Kampf der Kulturen

cache/images/article_1636_lustenau_140.jpg Wenn die Grün-Weißen von Austria Lustenau und die Blauen vom FC07 aufeinandertreffen, lebt die Geschichte des 19. Jahrhunderts fort. Ein fankultureller Lokalaugenschein beim Derby in der einwohnerreichsten Marktgemeinde Österreichs.
Hans Georg Egerer | 24.05.2011

Etwa 20 Burschen im Alter von 15 bis 25 Jahren schleppen eine Unmenge an Fanutensilien zum Stadion. Es ist 18.00 Uhr, und die ersten organisierten Fans des FC Lustenau treffen beim Reichshofstadion ein. Spielbeginn ist erst um 20.30 Uhr, doch für das Derby gegen Austria Lustenau hat man einiges vorzubereiten.

Die »Blue Freaks« organisieren den aufwendigen Support im Ultra-Stil. Einige FC-Fans stimmen sich in einem Gastgarten in Stadionnähe bei einem Bier auf das Match ein. Am zentral gelegenen Blauen Platz seien 20 FC-Fans auf 50 Austrianer getroffen, erzählen sie, angesichts der Übermacht aber wieder abgezogen. Die Polizei musste nicht eingreifen. »Nach dem Match hauen wir sie zusammen«, sagt einer der jugendlichen Fans des FC Lustenau. Die Rivalität beschränke sich allerdings auf das Geschehen rund ums Match, in der Disco lasse man sich in Ruhe. »Dafür ist Lustenau zu klein«, sagt einer. »Am Montag nach dem Match triffst du die ja wieder.«

Tischler statt Tormann
Die Rivalität in der Rheintalgemeinde hat Geschichte. Hermann, ein sportlicher 72-Jähriger, kann sich noch gut erinnern, wie das war damals in Lustenau. Ruhig sitzt er da, im Garten seines Nachbarn, ein Strohhut schützt ihn vor den Sonnenstrahlen: »Als ich 15 war, hat mich mein Werklehrer zu einem Tischler geschickt, damit ich mich um eine Lehrstelle bewerbe. Der Lehrer hat gedacht, dass ich Talent zum Handwerk hätte und der Beruf etwas wäre für mich. Der Tischler hat mich dann genommen.«

Die handwerkliche Karriere stand der sportlichen aber im Weg. »Als der Meister erfahren hat, dass ich bei der Jugend des FC Lustenau Tormann war, hat er zu mir gesagt: Entweder du hörst bei mir auf oder beim FC. Ich habe beim FC aufgehört.« Damals, in den 1950er Jahren, war die Rivalität zwischen den beiden Lustenauer Vereinen groß. Die älteren Lustenauer können sich noch erinnern, dass man vom Derby als »Hegel«-Match sprach. Hegel nennen die Einheimischen einen einfachen Taschenfeitel, wie er auf Kirchweihfesten verkauft wird.

Konservative gegen Liberale
Lustenau hat knapp über 20.000 Einwohner. Die Marktgemeinde besteht überwiegend aus frei stehenden Häusern, Wiesen und Obstbäume unterbrechen die lockere Bebauung, das Zentrum ist in zwei Minuten durchschritten. Ein groß gewordenes Dorf, das mit zwei Vereinen im österreichischen Profifußball vertreten ist und damit nach der Bundeshauptstadt Wien die Nummer zwei darstellt.

»In Lustenau gibt es alles zweimal«, sagt Dieter Sperger, Präsident des FC Lustenau. »Zwei Musikvereine, zwei Turnvereine, zwei Fußballvereine.« Die Ursache für die wundersame Verdopplung liegt in der politischen Geschichte Lustenaus begründet. Das durch die aufstrebenden Stickereibetriebe zu Wohlstand gekommene Bürgertum bildete den Kern der liberalen politischen Bewegung des 19. Jahrhunderts. Die vom wirtschaftlichen Aufschwung der Industrialisierung Ausgeschlossenen wurden Opfer der konservativen Agitation politisierender Kleriker. Die katholischen Kräfte gründeten sogenannte »Kasinos«, Vereine zur Verbreitung des konservativen Gedankenguts. Deren Mitglieder, die »Kasiner«, wurden alsbald zum absoluten Feindbild der Liberalen im Kulturkampf des 19. Jahrhunderts.

