Im Zentrum

cache/images/article_2379_poelten_140.jpg Lange hat der ÖFB die Nachwuchsarbeit im Frauen- und Mädchenfußball vernachlässigt. Das 2011 eröffnete Nationale Zentrum für Frauenfußball in St. Pölten soll dies ändern. Die Mischung aus fußballerischer Ausbildung, Schule und Vereinsengagement zeigt erste Erfolge.
Helmut Neundlinger | 12.10.2014

Auch im Frauenfußball haben Spiele österreichischer Nationalteams gegen Deutschland und Frankreich einen hohen "David gegen Goliath"-Faktor. Dennoch setzte das Nachwuchsnationalteam Anfang September gegen diese beiden Länder ein deutliches Ausrufezeichen. Bei einem Vier-Länder-Turnier im niederösterreichischen Lindabrunn besiegte Österreichs U17 die deutschen Juniorinnen 2:1 und trotzte den Französinnen ein 2:2 ab. Mit einem 4:0-Sieg gegen Rumänien sicherte sich die ÖFB-Auswahl den Turniersieg.

Verteidigende Spielmacherinnen
Überzeugend waren nicht nur die Ergebnisse und die kämpferische Leistung, sondern auch der spielerische Auftritt des jüngsten Frauennationalteams. Besonders stark präsentierte sich die erst 15-jährige Nina Wasserbauer vom Linzer Bundesligisten Union Kleinmünchen. Als Innenverteidigerin sorgte sie mit präzisem vertikalem Passspiel immer wieder für gefährliche Spieleröffnungen. "Eigentlich spiele ich am liebsten rechts im Mittelfeld, aber der Teamchef sieht mich eben auf dieser Position", sagte Wasserbauer nach dem Sieg gegen Deutschland. Teamchef Dominik Thalhammer erklärt: "In unserer Spielanlage erfüllen die Innenverteidigerinnen die Rolle von Spielmacherinnen. Spielstarke Akteurinnen sollen scharfe Pässe durch die Schnittstellen spielen. So ähnlich, wie das etwa Martin Hinteregger im Männernationalteam macht."

Thalhammer ist seit 2011 für das A-Team und die U17 der Frauen zuständig. Mit Letzterer schaffte er im vergangenen Jahr Historisches: die erstmalige Qualifikation für die Europameisterschaft. Beim Turnier in England erreichte das Team den fünften Platz. Der ÖFB betraute Thalhammer 2011 auch mit dem Aufbau und der Leitung einer Einrichtung mit der sperrigen Bezeichnung Nationales Zentrum für Frauenfußball. Das Projekt ist am Sportzentrum in St. Pölten angesiedelt. Quasi in Ausschussweite des St. Pöltener Stadions, wo das Nationalteam die meisten Heimspiele austrägt, wird die Elite des Frauennachwuchses unter der Anleitung von Thalhammer und der U19-Teamchefin Irene Fuhrmann herangebildet. Nach dem Vorbild der Nachwuchsakademien für Burschen erhalten dort 50 Mädchen im Alter von 14 bis 18 Jahren eine intensive fußballerische Ausbildung samt Schulunterricht in einem Oberstufenrealgymnasium oder einer Handelsschule. Am Freitagmittag reisen die Spielerinnen dann zu ihren Heimatklubs, den Meisterschaftsspielen und zur Familie. Am Sonntagabend oder Montagfrüh geht es zurück nach St. Pölten.

Ausbildungslücken
Fast alle Spielerinnen aus den international so erfolgreichen U17- und U19-Teams besuchen heute das Zentrum - auch Nina Wasserbauer. Wie die meisten Mädchen kickte sie in ihrer Kindheit hauptsächlich mit Burschen. "Angefangen habe ich mit vier Jahren, da habe ich mit meinem Bruder und seinen Freunden gespielt", sagt sie. Auch im Verein und im Landesausbildungszentrum war sie als Mädchen meist allein. Mit 14 Jahren wechselte Wasserbauer zu Union Kleinmünchen, dem nächstgelegenen Frauen-Bundesligisten, 35 Kilometer von ihrer Heimatstadt Wels entfernt.

In diesem Alter trennen sich die Schulungswege der Geschlechter: Während die Burschen in diversen Akademien und Nachwuchszentren eine umfassende Ausbildung genießen, blieb hochbegabten Mädchen bis vor Kurzem die Bundesliga als einzige Option, um auf hohem Niveau weiterzukicken. "Wenn ein Mädchen mit 15 in eine Kampfmannschaft kommt, erhält es dort keine weiterführende Ausbildung im engeren Sinn", sagt Teamchef Thalhammer. "Den Mädchen fehlt in vielen Bereichen jene Basis, die sich die Burschen im selben Alter noch erarbeiten können." Co-Trainerin Irene Fuhrmann wird noch deutlicher: "Das Zentrum soll die eklatante Ausbildungslücke im Frauenfußball schließen."

