Im Sturmfieber

FANPORTRAIT I Der 85-jährige Hans Matzer ist eine Legende unter den Sturm Graz-Anhängern. Seine Lebensgeschichte erzählt von jenem großen Energieschub, den der Grazer Traditionsklub von seinen Anhängern braucht, um sich aus den Konkurstiefen zu retten. Eine Leidenschaft in Schwarz-Weiß.
Martin Schreiner | 05.06.2008
Auf dem Grazer Gemüsegroßmarkt lassen sich die Händler nicht nur nach der Art der verkauften Waren einteilen, sondern ebenso nach ihrer fußballerischen Konfession. Die Rivalität zwischen Schwarzen und Roten hält die Gemüsegärtner emotionell so frisch wie die Melanzani und Tomaten, die sie verkaufen. Der beste Beweis dafür ist Johann Matzer. Der 85-jährige ist eine Legende unter den Sturm-Fans. Die Liebe zu den Schwarz-Weißen und die Arbeit auf dem Großmarkt sind sein Lebenselixier. Jeden Wochentag steht er pünktlich wie ein Uhrwerk um 4 Uhr auf, steigt in seinen alten VW-Bus und fährt auf das Gelände des ehemaligen Grazer Schlachthofs, um dort für den Familienbetrieb Gemüse zu verkaufen. Pension kennt er keine. »Sonst rost i in da Birn ein«, sagt er und stellt hurtig ein paar Kisten Kohlköpfe zu. Sprintstark war er auch als Kicker in der Sturm-Jugend, beim Grazer Sportklub (GSC) und der Austria Graz bis Ende der 1930er-Jahre. Aufgrund seiner Reaktionsschnelligkeit und Waghalsigkeit wurde er dennoch als Torwart eingesetzt. Als Andenken an seine aktive Karriere blieb ihm eine schwere Verletzung der linken Hand, die ihm ein Schalke 04 Stürmer 1942 in einem Spiel gegen seine Wehrmachtsfußballmannschaft zufügte, als er ihm mutig aus dem Tor entgegenhechtete.


Liebe aus der Nachbarschaft


Körperliche Robustheit und Glück brachten ihn durch den Zweiten Weltkrieg und die russische Gefangenschaft, aus der er völlig abgemagert 1947 nach Graz zurückkehrte. Schon vor dem Krieg hatten ihn die Stanek-Brüder, lokale Fußballgrößen und seine Mannschaftskollegen beim GSC, zu Sturm-Matches mitgenommen und seine Fanleidenschaft für die Mannschaft vom Jakominigürtel entfacht, deren Spieler er damals großteils auch privat kannte. Seine Schwester ehelichte obendrein den bekannten schwarz-weißen Olympiateamspieler Erich Stumpf, der ihn endgültig mit dem Sturmfieber infizierte. Eine hartnäckige Entzündung des Herzens, welche unkontrollierte Begeisterungsschübe für den SK Sturm Graz hervorruft, die jegliches rationale Handeln erschweren bis verhindern. Für Hans Matzer entstand diese bis heute ungebrochene Identifikation mit Sturm aus dem Spaß am Fußballsport, aus der lokalen Verwurzelung des Vereins im heimatlichen Südosten von Graz und aus persönlichen Freundschaften mit Sturm-Spielern und Fans. Sie ist bis heute die Summe direkten persönlichen Kontakts mit den Menschen und den Spielstätten des schwarzen Universums. Gewachsen wie die Liebe zu einem Mädchen aus der Nachbarschaft, das man als Bub kennen lernt, und dem man ein Leben lang treu bleibt. Da scheint es wie eine natürliche Konsequenz, dass seine Tochter Maria den Bruder des legendären Sturm-Linksaußen Heinz Zamut geheiratet hat.