Die Konkurrenz der beiden Lager fand auch im Sport ihren Ausdruck. Der FC Lustenau Gründungsfarben Schwarz-Rot-Gold wurde 1907 im Umfeld des Stickereiunternehmers und liberal-großdeutschen Gemeindepolitikers Eduard Alge gegründet. Noch heute heißt die Kantine neben dem Trainingsgelände »Walhalla-Stüberl«. Austria Lustenau entstand 1914 als Fußballabteilung des Turnerbundes Lustenau, der seinerseits auf Initiative von Mitgliedern der katholischen »Marianischen Jünglingskongregation« gegründet wurde. »Konkurrenz belebt das Geschäft«, sagt Sperger, »die beiden Vereine pushen sich gegenseitig. Vielleicht ist das ein Grund dafür, dass eine Gemeinde wie Lustenau zwei Vereine in die Erste Liga gebracht hat.«

 

Entspannung durch Gasthaussterben

Auch in den Gastwirtschaften herrschte bis in die 1970er Jahre eine strikte Trennung. Die FCler trafen sich im Gasthaus Engel, die Austrianer im Hotel Krone. Das Hotel Krone gibt es nicht mehr, der Engel ist heute ein China-Restaurant. Von einstmals 20 Wirtschaften sind in Lustenau nur mehr drei übrig geblieben. Doch nicht nur das Gasthaussterben hat bei vielen zu einem entspannteren Miteinander geführt. Die Bindung der Vereine an die politischen Lager ist heute schwächer als in der Vergangenheit. Die Traditionslinie führte bei den Liberalen über den Deutschnationalismus und den Nationalsozialismus in die FPÖ, die in Lustenau von 1960 an 50 Jahre lange den Bürgermeister stellte - lange bevor der bundesweite Aufstieg der Freiheitlichen unter Jörg Haider begann. Bei den Konservativen führte die Entwicklung über die Christlichsozialen in den Austrofaschismus und die ÖVP. Seit 2010 stellt sie den Bürgermeister. Die SPÖ spielte in der Gemeinde nie eine entscheidende Rolle. »Das Selbstbild des FC ist nicht das eines politischen Vereins«, sagt FC-Präsident Dieter Sperger und fügt an, dass man sich der Integrationsaufgaben in der Nachwuchsarbeit bewusst sei.

 

Auf der anderen Seite hat die Austria Lustenau mit Nicole Hosp - nicht ident mit der Skirennläuferin - eine freiheitliche Jungpolitikerin als Funktionärin. Austria-Präsident Hubert Nagel beklagt an der Politik vor allem die Bürokratie, unter dem alten wie dem neuen Bürgermeister. Klaus Hämmerle, Journalist bei den Vorarlberger Nachrichten, erinnert sich noch an die Zeiten, als der FC in den 1990er Jahren in der Vorarlbergliga kickte: »Auch die Austrianer sind am Sonntag ganz gerne zum FC auf die Holzstraße gegangen. Die Bratwürste waren immer besser dort, das muss man ihnen lassen.« Leichter gemacht hat diese Annäherung auch das Fehlen der direkten sportlichen Konfrontation. Der traditionsreichere FC07 war seit den 1970er Jahren ins Hintertreffen geraten und in den Vorarlberger Landesklassen beschäftigt, die Austria nach dem Aufstieg in die Bundesliga 1997 als Nummer eins im Ort etabliert. Die Fangemeinde der Grün-Weißen wurde um ein Vielfaches größer als die der Blauen. Erst seit der Saison 2001/02 stehen sich die beiden Teams - unterbrochen durch zwei Saisonen des FC in der Regionalliga West 2004/05 und 2005/06 - wieder regelmäßig in der zweiten Leistungsstufe gegenüber.

