Hunger nach Freiheit

Nach drei Monaten im Hungerstreik soll der palästinensische Fußballer Mahmud Sarsak im Juli aus israelischer Haft entlassen werden. Sein Fall hat die Fußball­öffentlichkeit bewegt, die sich spät, aber doch zu einem Protest zusammenfand. Doch Sarsaks Fall ist nur das drastischste Beispiel für die Schwierigkeiten, mit denen die palästinensische Nationalmannschaft zu kämpfen hat.
Stefan Kraft | 12.07.2012

Als der heute 25-jährige Palästinenser Mahmud Sarsak am 22. Juli 2009 am Grenzposten Erez verhaftet wird, ist er der jüngste Spieler, der je für sein Land aufgelaufen ist. Ein Land, das derzeit den 153. Platz in der FIFA-Weltrangliste belegt, aber für die meisten anderen Länder auf dieser Liste gar nicht existiert. Ein Land, das aus zwei Enklaven besteht, die voneinander durch ein Land getrennt sind, dessen Grenzen für Leute wie Mahmud Sarsak schwer zu überwinden sind.


Als Sarsak vor drei Jahren aus Gaza aufbricht, um im Westjordanland mit seiner Mannschaft zu trainieren, wird er nach dem israelischen Gesetz über »illegale Kombattanten« in Haft genommen. Dieses Gesetz ermöglicht es, Palästinenser aus dem Gazastreifen auf unbestimmte Zeit gefangen zu halten. Gesetze wie dieses existieren nur in wenigen Ländern der Erde. Großzügigen Gebrauch davon machen neben Israel, das diese Regelung nach dem Rückzug aus Gaza 2005 einführte, vor allem die USA, die auf der Insel Guantanamo Menschen aus allen Teilen der Welt festhalten.


Sarsak stand unter dem Verdacht, Mitglied einer terroristischen Vereinigung zu sein. Nach fast drei Jahren ohne Aussicht auf einen Prozess oder Entlassung entschloss er sich am 19. März dieses Jahres, am Hungerstreik seiner Mitgefangenen teilzunehmen. Diese Protestaktion tausender Gefangener richtete sich vor allem gegen die Administrativhaft, die ohne gerichtlichen Beschluss und Anklage verhängt werden kann, sollte aber auch bessere Haftbedingungen und die Besuchs­erlaubnis für Angehörige erzwingen. Am 14. Mai schlossen die Gefangenen eine Vereinbarung mit den israelischen Behörden, der sich Sarsak allerdings nicht anschloss. Als einer von wenigen weigerte er sich weiterhin, feste Nahrung zu sich zu nehmen. Erst am 92. Tag seines Hungerstreiks, dem 18. Juni, gab die Regierung nach und bot Sarsak eine Behandlung in einem zivilen Krankenhaus und die vorzeitige Entlassung an. Mitte Juli soll er freigelassen werden.

Im Visier
Mahmud Sarsak ist nicht der einzige palästinensische Fußballer, der derzeit im Gefängnis sitzt. Auch der Torhüter der Olympiamannschaft, Omar Abu Ruways, wurde unter ähnlichen Vorwürfen von den israelischen Sicherheitskräften verhaftet. Wie überhaupt der ständige Konflikt ein normales Fußballerleben in Gaza und dem Westjordanland unmöglich macht: Drei Spieler wurden bei Angriffen der israelischen Streitkräfte um die Jahreswende 2008/09 getötet. Die Ausreise zu großen Turnieren wie dem AFC Challenge Cup 2008 wurde den palästinensischen Kickern verweigert, entscheidende Spiele in der WM-Qualifikation gingen verloren, weil mehr als die Hälfte der Mannschaft zu Hause bleiben mussten. So auch vor der WM 2006, als Palästina den ersten Gruppenplatz belegte, jedoch beim vorentscheidenden Auswärtsspiel in Usbekistan nur mit einem Rumpfkader antreten konnte und verlor. Eine Situation, die auch den damaligen Trainer, den früheren österreichischen Teamchef Alfred Riedl, zum Rücktritt bewegte. 2004 schilderte er dem ballesterer die Schwierigkeiten, mit denen seine Mannschaft zu kämpfen hatte: »Die Spieler werden bei der Ein- und Ausreise an den Grenzen oft mehrere Tage aufgehalten. Unser ehemaliger Co-Trainer musste, um zu seinem 100 Kilometer entfernt liegenden Job zu kommen, 15 Checkpoints überwinden. Das dauerte so lange, dass er nur alle zwei Wochen nach Hause gekommen ist. Es kommt zu wenig durch in den Medien, wie sehr diese Menschen unterdrückt werden und überall Grenzen haben im eigenen Land.«


Cantona interveniert
Mahmud Sarsak wird wohl nie wieder im Nationalteam spielen. Im Zuge seines Hungerstreiks hat er ein Drittel seines Gewichts verloren, wie ein Mediziner der Vereinigung »Ärzte für Menschenrechte« bekanntgab, der ihn Anfang Juni untersuchen durfte. Auch die weiteren Folgen des mehrmonatigen Nahrungsentzugs sind drastisch: Ohnmachtsanfälle, Gedächtnisverlust und extremer Muskelschwund.


