Im Torraum mit Beppegol

ITALIEN      Beppe Signori war dreimaliger italienischer Torschützenkönig und Mitglied jener Nationalmannschaft, die 1994 im WM-Finale gegen Brasilien stand. Folgend erzählte er, warum er derzeit in Wien lebt, wie Italien Weltmeister 2006 wird und dass Glauben Berge versetzt. Fotos: Monika Morawetz
Martin Schreiner | 09.05.2008
Wir treffen Beppe Signori in der europäischen Zahnärzte-Hauptstadt Sopron. Um die ungarische Grenzstadt abseits von billigen Füllungen auch für Klassefußball bekannt zu machen, hat Máriusz Vizer, Präsident des FC Sopron, seinen Freund Signori für den ungarischen Pokalsieger engagiert. In der Mannschaft um den Klassestürmer stehen junge ungarische und rumänische Spieler, die von Trainer Dario Bonetti als zukünftige EU-Bürger insbesondere für ein Engagement im italienischen Profifußball aufgebaut werden.
Im Gespräch zeigt sich Signori äußerst gut informiert über den österreichischen Fußball. Im direkten Kontakt wirkt er bescheiden und ausglichen und ist so freundlich, dass wir fast vergessen, wem wir gegenüber sitzen. Immerhin hat der kleine Linksfuß aus Bergamo in 344 Spielen 188 Serie A-Tore geschossen und befindet sich damit unter den sieben besten Torschützen der ewigen Bestenliste. Im ballestererfm-Interview nimmt uns der ehemalige Lazio- und Bologna-Goalgetter mit in den Torraum einer äußerst erfolgreichen Profikarriere und blickt auf die Weltmeisterschaften 1994 und 2006:

ballestererfm: Die sensationelle Nachricht lautet: Beppe Signori, einer der größten italienischen Stürmer der 90er-Jahre, lebt in Wien und spielt beim FC Sopron. Wie dürfen wir uns ihr aktuelles Leben vorstellen? Wo lebt ihre Familie?
Beppe Signori: Die Familie lebt wegen der Kinder in Italien. Die Beiden gehen in die Schule, deshalb wäre es schwierig gewesen, einen Ortswechsel vorzunehmen. Ich fahre alle 14 Tage für zwei, drei Tage nach Hause.
Können Sie nach einer Saison schon ein Urteil über den ungarischen und den österreichischen Fußball abgeben. Worin besteht der wichtigste Unterschied zu Italien?
Der Spielrhythmus ist in der ungarischen und österreichischen Meisterschaft viel niedriger. Du hast Zeit, dir den Ball zu stoppen und zu überlegen. In Italien hast du diese Zeit nicht. Bevor der Ball zu dir kommt, musst du schon wissen, wohin du ihn spielst. Technisch spielt man hier auf einem hohen Niveau. Im taktischen Bereich sollten viele Mannschaften wirklich arbeiten.
Sie sind als Jugendlicher von den Verantwortlichen bei Inter für zu fragil befunden worden. Dann haben Sie ihren Weg gemacht, von kleineren Klubs bis in die Serie A. Haben Sie also den schwierigeren Weg nach oben genommen?
Ich hatte nie den Körper eines Giganten. Ich war bei den Giovanili von Inter und wurde gerade deshalb ausgemustert, weil ich körperlich zart gebaut war. Ich habe den längeren und schwierigeren Weg genommen, aber ich glaube, dass er mich zu unerwarteten Resultaten zu Beginn meiner Karriere geführt hat. In der ganzen italienischen Meisterschaft gibt es nur zwei, Inzaghi und mich, die alle Ligen von der Interregionale bis zur Serie A durch gespielt haben. Das ist eine positive Sache, auch als Lehrbeispiel für viele Jugendliche, wenn sie von den Profiklubs weggeschickt werden. Gerade das ist der Moment, zu reagieren und zu zeigen, dass sich jemand geirrt hat. Man muss sicherlich hart arbeiten und sich aufopfern, sich einsetzen, aber gleichzeitig hat es für mich auch menschlich viel bedeutet. Ich habe verstanden, dass man sich schwierige Sachen im Schweiße seines Angesichts verdienen muss. Wenn du sie dann erreichst, bist du dafür noch glücklicher, als hättest du mit 17 in der Serie A debütiert.