Hilfsbereitschaft im Sturmrausch


Seit den 1950er-Jahren belohnt sich der 1921 geborene Matzer Hansi für seine schwere körperliche Arbeit am Gemüseacker am liebsten mit Besuchen von Sturmmatches. So hat er seit dieser Zeit, zusätzlich zu den Heimspielen in der Gruabn und im Stadion Liebenau, nahezu alle internationalen Begegnungen der Blackies besucht, ganz zu schweigen von den unzähligen Auswärtspartien innerhalb Österreichs. Dabei zeigte der für seine körperliche Naturkraft bekannte Draufgänger mit dem lauten Organ auch gern spontane Hilfsbereitschaft. Etwa im November 1983 in Graz, als die Polizei nach dem UEFA-Cup Spiel Sturm gegen Hellas Verona bei tiefen Temperaturen Wasserwerfer gegen die randalierenden italienischen Fans einsetzte. Da zog er sich sein Hemd und sein Sakko aus und schenkte sie einem zitternden Fan, um selbst mit nacktem Oberkörper nachhause zu fahren. Ausreichend gewärmt durch den Aufstieg in die nächste Europapokalrunde ging es wie so oft nach Sturmsiegen ins Vorstadtgasthaus Engelwirt, das sich damals genau neben seinem Hof befand. Selbiges Wirtshaus war nicht selten Schauplatz seiner gewaltigen Sturm- und Alkoholräusche, die bestenfalls in lautstarken Fußballdiskussionen mit den Lokalgästen, schlechtestenfalls in einem Raufhandel und Lokalverbot ihren Höhepunkt fanden.
Für seine intensive Unterstützung der Mannschaft ist Matzer weithin bekannt. Sie ging 1991 beim UEFA-Cup Auswärtsspiel gegen den FC Utrecht soweit, dass sein Sturmfieber schon beim Besuch des Abschlusstrainings in einen Malaria-Fieberanfall umschlug und er sofort ins Krankenhaus gebracht werden musste. Seine Tochter beharrt allerdings auf der Version, nach der sich der Matzer Hans beim Besuch der Trainingseinheit, aufgrund intensiven anfeuernden Schreiens, eine schwere Verletzung der Atemwege zuzog und notoperiert werden musste. Als der Utrecht-Präsident ihn nach dem Spiel mit einem Strauß rot-weißer Nelken im Spital besuchen kam, glaubte er jedenfalls an einen schlechten GAK-Scherz und verließ das Krankenbett gegen Revers, um mit der Sturm-Mannschaft wieder zurückfliegen zu können.

Glücksbringer der Osim-Ära


Stolz verweist Hans Matzer darauf, alle Champions-League-Begegnungen der Ära Osim live im Stadion gesehen zu haben. Die Spieler der großen Sturm-Mannschaft dieser Tage, wie Hannes Reinmayr und Ivica Vastic, der sein Nachbar im Grazer Vorort Raaba ist, begrüßten ihn bereits mit Handschlag im Mannschaftsflieger und bei seinen Trainingsvisiten. In der Brusttasche seines Sakkos trägt er nahe am schwarz-weißen Herzen als Glücksbringer immer einen handgeschriebenen Zettel mit der Aufstellung der Meistermannschaft 1998. Bei der bisher letzten UEFA-Cup Partie von Sturm gegen Lazio Rom nützte der erzschwarze Hans seine Bekanntschaft zu Spielern und Funktionären der Sturm-Mannschaft aus, um sich vor dem Nobelhotel Parco dei Principi in den Mannschaftsbus zu schmuggeln und mit zum Abschlusstraining ins römische Olympiastadion zu fahren. Dort lief der damals bereits über 80-jährige, stolze Fan unter dem Beifall der Spieler eine Runde mit erhobener Sturmfahne auf der Laufbahn.

Bipolare Energie aus der Grazer Fußballwelt


Erst in jüngster Zeit besucht er die Spiele seiner Schwarzen nicht mehr so regelmäßig und schaut sie sich bei seinem Schwiegersohn auf »Premiere« an. Doch die Fernsehübertragungen gefallen ihm gar nicht. »Ich brauch die Spannung« sagt er, »wann die Leut aufspringen und jubeln, des is klass«. Nur den täglichen Großmarktbesuch lässt er sich auch mit 85 nicht nehmen. Gegen 6 Uhr, wenn dort die Verkäufe des Morgens abgerechnet werden, zieht es Hans Matzer mit befreundeten Standlern in die Marktkantine zum Schnapsen. Die Augen sind wach auf die roten und schwarzen Spielkarten gerichtet, dass ihn die jungen Kollegen manchmal »häkeln« stört ihn nicht. Er ist vielmehr stolz, die Sturmehre gegen die am Großmarkt mehrheitlich vertretenen GAK-Anhänger zu verteidigen. Nur einmal haben sie ihn überlistet, als sie ihm unbemerkt ein Mannschaftsfoto des Lokalrivalen in die Heckscheibe seines Kleinbusses gehängt haben und er damit einen Tag lang in ganz Graz herumfuhr. Erst zu Hause konnte er das Plakat gerade noch rechtzeitig entfernen, bevor es sein Sohn zu Gesicht bekam. Der ist nämlich der einzige GAK-Fan in der Familie Matzer. Aber »des is guat so«, sagt der gesellige Hans, »damit in der Familie a bissl a Kontra ist, denn sonst wirds fad.«                

Referenzen:

Heft: 25
ballesterer # 121

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