Die entscheidende Anregung für die Errichtung des Nationalen Zentrums für Frauenfußball habe ÖFB-Sportdirektor Willibald Ruttensteiner im Jahr 2003 bei einem Besuch im französischen Clairefontaine erhalten, wie Thalhammer erzählt. Dort befindet sich seit 1988 das Centre National Technique des französischen Fußballverbands, das Spieler wie Thierry Henry, William Gallas und Nicolas Anelka hervorbrachte. Seit 1998 existiert in Clairefontaine auch ein Ausbildungszentrum für Frauenfußball, das Ruttensteiner bei seiner Visite offenbar besonders ins Auge gestochen war. Die Aufbauarbeit in diesem Bereich hat sich für Frankreich bezahlt gemacht: Das Land gehört im Frauenfußball mittlerweile zur Weltspitze.

Von diesem Niveau ist das österreichische A-Team noch einige Schritte entfernt, wie sich in der eben zu Ende gegangenen Qualifikation für die WM 2015 gezeigt hat: Österreich verlor die Duelle mit Frankreich jeweils 1:3. Trotz des zweiten Gruppenplatzes noch vor den höher eingeschätzten Finninnen blieb dem Team die erste Teilnahme an einem großen Turnier verwehrt. Somit heißt es Warten auf das nächste große Ziel: die EM 2017, an der erstmals 16 Verbände teilnehmen werden. Die Qualifikationsphase setzt im Herbst 2015 ein und wird damit zur Nagelprobe für die Aufbauarbeit des Zentrums.

Strampeln in St. Pölten
Am Tag des ballesterer-Besuchs im St. Pöltener Zentrum steht Regeneration auf dem Programm. Viele Spielerinnen haben in den ersten drei Septemberwochen intensive Lehrgänge und Qualifikationsspiele mit den Nationalteams absolviert und waren zusätzlich bei ihren Bundesliga-Vereinen im Einsatz. Nun sitzen sie teils entspannt, teils ein wenig erschöpft auf den Ergometern und strampeln sich die Säure aus den Muskeln. Zwischendurch wird gescherzt, gelacht und auch ein wenig posiert. Die Stimmung untereinander und der Umgang mit dem Trainerduo sind gelassen und erstaunlich erwachsen. "Ich habe großen Respekt vor dem, was die Spielerinnen leisten", sagt Thalhammer. Der durchschnittliche Arbeitstag umfasst zwei Trainings und eine Schuleinheit plus individuelle Lernzeiten. Unter zehn Stunden lässt sich das Programm kaum bewältigen. "Das System beruht auf Eigenverantwortung", sagt Thalhammer. "Wenn eine Spielerin das Gefühl hat, mehr Zeit für die Schule zu benötigen, kriegt sie die auch." Die Koordination zwischen sportlichen und schulischen Anforderungen fällt allerdings nicht immer leicht. "Das Nachlernen des versäumten Stoffs ist schon zäh", sagt Nina Wasserbauer. "Vor allem, wenn man vor Schularbeiten mit dem Team wegfährt."

"Am Anfang ist es schwer, sich an das neue Umfeld und das viele Training zu gewöhnen - und daran, dass man nicht mehr daheim ist", sagt auch Nicole Billa. Die 18-jährige Tirolerin ist seit drei Jahren im Zentrum. "Aber wenn man einmal drin ist, gefällt es einem auch." Billa ist eine der Vorzeigekickerinnen des Projekts. Die Stürmerin hat den Sprung ins A-Team bereits geschafft. Mit ihrem Verein FSK St. Pölten-Spratzern holte sie im vergangenen Jahr den Vizemeistertitel und den Cupsieg. Mit 24 Toren wurde Billa zudem Torschützenkönigin. "Für mich ist mit der Aufnahme ins Zentrum ein Traum in Erfüllung gegangen, weil ich hier Fußball und schulische Ausbildung optimal verknüpfen kann", sagt sie. Profitiert habe sie vor allem in den Bereichen Stellungs- und Passspiel sowie Torabschluss. "Die Arbeit im Zentrum ist anders als im Verein, weil man weniger mannschaftsbezogen trainiert, mehr an Passqualität und Technik arbeitet. Dadurch kann man sich hier individuell deutlich besser entwickeln."

