In eigener (Rechts-)Sache

cache/images/article_2222_freiheit_140.jpg Nach einer ballesterer-Satire fühlte sich ÖFB-Generaldirektor Alfred Ludwig in seinen Persönlichkeitsrechten verletzt und drohte mit Klage. In unserem offenen Brief lesen Sie, wie es uns gelang, den Gerichtsprozess zu vermeiden, warum die Angelegenheit für den ballesterer finanziell dennoch sehr schmerzhaft war und wie Sie uns unterstützen können.

Werte Leserinnen und Leser,

die langjährigen unter euch wissen, dass uns ballesterer-Redakteuren drei Dinge wesentlich am Herzen liegen: Fakten, Fakten, Fakten Zuerst einmal ihr, werte Leserinnen und Leser, zweitens die blühende Zukunft des österreichischen Fußballs und, drittens: der gehobene Herrenwitz. Eine Symbiose der letzten beiden Urelemente des ballesterer findet ihr regelmäßig auf dieser Doppelseite, die früher den Namen Barometer trug, später ihren heutigen Titel Kraftwerk erhielt und bei unseren alljährlichen Leserumfragen zu hysterischen Wutausbrüchen ambivalenten und differenzierten Reaktionen führt.


Sei auch der Humorfaktor dieser regelmäßig erscheinenden Satireseiten heftig bestritten umstritten, so halten wir es mit den berühmten Sätzen, die Kurt Tucholsky anno 1919 im Berliner Tageblatt niederschrieb: "Was darf die Satire? Alles." Und wenn wir uns auch, ohne nachzudenken, keine kompetenteren, erfahreneren und pflichtbewussteren Menschen als die Vertreter des Österreichischen Fußball-Bundes (ÖFB) vorstellen können, um unseren Fußball in eine blühende Zukunft zu führen, haben wir in der Vergangenheit nicht davon abgelassen, ihre hervorragende Arbeit mit humorvollen Bonmots zu begleiten.


So geschah es auch in der ballesterer-Ausgabe Nummer 85, als auf dieser Doppelseite unter dem Titel "Wunderbare Wahlwerbung" verfremdete Plakate zur Nationalratswahl erschienen, denen wir allesamt einen Fußballbezug untergeschoben haben (nur am Rande erwähnt sei, dass unser humorloser Mitbewerber Schwestermagazin 11 Freunde aus dem Land, in dem Lachen außerhalb des Kellers verboten ist, Deutschland diese Idee eins zu eins kopierte in ihrer nächsten Nummer ebenfalls aufgriff). Und was gäbe es für einen direkteren Fußballbezug als den ÖFB? Schwupps, schon hatten wir in unserem Eifer ein Foto des ebenso gut aussehenden wie gut angesehenen Generaldirektors Alfred "Gigi" Ludwig auf eine Wahlwerbung montiert, weil uns zu dem darauf befindlichen Spruch "Genug gezahlt! Überstunden steuerfrei" auch kein treffenderes Motiv einfiel als der Tag und Nacht für die blühende Zukunft des österreichischen Fußballs arbeitende und dennoch immer gut gelaunte "Gigi".


Die Tage gingen ins Land, werte Leserinnen und Leser, das Heft kam in den Handel, und die Satire im Kraftwerk stieß auf breites Unverständnis ein begeistertes Echo, bis uns die Zuschrift eines Wiener Rechtsanwalts erreichte. Er beschwerte sich im Namen seiner Mandanten - ÖFB und Generaldirektor Ludwig - über die Darstellung:

"Hierdurch werden die Rechte unseres Mandanten an seinem Bildnis massiv und eindeutig verletzt. Dies wiegt umso schwerer, als er Generaldirektor eines Sportverbandes ist, der nach dessen Statuten zur politischen und religiösen Neutralität verpflichtet ist. ... Der Vollständigkeit halber darf ich darauf hinweisen, dass unser Mandant ... die inkriminierte Veröffentlichung als ein - um in der Fußballersprache zu bleiben - eindeutiges und klares "Rotfoul" ansieht, weshalb er nicht bereit, ist, von den in beiliegender Erklärung aufgestellten Konditionen abzurücken ..."  (Auszüge aus dem Schreiben der Korn Rechtsanwälte OG vom 2. Oktober)

Eine Unterlassungs- und Verpflichtungserklärung schickte uns der freundliche Anwalt gleich mit, die wir unterzeichnen konnten, um den Gerichtsweg abzuwehren. Diese beinhaltete folgende Punkte:

Es ab sofort zu unterlassen, Lichtbilder von Herrn Alfred Ludwig zu veröffentlichen, wenn dadurch der Eindruck erweckt wird, der Abgebildete werbe für eine politische Partei, kandidiere für eine solche oder stehe sonst mit einer solchen in einem Zusammenhang;
sämtliche noch im Verfügungsbereich des Ballesterer befindlichen Exemplare der Nr 85/2013 des Ballesterer, umgehend ... insoweit zu verändern, als das auf Seite 34 der genannten Ausgabe sichtbare Lichtbild von Herrn Alfred Ludwig samt vollständigem Begleittext und Einrahmungen dauerhaft unkenntlich gemacht wird ...
Herrn Alfred Ludwig einen immateriellen Schadenersatz in Höhe von EUR 5.000,- ... zu bezahlen ... Herr Ludwig wird diesen Betrag der ÖFB Charity-Aktion zur Verfügung stellen;
Herrn Alfred Ludwig durch das rechtswidrige Verhalten des Ballesterer entstandenen Rechtsvertretungskosten in Höhe von EUR 1.000,- + 20 % USt ... zu ersetzen.
(Auszüge aus dem Schreiben der Korn Rechtsanwälte OG vom 2. Oktober)