Lost Ground Holzstraße
In den letzten Jahren ist eine neue Fangeneration herangewachsen. Bei den Jugendlichen ist die Dominanz der Austria nicht so groß. Viele Junge zieht es wieder zum FC. Es hat immer wieder Zusammenstöße zwischen den Fanlagern gegeben. »Wir könnten in der Holzstraße heute gar kein Derby mehr veranstalten«, sagt Wolfgang Hartter, Sportmanager beim FC Lustenau. »Unser altes Stadion hat zwar Tradition, aber es würde krachen.« Das alte Stadion hat nur einen Eingang, eine Trennung der Fanlager wäre auf dem engen Platz nicht möglich. Das Stadion an der Holzstraße, in dem der FC bis 2007 seine Heimspiele austrug, kann wegen der Vorgaben der Bundesliga nicht mehr für Bewerbsspiele genutzt werden. Seitdem spielt der FC seine Heimspiele im vorher allein von der Austria genutzten Reichshofstadion. Die gemeinsame Verwendung ist ein ständiger Zankapfel. Vor einem Jahr übermalten FC-Fans in einer nächtlichen Aktion die grün gefärbten Stützpfeiler der Tribüne mit blauer Farbe. Gemütlicher wurde das Reichshofstadion für die FC-Fans dadurch nicht. »Wir fühlen uns hier nicht zu Hause«, sagt ein junger Fan. So weit, sich den Abstieg zu wünschen, um wieder in der Holzstraße spielen zu können, geht die Sehnsucht nach der alten Heimat aber doch nicht. Die Spieler denken ähnlich und reisen an diesem Tag von der Holzstraße mit dem Bus ins Reichshofstadion an, wie zu einem Auswärtsspiel, obwohl es sich bei diesem Derby um das Heimspiel des FC07 handelt. Am Nachmittag vor dem Spiel erreicht Präsident Hubert Nagel ein Beschwerdeanruf aus der Geschäftsstelle des FC Lustenau. Austria-Fans haben FC-Fahnen aus dem VIP-Klub geklaut. Auch der Austria-Präsident ist mit der Situation unzufrieden: »Wir müssen Einschränkungen beim Jugendbetrieb hinnehmen. Wenn es heute regnet, stehen unsere Fans im Regen auf der Auswärtstribüne und die FC-Fans unter Dach, obwohl wir das Dach auf der Nordtribüne gebaut haben. Das sieht keiner ein.«

»Scheiß Kasiner«
Inzwischen ist der Anpfiff näher gerückt. Noch kurz vor Spielbeginn sitzen einige ältere Semester im »Blank-Hüttli«, einem Buffet innerhalb des Stadionzaunes. Die alteingesessenen Anhänger der Austria haben sich das Recht erstritten, auch bei FC-Heimspielen ihr Stammlokal im Reichshofstadion besuchen zu können, ohne an der Stadionkassa Eintritt zu zahlen. Die Spiele verfolgen sie dann üblicherweise im Fernsehen und freuen sich demonstrativ über Treffer der jeweiligen Gegner des Lokalrivalen. Auch heute werden einige von ihnen das Heimspiel des FC boykottieren und während des Matchs im Lokal bleiben.

 

Beim Betreten der Nordtribüne wird klar, warum die »Blue Freaks« so lange vor Matchbeginn ins Stadion gekommen sind. Jeder einzelne der wieder grün lackierten Pfosten, die das Stadiondach stützen, ist mit blauem Stoff umhüllt. Aufs Anmalen haben sie dieses Mal verzichtet. Das Match beginnt mit einer Fahnenchoreo der FC Fans und einer Überrollfahne des organisierten Austria-Supports, der auf der Auswärtstribüne steht. Als in der 30. Minute das 1:0 für die Austria fällt, wird aber deutlich, dass sich nicht alle grün-weißen Fans von ihrer Stammtribüne verdrängen lassen haben. Rund um den in der Mitte der Tribüne stehenden FC-Block springen Leute von den Sitzreihen und jubeln. Auch beim zweiten Austria-Treffer wiederholt sich das Bild. Diesmal führt der Jubel zu einem Handgemenge. Die Situation beruhigt sich aber rasch. Die Austria-Fans auf der Auswärtstribüne hüllen das Stadion in grünen Rauch. Der Anschlusstreffer nützt dem FC nichts, das Spiel geht dem Ende zu, und schließlich mit 1:2 verloren. Enttäuscht stimmen die FC-Lustenau-Fans Schmähgesänge gegen die Ortsrivalen an. Dabei greifen sie weit in die Geschichte zurück und landen irgendwo im 19. Jahrhundert. »Scheiß Kasiner«, skandieren sie. Die Kapelle, die die Austria 2007 auf dem Stadiongelände errichten ließ, werden sie wohl nicht besuchen. Den Beistand von oben überlassen sie der anderen Stadthälfte.

Referenzen:

Heft: 62
Rubrik: Fansektor
ballesterer # 120

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