»Im Team sind wir eine große Familie«

cache/images/article_1327_mura_140.jpg Mit der bosnischen Nationalmannschaft versetzte Samir Muratovic trotz des knappen Scheiterns in der WM-Qualifikation ein geteiltes Land in Euphorie. Nach seinem Rücktritt als Auswahlspieler weihte der Sturm-Graz-Regisseur den ballesterer in die Geheimnisse der bosnischen Fußballnation und seine Zukunftspläne im Verein ein.
Martin Schreiner | 18.12.2009
ballesterer: Herr Muratovic, wie geht es Ihnen nach dem Ausscheiden im WM-Qualifikations-Playoff gegen Portugal?
Samir Muratovic: Momentan schlecht. Wir waren mit dem Kopf schon bei der WM, hatten aber kein Glück. Im ersten Spiel in Portugal haben wir wirklich gut gespielt, zweimal an die Latte und einmal an die Stange geschossen. Allerdings haben drei Spieler die zweite Gelbe Karte bekommen, und Misimovic hat sich am Knie verletzt. Im zweiten Spiel in Zenica war die erste Halbzeit okay, aber die zweite eine Katastrophe. Wenn wir komplett gewesen wären, hätten wir hundertprozentig gewonnen.


Welche Bedeutung hat es für Sie, beim ­Nationalteam dabei zu sein?
Das Fußballnationalteam ist das einzig Gute in Bosnien und bedeutet alles für die Leute. Alles andere ist eine Katastrophe. Ganz Bosnien lebt für unseren Fußball, spricht bei solchen Anlässen zwei bis drei Wochen über nichts anderes und vergisst alle anderen Probleme. Jetzt ist das ganze Land traurig, aber trotz der Niederlage haben alle anerkannt, dass wir hundert Prozent gegeben haben. Die Portugiesen waren einfach ein bisschen besser.


Wie war die Stimmung im Land bei diesem Entscheidungsspiel?
Wir haben die besten Fans. Im Stadion in Zenica waren 15.000 Leute und noch einmal 20.000 bis 30.000 vor der Riesenleinwand davor. Die Stimmung war ein Wahnsinn. Um zum Stadion zu kommen, hat man zwei bis drei Stunden gebraucht. Anders als nach dem Krieg haben auch in Kroatien und Serbien 90 Prozent der Leute zu Bosnien gehalten.


Glauben Sie, dass diese positiven Gefühle der Menschen zu mehr Gemeinschaft in einem geteilten Land beitragen können?
Ja, denn im Team spielen wir alle zusammen. Zvjezdan Misimovic und noch zwei oder drei andere Spieler sind aus der Republika Srpska. Wir sind wie eine große Familie. Darum habe ich auch gesagt, dass das Nationalteam das einzig Normale in Bosnien ist. Die Kinder schauen nicht auf die Mafia oder andere Kriminelle, sondern auf ihre Idole aus dem Fußball wie Dzeko und Ibisevic. Das hat eine positive Auswirkung auf die Gesellschaft.


Warum haben Sie trotz dieser großen Bedeutung des Nationalteams noch vor dem letzten Qualifikationsspiel Ihren Rücktritt erklärt?
Ich bin mit 33 Jahren zu alt für diese Doppelbelastung. Dieses Jahr habe ich ohne Urlaub durchgespielt. Im Sommer geht jeder Spieler bei Sturm Graz zwei Wochen auf Urlaub, und ich musste zum Team und dann gleich weitertrainieren. Außerdem gibt es mit Miralem Pjanic einen sehr guten Nachfolger für mich im Team. Er ist einer der besten Spieler von Olympique Lyon und sitzt wegen mir auf der Bank. Es ist im Fußball normal, dass ein Junger kommt und ein Alter geht.


Sie sind eigentlich ein sehr ruhiger Typ. Als Sie im Europacup gegen Shiroki Brijeg nicht gespielt haben, sind sie so richtig böse geworden. Waren Sie da in Ihrem bosnischen Stolz gekränkt?
Ja, das war auch ein bisschen dabei. Aber vor allem war ich auf Trainer Foda böse. Einmal in meinem Leben spiele ich gegen ein bosnisches Team, und er setzt mich auf die Bank. Das ist aber alles bereinigt.


Das bosnische Team hatte immer schon gute Spieler, aber jetzt spielt es erfolgreicher. Was ist der Grund?
Mit Ciro Blazevic haben wir einen guten Trainer. Wenn er bleibt, werden wir uns das nächste Mal qualifizieren. Er ist wie ein Papa fürs Team und gibt uns alles, was wir brauchen. Auf dem Platz ist er ganz anders, sehr streng. Trotzdem gibt er relativ wenig taktische Zwänge vor und lässt uns frei spielen. Sie müssen wissen, dass das Team tot war, bevor Ciro gekommen ist. Es gibt keinen bosnischen Trainer, der psychologisch so stark gewesen wäre wie er. Er gibt uns einen Motivationsschub und erzeugt einen positiven Patriotismus. Blazevic soll Nationaltrainer bleiben, er ist heute der Einzige, der etwas mit uns ­erreichen kann.

