Hellenische Verwirrungen

cache/images/article_1701_img_0769_140.jpg Bei der Cuppartie gegen Wacker Innsbruck Anfang August avancierte der Platz von Hellas Kagran zu einem Aufmarschgebiet rechtsextremer Fans der Wiener Austria. Ansonsten setzen Präsident Martin Graf und seine Gesinnungsgenossen, die den Verein 2007 übernommen haben, auf ein eher unauffälliges Erscheinungsbild. Selbst wenn die Vereinsfarbe grün schlecht angeschrieben ist.
Dietmar Knäckbauer, Clemens Schotola | 09.09.2011
»Zyklon B fürn FCW!« Nur eine nach beiden Seiten offene Bierausschank trennt die Fans von Hellas Kagran und Wacker Innsbruck am Hellas-Platz in Wien-Donaustadt. Schon vor dem Spiel ist klar: Nicht alle der knapp 1.500 Zuschauer sind gekommen, um ihre Mannschaft zu unterstützen. »Scheiß Zecke« zischt es immer wieder durch die Ausschank Richtung Auswärtssektor. Inmitten des bunt gemischten Hellas-Familienpublikums hatte sie sich versammelt die erlebnisorientierte Austria-Fangruppe »Unsterblich«, kurz UST.

 

Einschlägige Szene-T-Shirts, kurz geschorene Haare und viele Tätowierungen mit Wehrmachtskreuzen, Totenköpfe und ähnliche Motive aus dem rechtsextremen Milieu prägen das Bild. Blieb es zunächst bei Schmährufen, eskalierte die Situation in Minute 27. Gleichzeit mit dem 2:0 für Wacker traf mit einiger Verspätung der harte Kern der Auswärtsfans ein. Nur mühsam gelingt es den Ordnern und der spät eingreifenden Polizei, ein direktes Aufeinandertreffen der beiden Fangruppen zu verhindern.  Nach einer kurzen Unterbrechung, wird die Partie fertiggespielt. Kurier und Krone berichten in den nächsten Tagen über Ausschreitungen samt Tränengaseinsatz und etliche Festnahmen.


»Grün nur für Hellas«

Schlechte Presse für Martin Graf, FPÖ-Rechtsaußen und dritter Nationalratspräsident, der seit 2007 den Vereinsobmann von Hellas gibt. Als Kantinenpächter hat er damals Marcus Vetter mitgebracht, einst durch seine Bestellungen von Nazi-Liedgut und -Bekleidung als Büromitarbeiter von Graf auffällig geworden. Im Nachhinein fühlten sich die Unkenrufer also bestätigt: Hellas Kagran ist zum Einfallstor der extremen Rechten im Fußball mutiert.

 

Erinnerungen an einen früheren Besuch des ballesterer am Hellas-Platz in der Saison 2010/11 kommen hoch. Zum Zeitvertreib vor dem Spiel gegen Atletiko Prater gingen wir Tombolalose kaufen. Beim Kassier lagen die kleinen Zettel stapelweise bereit. Der Vereinsvertreter griff zu den weißen Losen. Auf den Hinweis, er möge doch bitte ein paar orange und grüne hinzufügen, sagte er: »Warum? Grün ist eine scheiß Farbe.« Dass er selbst ein grünes Hellas-Fantrikot trug, erklärte er so: »Grün nur für Hellas. Aber sonst ist das meine Farbe«, und hielt uns einen blauen FPÖ-Kugelschreiber unter die Nase.

 

Viel weiß man nicht über die Entstehungsgeschichte von Hellas Kagran. Laut Uwe Mauchs Buch »Wien und der Fußball« nicht einmal, wer die Griechen eigentlich waren, die 1926 auf die Idee kamen, den Geselligkeitsverein Hellas Kagran zu gründen. Erfolge blieben in der 85-jährigen Klubgeschichte bisher aus, der Toto-Cup-Sieg 2010 ist wohl der größte. Derzeit spielt der Verein in der Wiener Oberliga B. Seit mit Horst Peschek vor zwei Jahren ein erfahrener Unterhaus-Coach das Traineramt übernommen hat, geht es aufwärts. In über 50 Spielen kassierte Hellas nur acht Niederlagen, der Aufstieg ist in dieser Saison das erklärte Ziel.

