ballestererfm: Wie sind Sie als vertreter der außerparlamentarischen Linken der 1970er Jahre auf die idee gekommen, ein Buch über milan-ultras zu schreiben?
NANNI BALESTRINI: Zu Beginn hatte ich eine generelle Neugier bezüglich dieses Phänomens der Fußballfans. Ich weiß natürlich, dass der Fußball ein wunderschöner Sport ist und vor einem breiten Publikum gespielt wird. Daneben gibt es noch die Ultrà-Gruppen, die sehr groß und weit verbreitet sind. Mich hat interessiert, wie es dazu kommt. Ich konnte diese Neugier nicht stillen, bis ich aus Zufall in dem Mailänder Centro Sociale Conchetta (linkes Zentrum, Anm.) auf die Brigate Rossonere gestoßen bin. Ich ging da regelmäßig in die Buchhandlung meines Freundes Primo Moroni und nebenan war der Sitz dieser Gruppe. Ich sah sie dort ein- und ausgehen, und ab einem gewissen Punkt habe ich angefangen, mir ihre Geschichten von den Auswärtsfahrten anzuhören. Das hat mich tief beeindruckt.
Was hat Sie an den ultras fasziniert?
Am stärksten ihre Sprache. Das Buch ist in einer dem Gesprochenen sehr nahen Sprache geschrieben. Nicht im Dialekt, aber sehr einfach und in einem umgangssprachlichen Jargon. Mich hat auch ihre Art, Geschichten so übertrieben zu erzählen, begeistert. Wie bei Großwildjägern, die von ihrer großen Jagd in Afrika erzählen, etwa wie sie zehn Elefanten erlegt hätten. Alles wird dabei so mythisch, zu einem wunderbaren Abenteuer. Dinge, die in der Realität dann nicht so außergewöhnlich waren. Hinter diesen ruhmreichen Geschichten stand eine eigene Epik. Der Anfang der Geschichte erinnert an die »Ilias« aus der griechischen Mythologie, wo die Entführung von Helena den Krieg auslöst. Im Buch beginnt
der Krieg nach dem Diebstahl eines Transparents. Am Ende kommt es mit dieser unglaublichen Geschichte der beiden angehaltenen Züge auch zur großen finalen Schlacht.
Zur recherche dienten ihnen nur die Erzählungen der Ultras?
Ja, sie haben mir diese Geschichten erzählt. Entscheidend war auch, dass sie von verschiedenen Personen geschildert wurden. Der eine erzählte ein Stück, und dann schaltete sich der Nächste ein und sagte: »Nein, da gibts ja noch dieses und jenes.« Das macht die Geschichten auch so lebendig.
Hat Sie auch interessiert, inwieweit diese Erzählungen wahr sind?
Ich denke, dass alles gleichzeitig wahr und falsch ist. Alles ist übertrieben und überzeichnet, aber im Grunde sind es fantasievoll ausgeschmückte, wahre Geschichten. Das ist ja auch an der Literatur das Schöne, die bei der Realität anfängt und daraus etwas Mythisches macht. Die Literatur hat immer diese Funktion erfüllt.
Wie waren die Reaktionen auf das Buch?
Es gab einen Aufruhr. Vor allem die Sportjournalisten haben mir Vorwürfe gemacht. Ich habe aber auch sehr positives Feedback bekommen. In den Fanzines der Ultrà-Gruppen wurde das Buch sehr gut aufgenommen. Nur einmal hatte ich eine Lesung in Livorno, und der Capo kam danach zu mir und hat gesagt: »Die wahren Ultras sind doch gar nicht so schlimm wie in deinen Beschreibungen.« Und das, obwohl sie in Livorno furchtbar aufführen.
Welche vorwürfe wurden ihnen von der Presse gemacht?