 

Seit Jahren wird dem bosnischen Fußballverband vorgeworfen, von korrupten Funktionären geführt zu werden, die sich und ihre Netzwerke bereichern. Die Situation hat sich zwischen 2006 und 2008 so zugespitzt, dass die Nationalspieler und Fans gegen die Funktionäre revoltiert haben. Wie ist das Verhältnis zum Verband ­derzeit?
Ich habe im Sommer 2008 am Höhepunkt der Krise bei diesem Benefizspiel in Sarajevo mitgespielt. 20.000 Leute waren nicht beim Spiel der offiziellen Nationalmannschaft, das gleichzeitig stattgefunden hat, sondern bei uns. Es war ein Protestspiel, das aber nicht zur endgültigen Auflösung des Verbandes geführt hat. Die Situation ist derzeit besser, aber auch nicht hundertprozentig gut. Das Problem im Verband ist, dass die Funktionäre von der Politik beeinflusst sind. In einem normalen Land würden Fußballexperten wie Ivica Osim, der beste Mann von allen, an der Spitze des Verbandes stehen. Es müsste eine Trennung von der Politik stattfinden.

 

Hat hier Blazevic etwas verbessert?
Ja, definitiv, alle im Verband haben Angst vor ihm. Ciro ist wegen seiner großen Fähigkeiten als Diplomat in einer Notsituation geholt worden. Der Verband, der auch sein eigenes Überleben absichern wollte, hat ihn als pragmatische Lösung akzeptiert. Die Funktionäre haben gewusst, dass sich ein Ivica Osim als Nationaltrainer zum ­Bumerang für ihre eigene Existenz hätte entwickeln können.

 

Sie haben bei Ihrem Rücktritt nach dem Spiel in Portugal in Bezug auf Ihre Teamkarriere von einer Einladung gesprochen, die Sie nur wegen Osim angenommen hätten.
Ich wollte vor zwei Jahren nicht im bosnischen Team spielen. Als ich dann die Einberufung bekommen habe, hat Osim mit mir gesprochen und gesagt, ich solle die Einladung annehmen, weil ich der beste Spieler auf dieser Position sei. Deswegen habe ich Ja gesagt und bin darüber sehr glücklich. Ich habe alle Qualifikationsspiele gespielt, bis auf das letzte wegen der Gelbsperre. Insgesamt habe ich 22 Spiele für das Team gemacht.  

 

Im Team hatten Sie eine wesentlich defensivere Position als bei Sturm Graz. Wie ist es Ihnen mit dieser Umstellung ergangen?
Das war kein Problem. Wir spielen ein 3-5-2-System, und ich teile mir die Mitte mit Misimovic, der offensiver spielt. Wir haben so viele gute Spieler in Bosnien. Dzeko und Ibisevic schießen die Tore, da ist es einfacher für mich. Bei Sturm habe ich mehr Verantwortung, mehr Druck. Mit meiner derzeitigen Leistung im Verein bin ich nicht zufrieden.  

 

Warum?
Ich bin glücklich hier in Graz. In der Familie und in der Mannschaft ist alles perfekt, aber ich bin müde, weil ich jeden dritten Tag gespielt habe. Ich habe in vier Monaten 35 Spiele absolviert, das ist sehr anstrengend. Ich bringe momentan nur 50 Prozent meines Leistungsvermögens. Nach der Winterpause kommt wieder der alte Mura. Ich brauche auch im Kopf eine kleine Pause.

 

Was ist mit Sturm Graz in dieser Saison noch möglich?
Das erste Mal, seit ich bei Sturm bin, haben wir einen großen Kader. Es fehlen jetzt drei, vier Spieler, aber wir spielen weiterhin sehr gut. Foda lässt uns mit Risiko und viel Freiheit nach vorne spielen. Ich glaube, der dritte Platz ist realistisch. Salzburg ist für mich der Favorit, aber mit ein bisschen Glück ist alles möglich.

 

Letztes Jahr im Winter haben Sie mit einem Vereinswechsel spekuliert. Wie steht es jetzt um Ihre Zukunftspläne?
In den letzten Jahren war ich der beste Spieler in Österreich und das möchte ich wieder erreichen. Ich will meine Karriere bei Sturm beenden. Das ist hundertprozentig sicher. Ich habe auch jetzt zwei, drei Angebote, aber ich will nicht weg. Als Bosnier ist Graz für mich wie ein Zuhause. Es leben viele Bosnier hier, und es gibt viele bosnische Lokale. Ich habe eine Wohnung gekauft, und meine Kinder gehen in Graz zur Schule. Alles ist perfekt.

Zur Person
Samir Muratovic (33) ist seit 2007 der zentrale Denker und Lenker im Spiel von Sturm Graz. Der aus Zvornik stammende Bosnier wurde 2008 zum wertvollsten Spieler der Bundesliga gewählt. Davor zelebrierte er sein Assistspiel beim GAK, mit dem er 2004 Meister und Cupsieger wurde. Seine Auslandskarriere führte ihn auch nach Russland, Deutschland und in die Türkei. In seiner Heimat spielte »Mura« als Stürmer beim FK Zeljeznicar Sarajevo.

Referenzen:

ballesterer # 120

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