Kampf um den gläsernen Fan

cache/images/article_2439_polen_fanausweis_140.jpg Mit Legia Warszawa schafft auch der derzeit erfolgreichste polnische Klub den umstrittenen Fanausweis ab. Persönliche Daten werden in den Stadien jedoch weiter gesammelt, und mancher Klub präsentiert schon neue Kartenideen.
Radoslaw Zak | 17.03.2015

Die Wege in die Stadien der polnischen Ekstraklasa werden kürzer. Nach Cracovia, Gornik Zabrze, Korona Kielce, Piast Gliwice, Slask Wroclaw und Lechia Gdansk hat sich Mitte Februar auch Legia Warszawa vom vielkritisierten Fanausweis, der karta kibica, verabschiedet. Das sollte den Kartenerwerb für das Stadion des derzeitigen Tabellenführers deutlich vereinfachen.


Allerdings muss der Matchbesucher auch bei Legia weiterhin einen amtlichen Ausweis mitbringen: Mitsamt Foto werden die Daten vom Klub an ein zentrales Datensystem weitergeleitet, in dem etwa eine Million Besucher von Veranstaltungen registriert sind. „Aus rechtlicher Perspektive waren die Fanausweise nie verpflichtend“, so Waldemar Gojtowski, der Kommunikationsmanager der Ekstraklasa, in einer Stellungnahme. „Die Klubs waren und sind weiterhin auf Basis des Gesetzes zur Sicherheit bei Massenveranstaltungen verpflichtet, die Stadiongeher zu identifizieren.“ Dokumente werden also immer noch für den Kartenkauf benötigt, sei es im Internet oder an der Stadionkassa.

Aus der Not eine Tugend
Die karta kibica wurde nach dem Erlass des Gesetzes 2009 von den Klubs als Maßnahme für den einfacheren Stadionbesuch eingeführt, tatsächlich schreckte sie jedoch Gelegenheitsbesucher und Auswärtsfans ab. Zbigniew Boniek, Präsident des Fußballverbandes PZPN, waren die Karten schon immer ein Dorn im Auge. „Banditen sollten nichts in Stadion gehen dürfen“, sagte er im Interview mit dem Fernsehsender TVN24. „Fans sollten aber wie Fans behandelt werden. Sie sind genauso Kunden wie Kino- und Theaterbesucher.“ Die Ekstraklasa erhofft sich vom Wegfall der karta kibica einen Anstieg der Zuschauerzahlen. Nach der EM 2012 hat sich der Schnitt über der 8.000er-Marke eingependelt, in der Saison, 2013/14 ist er leicht auf 8.475 gestiegen.


Ganz verschwunden ist der Fanausweis jedoch nicht. Legia integriert ihn in ein Loyalitätsprojekt, mit dem Inhaber Ermäßigungen für Ligaspiele und Fanartikel erhalten. Einen wahren Marketingerfolg hatte kurz nach Legias Ankündigung Erstligist GKS Katowice zu vermelden. Der Klub aus der schlesischen Großstadt animiert seine Dauerkarteninhaber zum Wechsel auf eine neue Fankarte samt integriertem Konto. Mit der Rückrunde werden den Anhängern bei Niederlagen 50 Prozent und bei Unentschieden 25 Prozent des Eintrittspreises zurücküberwiesen. Piotr Koszecki, Vorsitzender der Fanvereinigung „SK 1964“, begrüßt diesen Schritt im Gespräch mit dem ballesterer: „Das ist eine innovative Lösung. Auf der ganzen Welt hat außer uns niemand so etwas.“ Was sich nach einer Verlustrechnung für den Verein anhört, könnte sich als Erfolg erweisen. Mit der Karte kann nämlich nur im Stadion und im Fanshop bezahlt werden. Am Ende gewinnt also der Klub – selbst wenn er verliert.    


Update: In der Printversion des Artikels heißt es: „bei Unentschieden 20 Prozent des Eintrittspreises zurücküberwiesen“. Wir haben diesen Fehler in der Onlineversion korrigiert.

Referenzen:

Heft: 100
Verein: Legia Warszawa
ballesterer # 121

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