat es zu Zeiten des FC Kärnten mit der Südkurve“ gegeben, doch der Verein hat ja 2009 den Spielbetrieb einstellen müssen.

Dietmar Halner: Wir wollen eine gemeinsame Kurve aufbauen und der traurigen Geschichte des Klagenfurter Fußballs der letzten Jahre etwas Positives entgegensetzen, indem wir gemeinnützige Ziele verfolgen – wie die Förderung des Austria-Nachwuchs.

Wie funktioniert das?

Krassnig: Wir produzieren Fanartikel und verkaufen sie in unserem Fanshop im Stadion – der Verein betreibt selbst keinen eigenen. Die Erlöse spenden wir. Allerdings wollen wir das Geld nicht dem Verein übergeben, sondern direkt Dressen, Bälle und Trainingsmaterialien einkaufen. Wenigstens bei uns sollen alle Geldflüsse transparent sein.

Wie organisieren Präsident Peter Svetits und Co derzeit die Vereinsgeschäfte?

Krassnig: Wer ist der Co? De facto hält Svetits alle Fäden in der Hand. Vizepräsident Skender Fani und Vertreter des Hauptsponsors Hanseatisches Fußball Kontor schauen sich vielleicht zwei Spiele im Jahr an. Die Frage ist, was wird, wenn die Gelder des Hauptsponsors nicht mehr fließen? Andere Geldgeber dürfte es nicht geben, schon jetzt stellt der Verein in einem Stadion für 33.000 Zuschauer nur drei Werbebanden auf. Wir befürworten deswegen auch, dass die Austria seit heuer mit einer Amateurmannschaft in der Unterliga Ost spielt. Wenn oben die Luft ausgeht und der Klub die Profilizenz verliert, stehen wir nicht wieder bei Null.

Rechtlich ist der derzeitige Verein Nachfolger des SC Sankt Stefan im Lavantal. Ist er für Sie dennoch der Nachfolgeverein der Klagenfurter Austria?

Halner: Ja, mit Abstrichen sehen wir uns als Nachfolger der alten Austria.

Wie schaut es mit der Akzeptanz aus?

Halner: Na ja, in der Regionalliga haben wir einen Schnitt von 500 bis 700 Zuschauern gehabt. Jetzt rechnen wir mit 1.500. Einige alte Austrianer kommen wieder ins Stadion, aber die Leute sind skeptisch. Da ist viel kaputt gemacht worden. Es gibt hier nicht viele Fans mit einem großen historischen Detailwissen über den SK Austria Klagenfurt, der 1927 aus mehreren Fusionen gegründet worden ist. Mit dem FC Kärnten und Austria Kärnten hat die Politik versucht, einen Klub für ganz Kärnten zu etablieren, und das Gegenteil erreicht. Die starke Identifikation mit einem lokalen Traditionsverein ist zerstört worden. Die Austria sollte wieder das Aushängeschild des Kärntner Fußballs sein. Das weiß auch Peter Svetits.

Wie eng ist die Verbindung zwischen dem Klub und der Politik heute?

Halner: Da die Verwaltung des Sportparks in den Händen der Stadt liegt, spielt die Kommunalpolitik, obwohl sie im Verein keine Organe mehr besetzt, wieder mit. Der Verein darf nicht außerhalb der Trainingszeiten ins Stadion und verfügt nicht einmal über einen Schlüssel, um seine Räumlichkeiten aufzusperren.

Krassnig: Als der WAC hier gegen Borussia Dortmund in der Europa League gespielt hat, hat die Austria aus ihrer Kabine ausziehen müssen. Als ob es nur eine Kabine in dem riesigen Stadion gäbe. Der Sportpark bewirbt das Freundschaftsspiel Schalke gegen Galatasaray intensiv, unsere Heimspiele aber gar nicht. Wir haben ein Depot für unsere Utensilien im Stadion gehabt, vor einem Ländermatch haben sie die einfach weggeschmissen. Keiner hat uns angerufen, um sie abzuholen. Unser Fanshop wird immer nur kurz vor dem Anpfiff aufgesperrt, auch wenn wir eine Stunde früher dort sind.

Hat der Verein kein eigenes Gebäude?

Krassnig: Nicht wirklich. Das ehemalige Vereinsgebäude gehört der Stadt und liegt hinter dem Stadion. Den ersten Stock nützt der Verein für Spielerwohnungen. Die dort aufbewahrten Pokale und Vereinsutensilien sollten weggeschmissen werden und sind nur teilweise gerettet worden.

Halner: Unsere Initiative hat sich auch zum Ziel gesetzt, diese Gegenstände zu sammeln und aufzubewahren. Außerdem wollen wir den Verein überzeugen, wieder das alte Wappen zu führen.

Krassnig: Jetzt haben wir das Klagenfurter Magistratslogo, einen stilisierten Lindwurm, als Wappen. Den habe ich vorher als Wappen der Stadtverwaltung gar nicht wahrgenommen. Erst als ich eines Nachts durch die Fußgängerzone gegangen bin, habe ich das damals neue Wappen der Klagenfurter Austria auf den Boden projiziert gesehen und mir gedacht: „Cool, die machen etwas für uns.“ Als ich näher gekommen bin, habe ich den Lindwurm mit dem Schriftzug „Magistrat Klagenfurt“ darunter gesehen.
    

Foto: Stefan Reichmann

Stefan Krassnig ist Obmann des Kollektivs „Wir Austrianer“. Seit Anfang der 1990er Jahre unterstützt er die Klagenfurter mit den „Barrakudas“. Sein Geld verdient er als IT-Spezialist.

Dietmar Halner ist schon als Zwölfjähriger mit dem Fahrrad von Griffen nach Klagenfurt gefahren, um die Austria zu unterstützen. Heute ist er Vorsänger des Fanklubs „Schwarze Seele Kärnten“ und arbeitet als Versicherungsmakler.

Referenzen:

Heft: 106
Rubrik: Interview
ballesterer # 121

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