"In Katar ist man nicht frei"

Berichte über die Arbeitsbedingungen auf den Baustellen in Katar haben die Diskussion um die WM-Vergabe 2022 neu angeheizt. Die FIFA behauptet, sie sei in arbeitsrechtlichen Belangen machtlos. Wenn es um ihre Interessen geht, beweist sie aber das Gegenteil.
Moritz Ablinger | 18.11.2013

Es war die Reportage von Pete Pattisson in der englischen Tageszeitung The Guardian, die den Protest gegen die Weltmeisterschaft in Katar auf eine neue Ebene hob. Nicht das Wüstenklima und die mangelnde Fußballkultur im Emirat standen im Zentrum der Kritik, es waren die Arbeitsbedingungen auf den Baustellen für die Infrastrukturprojekte der WM 2022. Erschreckende Bilder von den Unterkünften der Arbeiter gingen um die Welt. Bis zu zwölf Leute müssten sich die oft fensterlosen Schlafräume teilen, die hygienischen Bedingungen würden zu Infektionskrankheiten führen, berichtete die Zeitung Ende September.


Laut Angaben der nepalesischen Botschaft starben in diesem Sommer fast täglich Bauarbeiter in Katar. Von den 32 registrierten Toten im Juli erlitten 17 einen Herzinfarkt. "Die Arbeiter müssen in der Mittagshitze arbeiten, Zugang zu Trinkwasser wird ihnen von ihren Chefs oft verwehrt", sagte Ramesh Badal bei einer Pressekonferenz im Zuge einer, vom Österreichischen Gewerkschaftsbund organisierten, Veranstaltung in Wien Anfang Oktober. Der Anwalt vertritt nepalesische Arbeiter, die in Katar gearbeitet haben,vor Gericht. Diese Gesundheitsrisiken sind keineswegs neu, sondern eine bekannte Schattenseite der Megabauprojekte in Katar. "Wir haben uns bereits im November 2011 mit FIFA-Generalsekretär Jerome Valcke getroffen", sagt Tim Noonan, Kommunikationschef des internationalen Gewerkschaftsbundes ITUC. "All diese Probleme wurden bereits damals angesprochen, aber es ist nichts passiert."

Ausbeutung mit System
Doch es geht nicht nur um die FIFA. Die Arbeitsbedingungen in Katar sind fester Bestandteil der politischen Ordnung im Wüstenstaat. Das sogenannte Kafala-System schreibt vor, dass ausländische Arbeitskräfte bei ihrer Einreise einen Vertrag mit ihren Arbeitgebern abschließen müssen. Oft entspricht dieser nicht den zuvor getroffenen Vereinbarungen. "Aber die Arbeiter befinden sich zu diesem Zeitpunkt schon in Katar, wo die Ausreise erst durch den Arbeitgeber erlaubt werden muss", sagt Badal. "Sie können also nicht gegen diese Verträge protestieren."


Betroffen sind davon vor allem ungelernte Arbeitsmigranten aus Nepal, Bangladesch und Indien. Insgesamt werken 1,2 Millionen ausländische Arbeitskräfte im Emirat. "Es geht nicht nur um die Weltmeisterschaft", sagt Noonan. "Es geht um einen fundamentalen Missstand, die moderne Sklaverei in Katar." Eine Organisierung der Arbeiter ist auch deswegen schwierig, weil Gewerkschaften in Katar verboten sind. Den Hilfskräften fehlt eine Handhabe gegen nicht bezahlte Löhne oder die Last, die Schulden zu tilgen, die durch die vom Unternehmen vorfinanzierte Anreise entstanden sind.


Das Kafala-System betrifft aber nicht nur Arbeiter auf Baustellen. Der marokkanische Fußballer Abdeslam Ouaddou von Lekhwiya SC fiel im Sommer 2011 bei Tamim bin Hamad al Thani, Klubpräsident, Gründer des Paris-Saint-Germain-Eigentümers Qatar Sport Investments und Kronprinz, in Ungnade. Gegen seinen Willen wurde Ouaddou daraufhin an den Ligakonkurrenten Qatar SC abgegeben. Nach einer schlechten Spielzeit beim neuen Verein wurde dem ehemaligen marokkanischen Teamspieler zu Beginn der Saison 2012/13 kein Gehalt mehr bezahlt. Er reichte daraufhin Beschwerde bei der FIFA ein und wollte das Land verlassen. Sein Ausreisevisum aber wurde von Lekhwiya zurückgehalten. Erst als der Marokkaner drohte, Menschenrechtsgruppen einzuschalten und seinen Fall öffentlich zu machen, wurde die Ausreise doch möglich. Auf seine ausstehenden Gehälter wartet er allerdings heute noch. Ouaddous Freund, der algerische Fußballer Zahir Belounis, musste zwei Jahre ohne Gehalt in Katar bleiben, bis er Ende Oktober die Erlaubnis zur Ausreise erhielt. "Wenn man nach Katar geht, um zu arbeiten, ist man nicht frei. Kafala bedeutet, dass man jemandem gehört", sagte Ouaddou bei der Pressekonferenz in Wien. "Fußballer sind zumindest von ein paar gesetzlichen Regelungen und der FIFA geschützt, aber die Arbeiter können nichts tun."

Einmischung nötig
Der internationale Gewerkschaftsbund ITUC macht sich jetzt im Rahmen der Kampagne "Rerun the Vote" für eine Neuvergabe der WM 2022 stark. Tim Noonan sagt: "Wir wollen, dass die katarischen Behörden und die FIFA mit uns zusammenarbeiten, um das untragbare Verhalten der Unternehmen in Katar zu regulieren." Diese Zusammenarbeit soll aber nicht nach dem Vorbild Russlands passieren. Dort wurden, auf Vorschlag der FIFA, Gesetze beschlossen, die die WM-Organisation erleichtern sollte. Neben Einreisebestimmungen für Fans wurden auch Arbeitsrechte liberalisiert. Bis 2018 gilt das staatliche Arbeitsrecht in Russland nicht für Arbeitskräfte aus dem Ausland. Überstunden, Nachtarbeit und Versicherungsbeiträge müssen von Unternehmen, die Partner der FIFA sind, nicht bezahlt werden.

 

Schon im Vorfeld der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika hatte die Gewerkschaft der Bauarbeiter gegen die schlechte Bezahlung und mangelnde Sicherheits-standards auf den Baustellen der WM-Stadien protestiert. Die FIFA ließ wissen, dass sie sich in diese Streitigkeiten nicht einmischen wolle. In Katar sind die Zustände weitaus dramatischer. Die ITUC schätzt, dass bis zu Beginn der Weltmeisterschaft in neun Jahren 4.000 Bauarbeiter sterben werden. Einmischen wolle sich die FIFA auch hier nicht, die Verantwortung für Arbeitsrechte liege woanders. Der Weltverband lässt dabei ein Muster erkennen. "Wenn Sepp Blatter sagt, die FIFA könne das Arbeitsrecht einzelner Länder nicht beeinflussen, glaube ich ihm das nicht", sagt Noonan. Fälle, in denen auf Vorschlag der FIFA Arbeitsrechte außer Kraft gesetzt werden, gebe es genug. In Katar müsste man sie allerdings in Kraft setzen.

Referenzen:

Heft: 87
Rubrik: Spielfeld
Thema: WM 2022
ballesterer # 120

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