Italienische Reise

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Eine Schussattacke vor dem italienischen Cupfinale kostete Napoli-Fan Ciro Esposito das Leben. Während er mit dem Tod rang, schossen sich Politiker und Medien auf Neapel und die Ultras ein. Doch Espositos Heimatstadt wehrt sich.

Jakob Rosenberg | 28.07.2014

Vier riesige, in die Jahre gekommene Wohnbauten sind das Wahrzeichen des neapolitanischen Stadtteils Scampia. In den 1960er Jahren sollten die "Vele", die Segelboote, wie sie aufgrund ihrer architektonischen Form genannt werden, zum Zugpferd der Stadterweiterung im Norden werden. Doch Mitte der 2000er Jahre wurden sie zu einem Schauplatz der Fehde von Scampia, einem Krieg rivalisierender Camorra-Clans, der mehr als 70 Menschen das Leben kostete. Die "Vele" waren nicht länger das Symbol der Entwicklung der Stadt, sondern ihres Niedergangs. Der Drogenhandel blühte, die ohnehin hohe Arbeitslosigkeit stieg weiter, und Scampia bekam endgültig den Ruf eines Problembezirks. Internationale Berühmtheit erlangten die "Vele" mit der Verfilmung von Roberto Savianos Roman "Gomorrha". 2008 gewann der Film den Großen Preis der Jury in Cannes, der Schriftsteller Maurizio Braucci arbeitete am Drehbuch mit, er sagt: "Vor zehn Jahren war Scampia ein regelrechter Drogensupermarkt. Die Leute mussten sich fast schon vor ihrer Haustür anstellen, um nach Hause zu kommen, weil überall gedealt worden ist."

Vor den "Vele" erstreckt sich ein großer Park, rund 20.000 Menschen sind an diesem 27. Juni gekommen, sie betrauern einen Sohn der Stadt: Ciro Esposito, der 30-jährige Napoli-Fan, der zwei Tage zuvor den Schussverletzungen erlegen ist, die ihm beim Cupfinale vor Anfang Mai zugefügt worden sind. Immer wieder intonieren Fans seinen Namen, Schlagersänger Nino D'Angelo singt mit der Menge seinen 80er-Jahre-Hit "Forza Napoli", vor der Bahre sitzt die Mutter zwischen dem Napoli-Spieler Lorenzo Insigne und Bürgermeister Luigi De Magistris. Der Bürgermeister hatte nach der Todesnachricht die Stadttrauer verkündet, bei den Trauerfeierlichkeiten ruft er: "Nur weil Ciro aus Scampia war, waren wir für alle hässlich, schmutzig und böse. Aber wir wissen, dass Ciro unschuldig ist."

Angriff in Rom
Was am 3. Mai in der Nähe des römischen Stadio Olimpico wirklich passiert ist, ist noch nicht restlos geklärt. Fest steht, dass Ciro Esposito und zwei weitere Napoli-Fans kurz vor Anpfiff des Cupfinales zwischen Napoli und Fiorentina mit Schussverletzungen ins Krankenhaus eingeliefert wurden. Zeitgleich mit dem ebenfalls schwer verletzten Römer Daniele De Santis, ein neofaschistischer Aktivist und ehemaliger Roma-Ultra. Während die Polizei zu den Vorfällen noch ermittelt, kolportieren die Medien, dass es sich um einen Überfall einiger Roma-Fans auf die ankommenden Napoli-Anhänger gehandelt habe. Als Esposito und andere die Angreifer zurückdrängen wollten, habe De Santis eine Pistole gezückt und geschossen. Nach den Schüssen soll er von den Napoli-Fans fast gelyncht worden sein. Obwohl sich das Geschehen in der Nähe des Stadions abspielte und die Rivalität zwischen Roma und Napoli polizeibekannt ist, fehlte von den Ordnungskräften jede Spur - auch die Rettung kam laut einem Augenzeugen erst eineinhalb Stunden nach den Schüssen zum Tatort.

Eigentlich hätte das Cupfinale um 21.00 Uhr angepfiffen werden sollen, doch als erste Gerüchte über eine Schießerei die Runde machten, forderten die Napoli-Fans unter heftigem Einsatz von Knallkörpern die Verschiebung. Schließlich kam Napoli-Kapitän Marek Hamsik in Begleitung einiger Polizisten zur Fankurve. Vor der Absperrung teilte er Gennaro De Tommaso, dem Capo der Ultragruppe "Mastiffs", mit, dass Esposito in einem kritischen Zustand, aber am Leben sei. De Tommaso kletterte auf den Zaun zurück und gestikulierte in Richtung Kurve, dass sich die Fans beruhigen sollten. Schließlich konnte das Spiel mit 45 Minuten Verspätung angepfiffen werden. Der 3:1-Sieg Napolis verkam zur Randnotiz, aber nicht der in Lebensgefahr schwebende Fan stand in der medialen Betrachtung im Fokus, sondern die Besprechung zwischen einem Spieler und einem Repräsentanten des Fanblocks.