 

»Sportlich ist Hellas einer der am besten geführten Vereine in Wien. Das grenzt an einen Profibetrieb«, sagt Peschek. Für Politik will sich der 49-Jährige nicht interessieren. Deswegen fällt auch die Beurteilung seines Präsidenten sehr nüchtern aus: »Als Vereinspräsident ist er einer der besten, die ich je hatte. Über Politik habe ich nie mit ihm gesprochen und habe das auch nicht vor.« Da stört es auch nicht, dass Sohn Christoph Peschek, der selbst bei Hellas gespielt hat, für die SPÖ als Abgeordneter im Wiener Landtag sitzt. »Er kommt auch immer noch auf den Platz zuschauen.«


Aus rot wird blau

Dennoch keine Selbstverständlichkeit, ist doch Hellas unter Grafs Regentschaft doch aus dem SPÖ-nahen Dachverband ASKÖ-Wien ausgetreten. Eigentlich undenkbar in der sonst so roten Donaustadt. Der ASKÖ wurde mangelnde Unterstützung vorgeworfen, die wahren Gründe dürften eher in Streitigkeiten mit dem ASKÖ-nahen ehemaligen Vorstand liegen. Der hatte dem Nachfolger 400.000 Euro Schulden hinterlassen, Graf fühlte sich damit allein gelassen. »Die finanzielle Unterstützung gehört nicht zu den prioritären Aufgaben des ASKÖ«, sagt Beate Schaschnig, Präsidentin der ASKÖ-Wien. »Die Beschwerde von Herrn Graf zeigt ein deutliches Fehlen an Fachwissen, das eigentlich für die erfolgreiche Führung eines Sportvereins notwendig wäre.«

 

Größere mediale Wellen schlug ein Vorfall im Frauenteam von Hellas. Grafs Ex-Büromitarbeiter Vetter hatte für seine Parteifreunde ein Spanferkelgrillen in der Kantine organisiert, bei dem die nebenan trainierenden Spielerinnen sexistisch beschimpft wurden. Drei Spielerinnern wagten daraufhin den Aufstand gegen Graf, den Widerstand wehrte der Politprofi aber locker ab, die Spielerinnen wurden schlussendlich suspendiert. »Ich würde ihm zu hundert Prozent eine deutschnationale Weltanschauung attestieren. Seine rhetorischen und intellektuellen Fähigkeiten ermöglichen ihm aber, diese so zu präsentieren, dass sich fast niemand daran kratzt«, sagt Andreas Peham, Rechtsextremismus-Forscher im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes.

 

Stellungnahmen zu seinem Fußballverein verkneift sich Graf jedenfalls. Auch auf der Internetplattform unzensuriert.at, wo der Vereinspräsident im Impressum als Co-Autor angeführt wird, findet sich nur ein Artikel zu Hellas eine Ankündigung des Cupspiels gegen Innsbruck. Skurril wird es allerdings bei einem anderen Text mit dem Titel »Auch der Fußballrasen ist migrantische Spielwiese«. Die Stoßrichtung, kurz zusammengefasst: Am Platzsturm von Rapid im Wiener Derby sollen nur eigens angereiste Griechen schuld sein, an Wettbetrug Spieler mit Migrationshintergrund inklusive Schiedsrichterassistent Alain Hoxha, der ja einen »französischen Vor- und albanischen Familiennamen« trägt. Betreiber der Seite ist der »Verein zur Förderung der Medienvielfalt«, Obmann laut Vereinsregister Walter Asperl, Grafs Schützling (»Leibfuchs«) bei der deutschnationalen Burschenschaft Olympia. Und ebenso wie Graf kein Freund des Verbotsgesetzes, wie Format im Jahr 2000 berichtete.


Breiviks unsterblicher Freund »Salo«

»Die Grenze zwischen Fanrivalität und Politik ist schwer zu ziehen«, sagt Rechtsextremismusexperte Peham auf die Frage, ob das Erscheinen von UST auf dem Hellas-Platz auch politisch motiviert gewesen sei. »Es ist da nicht nur um die Konkurrenz zweier Vereine gegangen.« Das Durchschnittsalter der anwesenden UST-Mitglieder ist soweit auf Fotos erkennbar im Vergleich mit der sonst jugendlichen Fanszene eher hoch. Unter ihnen befinden sich jedenfalls keine Unbekannten, auf den Fotos erkennbar ist etwa Alexander C. Der ehemalige Generalsekretär der österreichischen Rechtsanwaltskammer musste nach einem Artikel im Profil über seine rechtsextremen Umtriebe, den Sessel räumen. Die dabei veröffentlichten Fotos mit seinen rechtsradikalen Freunden rechtfertigte C. so: »Die kenne ich vom Fußball.« Ein weiterer anwesender Hooligan ist bei der Austria bereits notorisch: »Salo« bzw. »ultrassur wien« zeichnete nicht nur für eine Vielzahl der rechtsextremen Fahnen und Spruchbänder bei der Austria verantwortlich, sondern war auch Facebook-Freund und einer der Empfänger der Briefe des norwegischen Massenmörders Anders Breivik.