Rasante Entwicklung
"Nach der ersten Anpassungsphase lässt sich bei den Mädchen tatsächlich eine rasante Entwicklung erkennen", sagt Johannes Spilka, Billas Vereinstrainer bei St. Pölten-Spratzern. Der 45-Jährige arbeitete zuvor als Co-Trainer von Martin Scherb und später Gerald Baumgartner beim Männerteam des SKN St. Pölten. Anfang 2014 übernahm er das Traineramt bei den St. Pöltener Frauen. Sein Team stellt neben dem SV Neulengbach die meisten Zentrumsspielerinnen. "Die Mädchen sind extrem lernwillig", sagt Spilka. "Vor allem im körperlichen Bereich, der ja die Basis für gute Leistungen darstellt, sind große Sprünge zu bemerken." Die positiven Reize durch das intensive und vielschichtige Training bringen jedoch auch manchmal ungewohnte Belastungen und Überforderungen mit sich. "Die Mädchen haben die langfristige Entwicklung wenig im Blick. Körperliche und mentale Müdigkeit erzeugen in der Folge immer wieder kurze Phasen mit Motivationsproblemen und Leistungsabfall", sagt Spilka. Er betont jedoch, dass dieser Prozess von der sportlichen Leitung des Zentrums mit hoher Professionalität und sozialer Kompetenz begleitet werde.

Stephan Glöckner, Trainer des Bundesliga-Konkurrenten Wacker Innsbruck, beurteilt die Situation kritischer. Vier seiner Spielerinnen pendeln jede Woche über 400 Kilometer zwischen dem Verein und dem Zentrum in St. Pölten, bei Auswärtsspielen kommen noch etliche Kilometer dazu. "Unsere Zentrumsspielerinnen sind oft verletzt, derzeit sind es zwei", sagt Glöckner. "Das ist ein Zeichen von Überforderung."

Aderlass im Westen
Mit Nicole Billa ist die talentierteste Wacker-Spielerin auch vereinsmäßig in St. Pölten gelandet. Die Tirolerin ist ein Grund dafür, dass St. Pölten-Spratzern drauf und dran ist, die lange Dominanz des SV Neulengbach zu beenden. Seit der Saison 2002/03 gewannen die Neulengbacherinnen den Meistertitel zwölfmal in Folge. In der laufenden Saison beträgt allerdings der Vorsprung der St. Pöltenerinnen auf die Bezirksrivalinnen nach nur fünf Runden bereits sieben Punkte. Im direkten Duell waren bei den St. Pöltenerinnen sechs Zentrumsspielerinnen im Einsatz. Eine von ihnen, Carina Mahr, erzielte mit einem Freistoß aus rund 40 Metern das Siegestor zum 1:0.

Trotz der privilegierten geografischen Lage von Spratzern muss auch Trainer Spilka damit leben, dass ihm einige Schlüsselspielerinnen während der Woche fürs Training nicht zur Verfügung stehen. "Das ist ein Problem, wenn man sich auf einen Gegner speziell vorbereiten möchte", sagt Spilka. "Allerdings werden die Mädchen in ihrer Ausbildung sowohl individual- als auch gruppentaktisch so gut geschult, dass die Integration ins Vereinsteam ohne große Probleme funktioniert. Die vom Zentrum betriebene Entwicklungsorientierung der Spielerinnen kommt auch mir als Mannschaftstrainer zugute."

Auch U19-Teamtrainerin Irene Fuhrmann registriert die Auswirkungen der Ausbildung: Nur drei Jahre nach Eröffnung des St. Pöltener Zentrums ist ein deutlicher Unterschied zwischen den dort ausgebildeten Mädchen und den Vereinsspielerinnen wahrzunehmen. "Die von außen kommenden Spielerinnen nehmen in den Kurzlehrgängen vor Qualifikationsspielen erstaunlich viel auf", sagt Fuhrmann. "Aber in spielbedingten Stresssituationen fallen sie leichter in alte Muster zurück. Das betrifft vor allem den individualtaktischen Bereich, also 1:1-Situationen, Stellungsspiel und die Bewegung ohne Ball."

Für ein paar Millionen mehr
Die Breite im heimischen Frauenfußball hinkt den Fortschritten an der Spitze hinterher. Aufgrund der Konzentration der talentiertesten Spielerinnen in der niederösterreichischen Landeshauptstadt droht die Bundesliga auf lange Sicht zur St. Pöltener Bezirksmeisterschaft zu verkommen. In der abgelaufenen Saison gewann der SV Neulengbach alle 18 Spiele der Saison, Spratzern immerhin 16, der Tabellendritte SKV Altenmarkt/Triesting hatte schlussendlich nur halb so viele Punkte wie der Meister auf dem Konto.

Im Westen gibt es daher Pläne, talentierte Mädchen vermehrt in die fast ausschließlich von Burschen besetzten Landesausbildungszentren zu integrieren. Dass der Wettbewerbsnachteil gegenüber den Klubs im Osten damit nicht vollständig kompensiert werden kann, liegt aber auf der Hand. Wacker-Trainer Glöckner sagt: "Der ÖFB müsste die nächsten Millionen in die Hand nehmen und im Westen ein zweites Zentrum schaffen." Denn daran, dass sich die Investitionen sportlich lohnen, zweifelt auch der Innsbrucker nicht. "Man sieht ja, dass etwas weitergeht."

Mitarbeit: Klaus Federmair & Lena Holzinger

Foto: Dieter Brasch

Referenzen:

Heft: 96
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