Ihr könnt euch denken, werte Leserinnen und Leser, welch Schock uns in die Glieder fuhr! Wir, die wir von Kindesalter zum Glauben an die politische und religiöse Neutralität des ÖFB erzogen wurden, wir, die uns nie zu vorstellen wagten, dass man "Gigi" Ludwigs Bildnis jemals massiv verletzen könnte, wir waren des "eindeutigen und klaren Rotfouls" überführt. Das Lachen nahm kein Ende blieb uns im Hals stecken in der Redaktion. Wie gerne hätten wir zur Wiedergutmachung den geforderten Beitrag von 5.000 Euro für eine "ÖFB-Charity-Aktion" zur Verfügung gestellt, nach Durchsicht aller Finanzen fehlten uns aber exakt 4967 Euro dafür, weswegen wir schweren Herzens zu unserer Rechtsanwältin schritten, die für uns folgende Antwort verfasste:

"Dem unbefangenen Betrachter ... fällt mE bereits auf den ersten Blick der satirische Charakter der Darstellung ins Auge. Keinesfalls entsteht daher der Eindruck, Ihr Mandant hätte tatsächlich für das BZÖ kandidiert oder auch nur geworben ... Die Veröffentlichung ist daher insbesondere im Rahmen der Kunstfreiheit gerechtfertigt, und es ist auch nicht erkennbar, inwieweit berechtigte Interessen Ihres Mandanten beeinträchtigt sein könnten. Daher kann hier auch nicht ernstlich von einem "Rotfoul" die Rede sein."
(Auszüge aus dem Schreiben der Rechtsanwaltskanzlei Maria Windhager vom 10. Oktober)


Da wir trotzdem kein Interesse an einem Gerichtsprozess hatten, boten wir einen außergerichtlichen Vergleich an, allerdings zu leicht abgeänderten Konditionen.

"Keine Einigung ist allerdings hinsichtlich des von Ihrem Mandanten geforderten immateriellen Schadenersatzes möglich: Eine empfindliche Kränkung ist durch die satirische Darstellung mE nicht nachvollziehbar und die Forderung daher jedenfalls unberechtigt."
(Auszüge aus dem Schreiben der Rechtsanwaltskanzlei Maria Windhager vom 10. Oktober)


Die Auflösung dieser betrüblichen Episode sei euch nun verraten, werte Leserinnen und Leser: In ihrer Großzügigkeit ließen Generaldirektor Alfred "Gigi" Ludwig und der Österreichische Fußball-Bund doch davon ab, das einzige Fußballmagazin des Landes finanziell in den Ruin zu führen, und unsere Anwälte handelten eine Unterlassungserklärung aus, die wir voller Scham unterzeichneten. Wir verpflichteten uns:

"es ab sofort zu unterlassen, Bildnisse von Herrn Alfred Ludwig zu veröffentlichen, wenn dadurch der Eindruck erweckt wird, der Abgebildete werbe und/oder kandidiere für die politische Partei "Bündnis Zukunft Österreich" und/oder stehe sonst mit dieser Partei in einem Zusammenhang".  

(Auszüge aus der Unterlassungs- und Verpflichtungserklärung des ballesterer vom 12. November)

Auch die Schwärzung der in unserer Verfügungsgewalt befindlichen Exemplare der Ausgabe 85 und die Rechtsvertretungskosten, die Generaldirektor Ludwig entstanden waren, übernahmen wir, sodass "sämtliche wechselseitigen Ansprüche aus der inkriminierten Veröffentlichung ... abschließend bereinigt und verglichen" sind.

Nun, werte Leserinnen und Leser, trotz dieser generösen Geste des ÖFB hat uns dieser Scherz dennoch ein kleines Vermögen im Ausmaß einer Zahnbehandlung außerhalb Ungarns einen Schippel Geld gekostet. Gleichzeitig sitzen wir noch auf einem Schippel exklusiver Exemplare der Nummer 85, in denen unsere motivierten Mitarbeiter jedes Kraftwerk einzeln in liebevoller Handarbeit mit Schwärzungen versehen haben.


Was liegt näher, als euch, Leserinnen und Leser, die einmalige Chance zu bieten, eine dank des weithin bekannten und geachteten Generaldirektors des Österreichischen Fußball-Bundes Alfred "Gigi" Ludwig höchstpersönlich geschwärzte ballesterer-Ausgabe zu erwerben? Zu jedem Heft legen wir eine ebenso exklusive, zärtlich gestaltete "Gigi-Ludwig-Karikatur" bei, die diesen Spitzenfunktionär von seiner Schokoladeseite zeigt. Das Ganze für eine von euch frei gewählte Kaufsumme ab 5 Euro.


Mit jedem Beitrag von euch reduziert sich unser Schuldenstand, und wir werden demnächst wieder in der Lage sein, Satiren über Beckenbauer als Hitler, Joseph Blatters ersten Pornofilm und die Sklavenarbeit in Katar möglichst unverfängliche Themen auf dieser Doppelseite abzudrucken. Denn Satire darf alles, wenn man sie lässt.


Bestellungen für die exklusive Ausgabe Nr. 85 mit geschwärzter Gigi-Ludwig-Satire schickt bitte unter Angabe eurer Postadresse und eures "5 Euro plus x"-Beitrags an: abo@ballesterer.at

Eure ballesterer-Redaktion

Referenzen:

Heft: 88
ballesterer # 113

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 18.08.2016.

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