Im Rhytmus der Steeldrums

TRINIDAD & TOBAGO    ist das kleinste Land, das sich jemals für eine WM qualifizierte. Ein Bericht über die karibische Verbindung von Fußball und Musik, Interessenskonflikte eines FIFA-Funktionärs und schottische Unterstützung für Dwight Yorke und Co.
Mario Sonnberger | 09.05.2008
Bahrain, 16. November 2005: Auf Weisung von FIFA-Vizepräsident Jack A. Warner ist es einigen mitgereisten Fans aus Trinidad & Tobago gestattet, ihre Musikinstrumente klassische karibische Steeldrums ins Stadion mitzunehmen. Die unkonventionelle Unterstützung trägt Früchte, die »Soca Warriors« des ehemaligen Real Madrid- und Ajax Amsterdam-Coaches Leo Beenhakker siegen 1:0. Erstmals qualifiziert sich der Inselstaat für eine Fußball-WM. Grund genug für die Politiker des kleinen mittelamerikanischen Landes, spontan einen Feiertag auszurufen.
Die Chancen, dass der Mannschaft der rhythmische Support auch in Deutschland erhalten bleibt, stehen gut. Denn Sport und Musik stehen sich auf Trinidad & Tobago nahe wie kaum anderswo. Die Musikrichtung Soca, von dem das Nationalteam seinen Spitznamen bezieht, wird gerne als »Soul of Calypso« gedeutet. Tatsächlich gehen seine Wurzeln auf die Vermischung karibischer und indischer Einflüsse zurück, wie sie für die Inseln der Umgebung charakteristisch sind.
Für ein Land mit knapp über einer Million Einwohnern die wenigsten aller WM-Teilnehmer hat Trinidad & Tobago eine erkleckliche Anzahl an Spitzensportlern hervorgebracht. Den meisten von ihnen wurde die Ehre zuteil, von namhaften Künstlern musikalisch verewigt zu werden. Dass eine typisch karibische Würdigung nicht ohne Augenzwinkern von Statten geht, musste der frühere Weltklassesprinter Ato Boldon am eigenen Leib erfahren, als ein findiger Soca-Künstler aus seinem Vornamen Songmaterial mit zweideutigen Inhalten bastelte. Anderen, wie der Cricket-Legende Brian Lara, blieb derartiges erspart. Sein Name ziert eine Promenade in der Hauptstadt Port of Spain.
Das Reisebüro des

 

Verbandspräsidenten

 

Was Sepp Blatter für die Schweiz, ist Jack Austin Warner für Trinidad & Tobago. Doch während der FIFA-Oberste, wenn er nicht gerade gegen die Türkei wettert, eher durch sonnenkönigliche Gebärden denn durch Schweizer Nationalstolz besticht, ist sein Stellvertreter mit Leib und Seele seiner karibischen Heimat verpflichtet. Kaum verwunderlich, nimmt Warner doch neben seinen Tätigkeiten als Repräsentant der CONCACAF (Konföderation der nord- und zentralamerikanischen und karibischen Fußballassoziation) und als Spezialberater des nationalen Verbands in Trinidad & Tobagos Innenpolitik die Rolle des Oppositionsführers ein. Die jüngste Diskussion um erhöhte Eintrittspreise für die Abschiedsgala des Nationalteams geriet angesichts dessen zu einem öffentlich ausgetragenen Politikum. Bereits zuvor hatte sich Warner innerhalb der FIFA wegen eines möglichen Interessenskonflikts rechtfertigen müssen: Als Inhaber eines Reisebüros hatte er das Monopol auf das dem Verband zugewiesene Kontingent an WM-Tickets, zog sich daraufhin aber freiwillig aus dem Geschäft und den Schlagzeilen zurück.
Auf dem Platz gehört die Aufmerksamkeit der Medien Dwight Yorke. Mit 34 Jahren kehrte der Ausnahmetorjäger in die Nationalmannschaft zurück und hatte maßgeblichen Anteil an der WM-Qualifikation. Seit geraumer Zeit trägt ein Stadion auf Tobago Yorkes Namen, in Deutschland wird viel von seiner Form und den Leistungen des ebenso routinierten Russell Latapy abhängen. Mit Stern John brennt ein weiterer Legionär darauf, seine Visitenkarte vor allem im englischen Strafraum zu hinterlassen. Wie überhaupt das Spiel gegen die ehemaligen Kolonialherren nicht nur aus karibischer Sicht ein Highlight darstellen dürfte. Denn Torhüter Kelvin Jack, der seine Brötchen beim FC Dundee verdient, konnte für den Support auf Seiten der »Soca Warriors« auch einige bekannt lautstarke schottische Fans gewinnen.           

Mitarbeit: Reinhard Schaflinger

Referenzen:

Heft: 22
Rubrik: Fansektor
ballesterer # 121

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