Dennis Lyxzen reibt sich die Augen, als er in die Hotellobby kommt. Es ist ein lauer April-Nachmittag in Berlin, aber Lyxzen kämpft mit dem Jetlag. Er tourt mit seiner Band Refused ein allerletztes Mal durch die Welt von Kalifornien über Europa bis Japan. In der Nacht sind sie aus den USA gekommen, in New York haben sie binnen 20 Minuten 6.000 Tickets verkauft. Lyxzen sagt, mit diesem Erfolg habe er selbst nicht gerechnet. Refused hatten sich eigentlich vor 14 Jahren aufgelöst; das letzte Album »The Shape of Punk to Come« galt wegen der Verknüpfung von Jazz, Techno und Punk als Meilenstein und Inspiration für zahlreiche nachfolgende Bands.
Durch die abrupte Auflösung mitten in einer US-Tour wurden Refused zu einem Mythos in der linken Hardcore-Szene. Die kurze Reunion soll nun die damals abgebrochene Tour vollenden. Sänger Lyxzen und die anderen Bandmitglieder sind aber in den 14 Jahren aktiv geblieben; er selbst hat etwa die International Noise Conspiracy gegründet. Der Inhalt seiner Arbeit ist derselbe geblieben: Manifest statt schnödem Songtext, er singt von der Arbeiterklasse und vom Antikapitalismus. Worüber Lyxzen nie singt: seine Leidenschaft Fußball.
ballesterer: Sie machen Musik mit dem Antrieb, sie als Spektakel für die Massen zu entlarven, die Mechanismen dieser Industrie zu zeigen. Ist das beim Fußball nicht dasselbe? Oder sogar noch schlimmer?
Dennis Lyxzen: Das ist manchmal schwer zu verstehen: Ich bin ständig in Bewegung. Ich mache Musik und denke über alles nach, was ich lese und sehe. Ich spreche über Musik und Politik und versuche immer, kreativ zu sein. Wenn ich Fußball schaue, ist es genau umgekehrt. Das hat etwas von Meditation. Ich blende alles andere aus und versuche, die Schönheit des Spiels zu genießen. Der Fußball ist vom Rest meiner Welt abgetrennt und beeinflusst meine kreativen Gedanken nicht wenn ich Filme sehe oder Musik höre, ist das ganz anders. Mit dem Fußballspielen ist es ähnlich. Wenn ich einen schlechten Tag habe, kicke ich mit ein paar Freunden. Dann wird der Kopf frei.
Welche Branche ist schlimmer Fußball oder Musik?
Ich kenne die Fußballindustrie nicht von innen. Aber sie kann die Infrastruktur ganzer Länder ändern, wie man an der WM in Südafrika gesehen hat. Das kann die Musik nicht. Deshalb hat der Fußball ein größeres politisches Potenzial.
Der ehemalige argentinische Coach Cesar Luis Menotti sprach einst von der linken und der rechten Taktik: schöner Fußball gegen kaltschnäuzig-ergebnisorientierten.
In dieser Form habe ich noch nie darüber nachgedacht. Eher über das, wofür die Vereine stehen.
Das ist aber zu einem guten Teil Marketing.
Ich glaube nicht, dass man lauter Linksradikale trifft, wenn man mit den Spielern des FC Barcelona spricht. Aber andererseits hatte »Barca« die längste Zeit keine Werbung auf den Trikots, sondern hat UNICEF gesponsert. Das ist doch eine schöne Sache. Aber die Vermarktung ist wohl wichtiger als das, was die Leute im Team politisch repräsentieren. Und die meisten Fußballer scheren sich nicht um Politik. Heute wird man so früh Fußballer, viele gehen schon mit 13 auf eine Akademie. Die meisten wissen nicht viel über die Welt und reden nicht viel über Politik. In Schweden haben wir zum Beispiel starke sozialdemokratische Traditionen: Jeder soll Sport machen, jeder soll Fußball spielen können. Aber sobald die Spieler reich werden, vergessen sie die Ideen, die ihnen das ermöglicht haben und stehen rechts. Weil sie noch reicher werden wollen. Das ist deprimierend.
Ein guter Zeitpunkt, um über Zlatan Ibrahimovic zu sprechen. Sie haben einmal gesagt, dass Sie ein großer Fan von ihm sind, weil er nicht so ein spektakulärer Spielertyp ist.
Moment, er ist auf seine Art spektakulär. Er ist der größte Spieler, den Schweden je hatte. Und er ist einer von den Typen, die im Ghetto aufgewachsen und dann erfolgreich geworden sind. Aber: Wenn man sein Buch liest, geht es nur um seine Welt und ihn als Individuum, aber kaum um die Teams und nie um ein Kollektiv. Das ist traurig. Er ist ein großer Spieler, aber wer weiß, was er erreicht hätte, wenn er ans Kollektiv denken würde. Barcelona hat einen anderen Fußball gespielt, da hat sein Zlatan-Stil nicht hineingepasst. Bei Milan macht er jetzt, was er will er besetzt die Räume, die er besetzen will.
Lesen Sie das gesamte Interview in der aktuellen Printausgabe des ballesterer (Nr. 73, August 2012) Ab 20.7. österreichweit in den Trafiken sowie im deutschen und Schweizer Bahnhofsbuchhandel!






Dennis Lyxzen schreit sich für die Hardcore-Punk-Legende Refused die Seele aus dem Leib. Wenn er das nicht tut, schaut er Fußball. Mit dem ballesterer spricht er über Fußball als Meditation und erklärt, was die Hauptbühne beim Hultsfred-Festival mit der schwedischen Nationalmannschaft zu tun hat.
erscheint am 12. Juli 2013.
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