Warum haben Sie nie für Juventus, Milan und Inter oder für große Vereine im Ausland gespielt? Vielleicht hätten Sie mehr Titel gewinnen können.
Weil ich eine Entscheidung fürs Leben getroffen habe. Eine Entscheidung, die mich sicher auf der Ebene der Kluberfolge limitiert hat. Ich bin zwar mit Lazio drei Mal Torschützenkönig geworden, habe aber keinen Klubtitel gewonnen. Aber ich habe jeweils sieben Jahre in Rom und in Bologna gespielt, weil ich mich dort wohl gefühlt habe. Wo ich um mich menschliche Wärme, Zuneigung und Achtung gespürt habe, habe ich keinen Grund gesehen, wegzugehen. Meiner Meinung nach war es wichtiger, am Verhalten der Leute zu sehen, dass du für sie etwas bedeutest, als zu einem anderen Klub zu gehen und sich dort als einer von Vielen zu fühlen.
Wird der körperbetonte Fußball für Stürmer kleinerer Statur zunehmend zum Problem? Werden die erfolgreichen Angreifer wie Luca Toni oder Zlatan Ibrahimovic immer größer?
Ich sehe keinen Unterschied zu früher. Es gibt derzeit sicher Stürmer, die eine kräftigere Statur und einen viel größeren Körper haben als ich. Aber normalerweise haben die Tore dann Stürmer wie ich geschossen, die mit solchen Spielern wie Kennet Andersson, Karl-Heinz Riedle und Pier Luigi Casiraghi zusammen gespielt haben. Sie machten ihre Tore und ließen auch mich viele machen. Daher glaube ich, dass sie für die Mannschaft wichtig sind und auch für Spieler mit meinen Eigenschaften. Den Erfolg bringt nicht der einzelne Stürmer, sondern die Offensivabteilung. Toni trifft deshalb so oft, weil Jimenez oder Pazzini ihm viele Bälle zuspielen.
Welche ihrer Trainer mochten Sie am liebsten?
Zdenek Zeman hat mein Spiel geändert. Ich glaube, dass Zeman mehr als nur mein bester Trainer, mein bester Lehrer war. Er hat mir gezeigt, wo ich auf dem Feld stehen muss, die Spielrhythmen beigebracht, die fundamentalen Sachen, die mir den ganzen Rest meiner Karriere von Nutzen waren. Daher war er unter dem taktisch technischen Aspekt mein wichtigster Trainer. Wie es Carlo Mazzone unter dem menschlichen Aspekt war.
In Italien werden sie »Padre Pios linker Fuß« genannt. Stimmt es, dass Sie unter dem Dress immer ein Leibchen des populären Geistlichen getragen haben? Gab es ein spezielles Ereignis, das diesen Glauben begründet hat?
Als ich in Foggia spielte, hatte ich die Gelegenheit an seinem Grab zu stehen und das Zimmer zu besuchen, in dem Padre Pio, der heilig gesprochen wurde, gelebt hat. Das war für mich ein Grund, stolz zu sein, und weil Padre Pio Wunder wirkte, habe auch ich auf dem Spielfeld hin und wieder welche bewirkt. 1991 hatte ich einen schweren Verkehrsunfall, mein Auto war total zerstört. Bei diesem Unfall trug ich ein einfaches Unterleibchen, das meine Mutter in San Giovanni Rotondo weihen hatte lassen. Von diesem Moment an hat mich dieses Leibchen meine ganze Karriere begleitet. Ich überlebte diesen Unfall durch ein Wunder und trug dieses Leibchen. Also habe ich gesagt, es bringt mir Glück und habe es immer getragen. In allen Meisterschaften, in allen Spielen der Weltmeisterschaft.
Dieses Jahr denkt die ganze Fußballwelt an die WM in Deutschland. Was bedeutet dieses Ereignis für sie?