 

»Diese Gestalt kann geradezu als Personifikation der Verbindung der Hool- mit der ideologisierten Fanszene gesehen werden«, sagt Peham. Geht es nach den Austria-Fans dürfte »Salo« den Bogen nun endgültig überspannt haben. »Mit Josue Libertad hat er es übertrieben. Er darf weiterhin dabei sein, aber keinen politischen Hooliganismus mehr betreiben«, sagt ein Osttribünenbesucher, der anonym bleiben möchte, über »Salos« Transparent für einen faschistischen Mörder in Spanien. Ein Sprechverbot für »Salo« wird den Machern der Neonazi-Website alpen-donau.net nicht behagen, verhöhnte die Plattform doch im September 2010 die Proteste gegen die rechtsextremen Banner und Fahnen und forderte: »Es wird Zeit die Bühne des Fußballs zu nutzen, um offensiv gegen Unrechtsgesetze (gemeint ist das Verbotsgesetz, Anm.) vorzugehen!« Peham will diesen Aussagen keine bedrohliche Bedeutung zumessen: »Die Nazis von alpen-donau.info (heute alpen-donau.net, Anm.) machen sich immer wichtiger als sie sind. Sie wollen mit einer Verbindung zu UST Stärke vorgaukeln.«

 

»Hools hat es bei der Austria immer schon gegeben, aber das war eher ein loser Haufen«, sagt ein langjähriger Austria-Fan, der ebenfalls anonym bleiben möchte. Mitte der 1990er Jahre tauchte erstmals der Name »Unsterblich« auf. »Bei einem Spiel von Chelsea in Bratislava wurden diverse Sachen geschrien, darunter auch unsterblich. Irgendwann ist einer auf die Idee gekommen, dass das ein cooler Name wäre.« Das Gewicht von »Unsterblich« innerhalb der Austria-Fanszene unterliegt starken Schwankungen, nicht zuletzt aufgrund diverser Gefängnisaufenthalte der Führungspersonen. Einer der Capos befindet sich aktuell im Gefängnis, ein zweiter setzt mittlerweile auf Unauffälligkeit.


Vetter und Tochter in der Kantine

Beschaulich geht es am Hellas-Platz Ende Juli beim Testspiel gegen Slovan HAC zu. Der Zufall will es, dass ausgerechnet Vetter an den Besuchern vom ballesterer vorbeieilt. Ein kurzer prüfender Blick, der Kantinenbetreiber bleibt stehen und drückt den Gästen mit einem freundlichen Hallo die Hand. Auch ein paar Schritte weiter, in der Kantine lässt nichts auf die politische Gesinnung des Pächters schließen. An der Theke bedient uns allerdings eine Tochter von Barbara Rosenkranz, der ehemaligen FPÖ-Kandidatin für das Bundespräsidentenamt, die in ihren Aussagen zum Holocaust selbst Parteichef HC Strache zu »unpräzise« war. Ansonsten weist nichts darauf hin, dass in dem Vereinslokal immer wieder Veranstaltungen der FPÖ und vor allem des Rings Freiheitlicher Jugend (RFJ) laut Peham »die Avantgarde in Sachen Rechtsruck der FPÖ« stattfinden.

 

Unkompliziert kommen wir mit den Testspielkiebitzen ins Gespräch. Ungefragt distanzieren sie sich vom Vereinspräsidenten. »Politisch haben wir mit Graf nix zu tun.« Man kommt, weil man hier wohnt und schon seit Jahren zu Hellas geht, der Verein ist tief in der Donaustadt verwurzelt. Auch über die Kicker plaudern die Zuschauer mit dem ballesterer. Die Abwehr organisiert Mario Fürthaler, der habe schon Bundesliga gespielt. »Wenn der ned den Schas beim FAC gmocht hätt, würd der ned bei uns spün«, sagt ein Umstehender.

 

Fürthaler wurde verdächtigt, seine Mannschaftskollegen bestohlen zu haben, von dem Vorwurf vor Gericht aber freigesprochen. Er ist nicht der einzige Spieler, der seine zweite Chance bekommt, einer läuft sogar mit Fußfessel auf. Ebenfalls im Kader steht einer, dem nachgesagt wird, bis vor kurzem aktives Mitglied von UST gewesen zu sein. Nach der Cuppartie gegen Wacker heißt es in Internetforen, die »Unsterblich«-Mitglieder hätten am Hellas-Platz nur einem alten Freund zuschauen wollen. Nur kam dieser nicht zum Einsatz. Während in der Kampfmannschaft die Resozialisation einen zentralen Platz einzunehmen scheint, setzt man im Nachwuchs, wo sich die demografischen Begebenheiten der Donaustädter Plattenbauten gut nachzeichnen lassen, auf Integration. »Wir san a richtige Multikultitruppn«, sagt einer der Testspielbesucher. Trotz Präsident Graf.

Referenzen:

Heft: 65
Rubrik: Fansektor
ballesterer # 112

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 21.07.2016.

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