Diese Journalisten lieben den Sport als eine pure, abstrakte Sache. Das Publikum bereitet ihnen nur Ärger. Daher haben sie mir vorgeworfen, dass dieses Buch ein Aufruf zur Gewalt und eine Verharmlosung von Verbrechen ist. Dabei wird dieser Aspekt im Buch recht deutlich erklärt und betrifft ein wenig die politische Dimension. Da gibt es diesen Protagonisten, der an der Bewegung und den Kämpfen der 1970er Jahre teilgenommen und so etwas wie die Solidarität der Gruppe kennengelernt hat. Nachdem die Bewegung zum Stillstand kommt, ist er ziemlich verzweifelt. Also findet er im Fantum die Dinge von früher wieder. Die Freude, die ganze Woche gemeinsam zu verbringen und alles für den Sonntag vorzubereiten, die Transparente zu malen etc. Das alles vor dem Hintergrund der Trostlosigkeit in seinem Leben. Die kollektive Erfahrung wird dadurch zum magischen Moment. Das habe ich zu erzählen versucht. Die Gewalt ist nur ein Aspekt davon.
Die Ultrà-Bewegung ist auch aus der Jugendbewegung der späten 1970er hervorgegangen. Inwieweit fielen die politischen Ziele dabei weg?
Der Bruch in den 1970ern hat alles weggeschwemmt, und das Stadion konnte die Rolle der Politik teilweise übernehmen. Es gab dem alltäglichen Leben das, was davor die Politik in einem sehr edlen Sinn gegeben hatte. Diese Werte, die darauf abzielten, die Welt zu verändern, gibt es zwar nicht mehr, aber das Fußballfansein erlaubt dir dennoch, besser zu leben und nicht nur ein vereinzeltes Individuum zu sein. Der Soziologe Alessandro Dal Lago hat dieses Phänomen in zwei Büchern sehr gut analysiert. Aber ich bin kein Theoretiker und daher hat mich in erster Linie interessiert, die Geschichten dieser Persönlichkeiten zu erzählen.
Wie wichtig war den Protagonisten eine Zugehörigkeit zur Linken?
Sie waren vage links und nahmen auf dieses Centro Sociale Bezug, aber das war keine politische Aktivität im eigentlichen Sinn. In dem Buch werden aber auch die Veränderungen der 1990er angedeutet. Da erzählt einer der Protagonisten, dass diejenigen mit faschistischen Slogans sofort verprügelt wurden. Damals wurde das nicht toleriert, heute gibt es nur noch die Rechten. Die früheren Unterscheidungen zwischen Milan und Inter oder auch Roma und Lazio gibt es nicht mehr. Die Rechten haben schrittweise zugelegt und die Hegemonie erlangt.
Inwieweit hat das Buch die Wahrnehmung der Ultras in einer breiteren Öffentlichkeit
verändert?
Ich weiß es nicht, ich glaube aber nicht sehr stark. Ich fürchte, dass viele von dem Aspekt der Gewalt negativ beeindruckt waren. Meiner Meinung nach ist dieser aber ein natürlicher Bestandteil. Leider kommt es nach jeder gewalttätigen Episode zu diesen Übertreibungen und Kriminalisierungen der Presse. Obwohl der Fußball von allen Massenphänomenen das sicherste ist. Tausende Personen treffen sich jeden Sonntag und manchmal gibt es vielleicht den einen oder anderen Verletzten. Ich finde diese Kriminalisierung der Fans wirklich unwürdig. Es wirkt so, als wären die Stadien jeden Sonntag voller Blut und Kadaver.
Gehen Sie auch selbst ins Stadion?
Nein. Während der Arbeit an dem Buch bin ich ein einziges Mal mit den Jungs der Brigate
mitgegangen. Da gab es so einen, der das Spiel nicht sieht, weil er dem Feld den Rücken zudreht, um der Kurve Signale geben zu können. Er dirigiert dieses enorme Orchester. Das ist ein wunderbares Schauspiel. Auf der einen Seite sind die Trommeln, und auf der anderen schießen sie diese bunten Raketen ab. Es ist wirklich unglaublich. Außerdem verfolgen alle das Match im Stehen und wenn sie springen, bebt der Stahlbeton. Daher war ich zur Halbzeit
wirklich benommen und musste leider gehen. Aber es war ein unvergessliches Erlebnis.
Wie würden Sie ihr heutiges Verhältnis zum Fußball definieren?
Es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber derzeit habe ich kein Verhältnis zum Fußball. Ich sage allen, dass ich zur Roma halte und mir Totti gefällt, aber insgesamt ist das eine der unwichtigsten Sachen in meinem Leben.






erscheint am 12. Juli 2013.
Abo bestellen