Die Mächtigen und das Biest
"Das Fernsehen, die Medien und die politisch Mächtigen wie Premierminister Matteo Renzi, der ja im Stadion war, haben sich darauf eingeschossen", sagt Maurizio Braucci. "Das zeigt, wie der Machtapparat funktioniert: Um nicht über den Überfall und die mangelnde Polizeipräsenz reden zu müssen, haben sie die Aufmerksamkeit auf ein einfaches Ziel gelenkt: ,Genny 'a carogna'." Tatsächlich bot De Tommaso neben seinem klingenden Spitznamen "Genny, das Biest" gleich mehrere Angriffsflächen: ein abgesessenes Stadionverbot, Vorstrafen, kolportierte familiäre Verbindungen zur Camorra und die falsche Bekleidung. Beim Match trug er die Botschaft "Speziale Libero" auf seinem T-Shirt, eine Forderung nach der Freilassung von Antonio Speziale. Der Catania-Ultra war nach den Ausschreitungen beim sizilianischen Derby vor sieben Jahren für den Tod des Polizisten Filippo Raciti verantwortlich gemacht und wegen Totschlags verurteilt worden.

Im medialen Tenor hieß es nach dem Spiel, der Staat dürfe sich nicht von einem Fan diktieren lassen, ob ein Spiel angepfiffen werde oder nicht. Politiker jeglicher Couleur demonstrierten ihre Entrüstung über das Gespräch zwischen Polizei, Spieler und Fan. "Der Staat hat früher nicht mit den Terroristen der Roten Brigaden verhandelt, nicht einmal, als es um das Leben von Premierminister Aldo Moro gegangen ist", sagte Rechtspolitiker Ignazio La Russa. "Diese Linie hat er mit den Verhandlungen mit einem Ultras-Capo verlassen." Am Höhepunkt der Empörungswelle wurde De Tommaso mit einem fünfjährigen Stadionverbot belegt. Die Begründung: Er habe mit seinem T-Shirt die Verordnung über gewalttätige Botschaften auf Spruchbändern verletzt, zudem habe er die Absperrung zwischen Fantribüne und Spielfeld übertreten.

"Man kann kritisieren, wie er sich als Volkstribun inszeniert hat", sagt der Römer Fananwalt Lorenzo Contucci. "Aber De Tommaso hat sich kein Vergehen zuschulden kommen lassen. Nicht er hat die Polizei um Verhandlungen gebeten, es waren die Ordnungskräfte, die auf ihn zugegangen sind und ihn aufs Feld geholt haben." Als die Napoli-Kurve ankündigte, beim nächsten Heimspiel aus Solidarität mit dem nun ausgesperrten Capo mit dem gleichen T-Shirt ins Stadion zu kommen, drohte die Polizei, das Spiel aus Sicherheitsbedenken abzusagen. Schon zuvor hatte Innenminister Angelino Alfano den Schriftzug kritisiert, da er den Berufsstand der Polizei herabwürdige. "Man muss die Botschaft nicht teilen, aber das fällt unter freie Meinungsäußerung", sagt Contucci. "Ausgerechnet ein Minister, der an einer Demo für den rechtskräftig verurteilten Silvio Berlusconi teilgenommen hat, echauffiert sich darüber. Wenn Alfano ein T-Shirt mit der Aufschrift ,Berlusconi Libero' trägt, bekommt er weder ein Stadionverbot noch die Titelseiten der Zeitungen." In der Aufregung über das T-Shirt und das Vorstrafenregister De Tommasos ging die Tatsache, dass das Spiel trotz der Vorfälle im Vorfeld - auch dank seiner Intervention - problemlos über die Bühne gehen konnte, unter. "Es ist doch ganz normal, dass die Exekutive mit Fans spricht, wenn es einmal heißer zugeht - das ist bei politischen Kundgebungen nicht anders", sagt Contucci. "Die Polizei hat De Tommaso um Hilfe gebeten, er hat sie gewährt und ist dann dafür bestraft worden."

Roma - Napoli ohne Fans
Nicht nur für den "Mastiffs"-Capo, sondern für die gesamte italienische Ultrabewegung haben die Ereignisse um das Cupfinale Konsequenzen. Obwohl der Angriff auf die Napoli-Fans vermutlich wenig von einer klassischen Auseinandersetzung rivalisierender Ultragruppen hat, wurde er medial als solche diskutiert, schließlich handelt es sich dabei um eine Bewegung mit einem besonders schlechten Ruf. Dazu passend veröffentlichte die Tageszeitung La Repubblica Anfang Juni die Ergebnisse einer großangelegten Befragung über die Zukunftsträchtigkeit bestimmter Begriffe - von "Kirche" über "Medien" bis zu "Demokratie". Am schlechtesten schnitt dabei der Begriff "Organisierte Fans" ab, gefolgt von Politikernamen wie Silvio Berlusconi und Beppe Grillo.