Die akute Lebensgefahr hat die Aufmerksamkeit der internationalen Fußballöffentlichkeit auf Sarsaks Schicksal gelenkt. Dazu trug auch eine Aussendung der Menschenrechtsorganisation Amnesty International bei, die Mitte Juni die sofortige Freilassung oder Spitalsbehandlung des Fußballers verlangte. Nun wurde auch Eric Cantona aktiv und schrieb gemeinsam mit Prominenten wie dem britischen Regisseur Ken Loach und dem US-Intellektuellen Noam Chomsky einen offenen Brief an den britischen Sportminister Hugh Robertson und den UEFA-Präsidenten Michel Platini. Darin hieß es, dass »Rassismus, Menschenrechtsverstöße und schwere Verletzungen des internationalen Rechts« in Israel »an der Tagesordnung« seien. Sarsak sei »dem Tod nahe«, er »braucht unsere Unterstützung«. In einem Leserbrief an den Guardian antwortete Amir Ofek, Presseattaché der israelischen Botschaft in London, auf die aufkeimende Kritik: »Sarsak lässt sich in erster Linie als aktiver Unterstützer des Terrorismus beschreiben und nicht als der Fußballer, den er vielleicht in seiner Freizeit abgibt.«


Dennoch kam es zu einer breiten Solidarität unter Fußballern und Funktionären. Die internationale Fußballergewerkschaft FIFPro forderte in einer Stellungnahme die sofortige Freilassung Sarsaks, und schließlich legte sogar Joseph Blatter Protest ein. Der FIFA-Präsident prangerte die »mutmaßlich illegale Haft« des Fußballers öffentlich an.

0-0-0-System
Der internationale Druck hat seine Wirkung gezeigt sollten die übereinstimmenden Meldungen zutreffen, wird Sarsak bei Erscheinen dieses Artikels wieder in Freiheit sein. Die israelischen Offiziellen haben dennoch bekanntgegeben, dass sie ihn nach wie vor als Mitglied des »Islamischen Dschihad« betrachten, einer bewaffneten Gruppe, die Anschläge gegen Israel durchführt. Offenbar reichten aber die Verdachtsmomente nicht aus, ihm innerhalb von drei Jahren den Prozess zu machen.


»Vielleicht wurde das organisiert, um dem Trainer bei der Wahl der Mannschaftsaufstellung zu helfen«, schrieb Independent-Kolumnist und Kabarettist Mark Steel in einem sarkastisch-grimmigen Artikel über die Gründe für Sarsaks Inhaftierung. Zu den ständigen Ein- und Ausreiseverboten meinte er: »Das Nichterscheinen der Spieler führte zu taktischen Problemen, sodass der Trainer ein 0-0-0-System ausprobieren musste, das nie so ganz aufging (ich glaube aber, dass sie mit diesem System gegen Schottland remis spielten).« Und schließlich sinnierte Steel noch darüber, was wohl bei den taktischen Analysen der palästinensischen Nationalmannschaft besprochen werde: »Da gibt es eine 15 Meter hohe Mauer um den Sechzehner, und man muss zwei Stunden warten, bevor man durch den Checkpoint passen kann. Die Stürmer können so eine Art der Verteidigung einfach nicht überwinden.«


Wenn auch nicht mit dem Humor Mark Steels, die Fußballöffentlichkeit wird sich auch nächstes Jahr mit dem Nahost-Konflikt auseinandersetzen müssen. Im Juni 2013 findet die U21-Europameisterschaft in Israel statt. Eric Cantona und seine Mitstreiter haben bereits zu politischen Protesten gegen das Gastgeberland aufgerufen und die Politiker dabei an ihren teilweisen Boykott der EM-Spiele aufgrund der Menschenrechtsverletzungen in der Ukraine erinnert. Palästina wird an der U21-EM nicht teilnehmen, es gehört zum asiatischen Verband.

Referenzen:

Heft: 73
Rubrik: Spielfeld
Thema: Palästina
ballesterer # 121

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