Im zu kleinen Teich

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Mit 22 Jahren gewann er 1968 den Europacup der Meister, mit 59 Jahren starb er an den Folgen seiner Alkoholsucht. Dokumentarfilmer Daniel Gordon zeigt in „George Best. All By Myself“ das tragische Leben eines großen Fußballers. 

Stefan Kraft | 11.04.2017

In den frühen 1960er Jahren übersiedelte ein schmächtiger Bub von Belfast nach Manchester, um in der Jugendmannschaft von United zu spielen. Nach zwei Tagen packte den 15-Jährigen das Heimweh so sehr, dass er zu seinen Eltern zurückkehrte. Was George Best alles erspart geblieben wäre, hätte er nicht wenige Tage später den Weg retour nach Manchester angetreten, das zeigt Daniel Gordons neuer Dokumentarfilm. Anfänglich noch von einer strengen Zimmerwirtin umsorgt, wird Best bald der Liebling der Fans, der Medien und der Frauen. Er gewinnt Titel, eröffnet Modeboutiquen und verfällt dem Alkohol. Gordon lässt Best selbst aus dem Off sprechen, interviewt Spieler, Ex-Partnerinnen und Weggefährten und folgt ihm auf den zahlreichen Vereinsstationen von Manchester bis in die USA und schließlich an sein Totenbett.

ballesterer: Es gibt bereits eine Reihe an Dokumentarfilmen über George Best. Worauf haben Sie den Schwerpunkt gelegt?

Daniel Gordon: Ich hatte keinen speziellen Blickwinkel, ich wollte einfach vom ersten Popstar des Fußballs erzählen. Mir ist ein großartiges Archiv zur Verfügung gestanden und zusammen mit Bests Worten aus Interviewaufnahmen wollte ich eine Geschichte erzählen, die so noch nie richtig wiedergegeben worden ist − zumindest nicht in filmischer Weise. Die früheren Dokus sind für das Fernsehen gedreht worden. Die Macher hatten nicht unbedingt die Zeit und die Mittel, um die Story filmisch abzubilden. Um tieferzugehen, diesen Mann wirklich zu erforschen, seine Erziehung, seine Eigenschaften − und seinen tiefen Fall.

Sie arbeiten heraus, wie früh Best seinen Halt verloren hat und von einem der besten Fußballer Englands zu einer tragischen Figur wurde.

Das war auch für mich überraschend – den Höhepunkt seiner Laufbahn hat er mit 22 Jahren erlebt, als er 1968 im Finale des Landesmeistercups das entscheidende Tor gegen Benfica geschossen hat. Ich habe nicht gewusst, dass er nach diesem Spiel schon zu zweifeln begonnen hat, ob er diese Sternstunde noch einmal wiederholen oder übertreffen könnte. Wir erreichen diesen Moment schon im ersten Drittel des Films, das eigentliche Thema ist Bests Leben als Achterbahnfahrt.

War die Trinkkultur der 1960er und 1970er Jahre entscheidend für seinen Untergang? Hätte sein Leben denselben Lauf genommen, wenn er erst 1995 als 15-Jähriger zu Manchester United gekommen wäre?

Es gibt wenig Anzeichen dafür, dass es nicht genau so gekommen wäre, schließlich gibt es das Beispiel von Paul Gascoigne. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass 1995 früher eingegriffen worden wäre. Die Klubs haben damals schon mehr über die Mechanismen der Sucht und entsprechende Charaktere gewusst. Er hätte also eine bessere Chance gehabt, damit fertigzuwerden. Best hat einmal den langjährigen Manchester-United-Trainer Alex Ferguson interviewt und ihn gefragt, wie er mit einem Spieler wie ihm verfahren wäre. „Es ist mir peinlich, dir das ins Gesicht und vor der Kamera zu sagen“, hat Ferguson geantwortet. „Wir verwenden dich als Beispiel für unsere Jungen, um ihnen zu zeigen, was man nicht tun darf.“ David Beckham, Paul Scholes, Ryan Giggs, Wayne Rooney und Cristiano Ronaldo können sich also bei Best bedanken.

Welchen Einfluss hatte sein gesellschaftliches Umfeld? Also wie viel Belfast und Manchester steckten in George Best?

Er war ein Produkt sowohl des rauen und armen, aber familiären Belfast der 1950er Jahre als auch des proletarischen, aber aufstrebenden Manchester der 1960er Jahre. Sein Problem in Manchester bestand darin, dass er ein gewaltiger Fisch in einem vergleichsweise kleinen Teich war. Hätte er bei einem Londoner Klub gespielt, wäre er dort ebenfalls groß herausgekommen – aber neben vielen anderen Stars der Unterhaltungsindustrie. Wäre er zu einem der wirklich großen Vereine der damaligen Zeit – zu Real Madrid oder einem italienischen Klub – gewechselt, wären seine Auftritte abseits des Felds nicht so präsent und dadurch besser zu bewältigen gewesen. Aber er hat sich in Manchester sehr wohl gefühlt. Das hat er gekannt, und dort wäre er am liebsten für immer geblieben.

Dennoch ist er häufig gewechselt, auch wenn er bei manchen Klubs nur für ein oder zwei Matches geblieben ist. Würden Sie den Eindruck teilen, dass ihn die Vereine für einen kurzfristigen Hype benützt haben?

Ich habe öfters den Spruch gehört „George bringt die Hintern auf die Plätze“. Best hat die Zuschauerzahlen bei vielen Vereinen verdoppelt und manchmal verdreifacht. Es hat in beide Richtungen funktioniert: Die Klubs haben sich frisches Geld und mehr Aufmerksamkeit erhofft, Best hat fast immer Geld gebraucht, und er hat von Tag zu Tag gelebt. Ein neuer Verein irgendwo auf der Welt war also kein Problem. Er ist dorthin gegangen, hat vielleicht trainiert und vielleicht gespielt, jedenfalls ist die Show weitergegangen.

Daniel Gordon (44) ist Filmemacher und Autor. Zu seinen bekanntesten Dokumentationen gehören „The Game of Their Lives“ über den Auftritt Nordkoreas bei der WM 1966, „Crossing the Line“ und „Hillsborough“. Außerdem veröffentlichte der Engländer zwei Bücher zur Geschichte von Sheffield Wednesday.


Filmtipp

Daniel Gordon

„George Best. All by Himself“

(Dogwoof 2016)

 

Foto: dogwoof.com

Referenzen:

Heft: 121
Thema: George Best
ballesterer # 121

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