Contucci sieht die Ultrabewegung in einer Abwärtsspirale gefangen: "Wenn in Zukunft der Capo bestraft wird, weil jemand aus seiner Gruppe ein Vergehen begeht, wird sich bald die Organisationsform der Gruppen ändern. Es wird keine Ansprechpartner mehr geben und die Gefahr für die öffentliche Sicherheit steigt, weil jeder nur noch versuchen wird, in der Anonymität zu agieren." Als nach den Vorfällen von Rom auf den Straßen Neapels Graffitis und Spruchbänder mit Drohungen gegen De Santis auftauchten und bei einem Roma-Heimspiel ein aufmunterndes Transparent für den mutmaßlichen Attentäter gezeigt wurde, drehte sich die Abwärtsspirale weiter "Es wird in den kommenden Jahrzehnten keine Spiele zwischen Roma und Napoli mehr geben, an denen beide Fanlager teilnehmen dürfen", sagt Anwalt Contucci. "Private Racheakte kann es natürlich trotzdem überall geben. Du kannst über das ganze Land verteilt Römer auf Urlaub finden - und Neapolitaner in der Arbeit."

Das Bildnis Italiens
Währenddessen kämpfte Ciro Esposito weitgehend unbeachtet um sein Leben. Statt über ein Opfer aus Neapel wurde über die gewalttätige Fanszene Napolis gesprochen. "Der Überfall war eine nationale Tragödie, aber über das massive Gewaltproblem in der Hauptstadt will niemand sprechen, weil das immer auch eine Kritik an den Politikern und der herrschenden Klasse implizieren würde", sagt Schriftsteller Braucci. "Italien steht am wirtschaftlichen und sozialen Abgrund. Das Lächeln von Premierminister Matteo Renzi verdeckt die Tränen eines ganzen Landes."

Neapel diene als Ablenkung, Probleme wie die Arbeitslosigkeit, die mangelhafte Müllentsorgung und die organisierte Kriminalität würden als lokale Phänomene abgetan und nicht als Symptome einer Krise, unter der ganz Italien leidet. Zur Verdeutlichung greift Braucci die Metapher aus "Das Bildnis des Dorian Gray" von Oscar Wilde auf. Im Roman bleibt der Protagonist jung, schön und unbefleckt, während das Porträt von ihm altert und die Spuren seines körperlichen und moralischen Vorfalls trägt - was ihn schließlich in den Wahnsinn treibt. "Neapel hat die Funktion des Bildes, das alle Probleme scheinbar mühelos in sich aufnimmt", sagt Braucci. "Es symbolisiert die Seele Dorian Grays. Als dieser das immer hässlicher werdende Bild zerstören will, stirbt er."

Andenken an Ciro
Die Trauerfeier für Esposito wird zu einem Aufbegehren gegen dieses Bild, Scampia kämpft um einen besseren Ruf. "Das Viertel ist seit zehn Jahren im Wandel zum Positiven", sagt Braucci, der selbst in lokalen Projekten mit Jugendlichen arbeitet. "Die Probleme sind nicht gelöst, aber die Lage hat sich sichtbar verbessert. Es gibt viele soziale Initiativen, die aus der Bevölkerung entstanden sind, private Stiftungen investieren in sinnvolle Projekte, die Kirche macht etwas, nur die öffentlichen Einrichtungen sind nach wie vor sehr schwach."

Tosender Applaus brandet auf, als Bürgermeister De Magistris ins Mikrofon sagt: "Jetzt müssen die Schuldigen dafür zahlen, auch diejenigen, die die öffentliche Sicherheit nicht garantieren konnten." Gemeint ist damit neben den Angreifern - mittlerweile wird außer gegen De Santis noch gegen vier weitere Männer ermittelt - die Römer Polizei. Worte, die in der Stadt dankbar aufgenommen werden. "Reden wir über die Gewalt in Rom, über Neofaschisten und über ein Fußballsystem, das seine einzige Aufgabe darin sieht, Profite abzuwerfen", sagt Braucci. "Und reden wir auch über einen Staat, der inmitten aller möglicher Sparzwänge nicht mehr in der Lage ist, die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten." Dass der Tod Espositos bei den Institutionen ein Umdenken auslösen wird, glaubt Anwalt Contucci nicht: "Es wird niemand zurücktreten, so etwas passiert in Italien nicht."

Dass es zu Racheaktionen und einer weiteren Eskalation der Rivalität zwischen Roma und Napoli kommt, ist nicht ausgeschlossen. Beim Begräbnis und in den folgenden Tagen wiederholt Antonella Leardi, die Mutter Espositos, ihre Botschaft immer wieder: Um das Andenken ihres Sohnes zu ehren, dürfe es keine weiteren Gewaltakte geben. "Dank ihrer klaren Botschaften und ihrer Weisheit wurde Leardi zu einem Vorbild", sagt Braucci. "Sie hat damit die Rolle eingenommen, die eigentlich die Medien und die öffentlichen Stellen ausüben müssten."


Foto: Alessio Viscardi, fanpage.it

Referenzen:

Heft: 93
Thema: Italien, Medien, Ultras
Verein: SSC Napoli
ballesterer # 115

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