Es herrscht eine große Begeisterung. Ich hatte das Glück, 1994 an einer Weltmeisterschaft teilzunehmen. Ich glaube, das war die größte Erfahrung meiner Karriere, weil eine Weltmeisterschaft soviel zählt wie zehn Serie A-Meisterschaften.
Warum habe Sie im Vergleich zu ihrer beeindruckenden Karriere auf Klubebene nur selten in der Nationalmannschaft gespielt?
Ich habe es nur auf 28 Teameinsätze gebracht. Arrigo Sacchi hat mich nicht als Stürmer gesehen, weil er es bevorzugte mit Roberto Baggio und Casiraghi zu spielen oder jedenfalls mit einer großen und einer kleinen Spitze. Deshalb spielte ich oft äußerer Mittelfeldspieler. Das war nicht meine ideale Rolle. Als Folge hatte ich Konflikte mit Sacchi, der dann andere Spieler bevorzugte.
Dieser Konflikt hatte seinen negativen Höhepunkt bei der Weltmeisterschaft 1994. Im Finale haben sie nicht gespielt. Was ist in den USA passiert?
Ich habe Sacci gesagt, dass er mich nur als Stürmer spielen lassen soll und nicht auf anderen Positionen und er hat gesagt: »Na gut, dann spielst du nicht!« Sehr einfach. Das bedauere ich am meisten, weil ich aus meiner heutigen Position auch statt dem Torhüter spielen würde. Ein WM-Finale passiert dir einmal im Leben, also wäre es richtig gewesen, zu spielen.
Nach einer schwierigen Qualifikation begann die WM 1994 mit einem Schock für Italien. Welche Erinnerungen haben sie an die 0:1-Niederlage gegen Irland?
Schreckliche, weil diese Weltmeisterschaft sofort nach dem Wegfahren mit einer Steigung begonnen hat. Diese Niederlage hat uns aber zu verstehen gegeben, dass wir alle dieses Etwas mehr geben mussten. Das haben wir dann in der Partie gegen Norwegen hervor geholt, in der wir zu zehnt und dann zu neunt gegen elf gespielt und gewonnen haben. Ich glaube, das war der Auslöser für die Reaktion, die uns zu diesem Sieg, fünf Minuten vor Schluss zum Unentschieden gegen Nigeria und zum Gewinn der Spiele gegen Spanien und Bulgarien gebracht hat. Dann haben wir das Finale gegen Brasilien in der Elfmeterlotterie verloren.
Im Viertelfinale gegen Spanien gab es diese berühmte Umarmung zwischen ihnen und Roberto Baggio nach seinem entscheidenden Tor. Das bildliche Symbol für den Glauben der Italiener an den WM-Titel. Wie haben Sie diese Umarmung erlebt?
Als sehr schön. Ich erinnere mich an diese Szene, weil ich das Zuspiel zu seinem Tor gab. Er spielte Zubizarreta aus und machte das Tor zum 2:1, das uns den Aufstieg in die nächste Runde ermöglichte. Das war eine befreiende Umarmung, weil wir beide bei dieser Weltmeisterschaft ein wenig unter Anklage standen. Ich vielleicht mehr als er, weil er hatte zumindest ein paar Tore geschossen, ich spielte aber nach Meinung Einiger nicht mit voller Stärke, daher war das für mich die Befreiung von einer Last, die ich mit mir herumschleppte. Im Spiel gegen Norwegen gab ich zwar aus einem Freistoß den Assist für ein Kopftor von Dino Baggio. Aber wahrscheinlich haben sich einige von mir ein paar Tore erwartet. Direkt vor der WM war ich zwei Mal Torschützenkönig. Aber auf der Position, auf der ich unter Sacchi spielte, war das sehr schwer.
Insgesamt seid Ihr mit Schwierigkeiten aus der Vorrunde aufgestiegen. Wenn man sich die italienische Gruppe dieses Jahr ansieht, könnte es auch schwierig werden, Erster zu werden und Brasilien vor dem Finale zu vermeiden.
