Heimkehrer: Super-Mario im Mangaland

HEIMKEHRER Vom österreichischen Fußballpublikum oft geschmäht, hat Mario Haas (32) einen großen Auftritt in der japanischen J-League hinter sich. Jetzt kickt der ehemalige Champions League-Teilnehmer wieder bei Sturm Graz. 



Mario Haas erscheint gut gelaunt im Lokal »Fujijama« in der Grazer Innenstadt. Gleich wird er uns erzählen, was wir bestellen müssen. »Die Miso-Suppe ist eine Sensation«, sagt er, aber eben nur in Japan und das »Fujijama« macht uns mit vorgegebenen Mittagsmenüs einen Strich durch die Rechnung. Wir hatten uns auf einen Streifzug mit Mario durch die japanische Küche gefreut, jetzt müssen wir streng dem Menü-Plan folgen. Immerhin steht Sushi als Vorspeise an, doch als »Sensation« wird Mario Haas keines der folgenden Gerichte beschreiben. Denn er weiß, was wirklich gut ist: »So ein scharfer, eingelegter Salat, den kannst du dort essen, in der Früh und am Abend«.

Wie war das eigentlich, Herr Haas, als Sie da nach Japan gekommen sind, so ganz allein in einem unbekannten Land? Gar nicht schwer, meint er, denn in den ersten drei Monaten, die er im Hotel verbrachte, habe er schnell neue Freunde gefunden. Mit Ilian Stojanov, der von Lewski Sofia kommend beim selben Verein angeheuert hatte, erkundete er den Großraum Tokio: »Das ist ja keine andere Welt, in der man nichts bekommt. Das war vielleicht früher so, vor zehn oder 15 Jahren«. Sein Verein JEF United, mit der Heimstätte unweit von Tokio, fand ihm bald ein Haus, unweit von Tokio. »Gleich beim Disneyland. Das war lustig, da hat man jeden Tag ein Feuerwerk gehabt.« Weniger lustig: die Nachbarn. Die sah Mario Haas nur am ersten Tag, da gab er ihnen Geschenke, weil das in Japan so üblich ist. »Aber dann sieht man sie nie mehr wieder, bis man nach Hause fährt.« Nur ein alter Pensionist saß manchmal vor seinem Heim und wechselte ein paar höfliche Worte mit ihm.

Überhaupt: die Japaner. Leben auf einem Schneuztuch und zahlen dafür noch horrende Preise. »Die laden dich generell nicht zu sich nach Hause ein. In meinen zwei Jahren in Japan habe ich keinen einzigen Spieler daheim besucht.« Mit wem er dann Kontakt gehabt hat? Natürlich mit Trainervater Osim, damals Herr über JEF United, heute über die japanische Nationalelf. Und mit der österreichischen Exil-Gemeinde in Tokio. Besonders gut verstand er sich mit einem Unternehmer für Backwaren: »Dem war auch langweilig, weil seine Frau wieder nach Österreich gegangen ist.«

Die Haasi-Welle

Hauptsächlich hat er aber trainiert, der Mario, und gespielt. Fast hundert Matches pro Saison, da war ihm selten langweilig. So ist das halt unter Osim. Am Wochenende Meisterschaft, unter der Woche Freundschaftsspiele. Und weil die Mannschaften aus der ersten und zweiten Liga dafür nicht zur Verfügung standen, engagierte Osim die Universitätsteams. Der Erfolg kam rasch: Mit nur einem Punkt Rückstand wurde JEF United in Mario Haas' erstem Jahr Vierter.

Überhaupt: die Japaner. Laden die europäischen Kicker ein, um sich was von ihnen abzuschauen: »Von mir haben sie sehr viel gelernt, das haben sie zumindest gesagt«. Weil er seine Leistung gebracht hat. »Als Ausländer musst du wirklich zeigen, dass du für die Mannschaft arbeiten willst. Wenn sie sehen, dass du nur ein Hampelmann bist, ein lockerer Typ, der das Geld mitnimmt, dann kommen sie sofort drauf und schneiden dich. Du bekommst keinen Ball mehr.« Mario Haas ist beeindruckt von der Ernsthaftigkeit der japanischen Fußballer, schätzt ihre Liga um zwei Klassen höher ein als die heimische. Dennoch weiß er um ihr traditionelles Problem: das taktische Verhalten, die mentalen Schwächen. »Wenn du in Österreich 2:0 führst, stellst du dich hinten hinein und wartest auf Konter. Wenn die Japaner 2:0 führen, heißt es: Gemma, weiter! 3:0, 4:0 - und jeder will ein Tor schießen. Dann kann es sein, dass du verlierst«.

Gewonnen hat er aber auch, der Mario: zwei Mal den japanischen Cup. Dabei hat er fünf Tore geschossen, unbeachtet von der österreichischen Öffentlichkeit, stark beachtet von den fanatischen Anhängern. 10.000 kamen im Durchschnitt zu den Heimspielen: »Nach dem Match musst du immer zu den Fans gehen, um dich zu verbeugen. Ich hab? dann die Welle eingeführt. Die haben immer geschrien: »Mario, Mario, Haasi, Haasi, komm her.« Dann bin ich vorne gestanden und hab? die Welle gemacht.« Da wäre er doch gerne länger geblieben, oder? »Ich wollte, aber JEF wollte nicht mehr.« Zu viele Verletzungen, da kennen die Japaner überhaupt keinen Pardon.

Über was man nicht reden braucht

Jetzt ist Mario Haas wieder in Graz, als ob nichts gewesen wäre. Einige Angebote von anderen Vereinen hätte es gegeben, aber irgendwie stand sein Entschluss schon vorher fest. »Wenn du in Österreich vor vielen Fans spielen willst, kannst ohnehin nur zu Sturm oder zu Rapid gehen«. Oder zum Stadtrivalen GAK? »Hör' auf, da brauchen wir nicht reden. In hundert Jahren nicht. Das kann ein anderer machen - ich nicht.« In Japan sind sie aber nicht so vereinstreu, oder? »Bei den Japanern ist das anders, da war der Verein nur dein Arbeitgeber«.

Kurz vor Redaktionsschluss wurde Mario Haas von Josef Hickersberger für ein Teamcomeback gegen Ghana nominiert. Dass die Europameisterschaft für ihn noch ein Thema ist, hatte der selbstbewusste Grazer dem ballestererfm schon beim vorangegangenen Sushi-Essen bestätigt: »Ich möchte unbedingt dabei sein. Läuferisch und von der Routine her habe ich keine Probleme. Das haben sich viele nicht gedacht. Weil es geheißen hat: In Japan hast du dich nur erholt. In Japan musst du aber das Dreifache geben im Vergleich zu hier.« Eben.

Referenzen:

Heft: 27
ballesterer # 120

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 13.04.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png