Abgesehen davon, dass man diese Rechnungen nach der ersten Partie macht, glaube ich jedoch, dass du, wenn du das Turnier gewinnen willst, auf die stärksten Mannschaften musst. Darunter verstehe ich Spanien, Frankreich, England, Argentinien, Brasilien und Deutschland. Schwierig wird es auf alle Fälle.
Hilft es, mit Ghana zuerst gegen die tendenziell schwächste Mannschaft zu spielen, und erst dann gegen die USA und die Tschechische Republik?
Ich betrachte schon das erste Spiel als sehr schwierig, weil Ghana eine sehr starke Mannschaft und sehr wichtige Spieler hat. Ich würde gerade die afrikanischen Mannschaften nicht unterschätzen, weil sie taktisch viel gelernt haben. Körperlich wissen wir, dass sie uns etwas voraus haben. Also wäre ich sehr aufmerksam. Italien wird sich den Aufstieg hart erarbeiten müssen.
Wie kann Italien gegen Brasilien gewinnen?
Das haben nicht einmal wir zusammen gebracht. Brasilien ist allen anderen technisch überlegen. Einer solchen Mannschaft musst du im Bereich des Taktischen und des Siegeswillen entgegentreten.
Können Sie uns erklären, warum Italien meist unter den WM-Favoriten ist und ein sehr starkes Team stellt, dann aber die einzelnen Spiele nie glatt verlaufen und immer einem Drama gleichen?
Das stimmt. Denken wir nur daran, was bei der letzten Europameisterschaft passiert ist, als Schweden und Dänemark aufgestiegen sind. Weil Fußball in Italien der wichtigste Sport ist, wird jede Partie zum Drama, zur Spannung, zur Frage von Tod oder Leben wird. 
Italien scheint oft unter seinen Möglichkeiten zu spielen. Ist das ein Problem zu defensiver Taktik oder fehlt es am Einsatz, den man beim 4:1 gegen Deutschland gesehen hat? Da herrschte eine starke Motivation zu gewinnen.
Das sicher, aber ich stütze mich nicht gern auf Ergebnisse in Freundschaftsspielen, weil du nie weißt, wie ernst der Gegner das Spiel genommen hat. Ich habe Deutschland sehr wenig geeint und unkonzentriert gesehen. Italien war hingegen sehr motiviert. Das zeigt, dass man einen Gegner gleichen Niveaus oft durch mehr Motivation besiegen kann.
Italien produziert seit geraumer Zeit viele starke Angreifer. Auch dieses Jahr muss Marcello Lippi auf den einen oder anderen verzichten. Können Sie ihm bei seiner Entscheidung helfen?
Nein, ich habe die Trainerlizenz noch nicht. Aber als Trainer möchte ich immer diese Probleme haben. Das heißt Überfluss statt Mangel. Da man nicht 22 sondern 23 Spieler mitnehmen kann, könnte er ja noch einen Stürmer dazu nehmen. Bei der Weltmeisterschaft sollte derjenige spielen, der zu diesem Zeitpunkt und nicht jetzt am besten spielt. Es kommt aber nicht darauf an, wie viele Angreifer eine Mannschaft aufstellt. Es ist die Art und Weise wie eine Mannschaft spielt, die sie offensiv oder defensiv macht.
Welche Vorhersagen machen Sie für den Ausgang der Weltmeisterschaft?
Einer aus dem Quartett Argentinien, Brasilien, Italien oder Deutschland holt den Titel. Als Italiener wünsche ich mir, dass Italien gewinnt, auch wenn es sehr schwer ist. Man darf nie aufgeben, so wie wir es 1994 gezeigt haben. Auch im Falle einer Niederlage in der ersten Partie ist nichts verloren, sondern das muss das auslösende Motiv sein, um das Endziel zu erreichen.
Was macht Beppe Signori nach dem Karriereende? Gibt es schon Projekte?
Nein, weil ich es nicht mag, zwei Sachen gleichzeitig zu machen. Daher spiele ich derzeit ausschließlich Fußball. Wenn ich aufhöre, denke ich an das Leben danach. Während der Weltmeisterschaft mache ich eine Diskussionssendung mit der RAI.

Referenzen:

Heft: 22
Rubrik: Fansektor
ballesterer # 120

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