Kanonier Binder

cache/images/article_1748_9_happel_b_140.jpg Er war der erfolgreichste Wiener Kicker im Nationalsozialismus. Von Fans und Presse bejubelt, wurde Franz Binder auch von NS-Größen umgarnt. Ein Text aus der ballesterer-Serie »Fußball unterm Hakenkreuz« über eine Karriere zwischen Vereinnahmungsversuchen, Blinddarmoperationen und dem österreichischen »Opfermythos«.
Jakob Rosenberg | 12.12.2011
»Binder erwache!« Wenn es nach dem Sporttagblatt vom 4. April 1938 geht, dürften die jugendlichen Zuschauer Franz Binder beim »Versöhnungsspiel« im Wiener Stadion, das für das »Ja« bei der Volksabstimmung zum »Anschluss« Österreichs an das Deutsche Reich werben sollte, mit ein wenig Ironie angefeuert haben. Die schwache Leistung des Rapid-Stürmers im Trikot des »deutsch-österreichischen« Teams darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass später Binder zu dem österreichischen Spieler wurde, der den Wiener Fußball im Nationalsozialismus am stärksten prägte: In Bewerbsspielen traf er nach dem »Anschluss« 145-mal für Rapid, dreimal beim 4:3 gegen Schalke 04 im Finale der »Großdeutschen Meisterschaft« 1941. Nicht nur lokale NS-Politiker zeigten sich gerne mit dem Mann, der von 1938 bis 1941 dreimal in Folge erfolgreichster Torschütze in der Gauliga »Ostmark« war und im April 1939 im Tschammer-Pokal gegen Bayern München mit einem seiner charakteristischen Schüsse das Tornetz zerfetzte. Die »Wiener Schusskanone« (Kicker) wurde zum Medienstar.

Versorgt und vernachlässigt
Als der Professionalismus im Sommer 1938 offiziell abgeschafft wurde, setzten sich die NS-Größen im Wiener Rathaus für die Versorgung der Fußballer ein. Binder, der bis dahin aus St. Pölten nach Hütteldorf gependelt war, bekam im August 1938 eine Gemeindewohnung im Somogyihof in der Hütteldorfer Straße zugeteilt, aus der die jüdische Vormieterin so wie rund 2.000 jüdische Bewohner anderer Gemeindebauten gekündigt worden war. Auch beruflich kümmerte sich das Regime um seine Fußballer, Binder bekam schon im Juli eine Anstellung bei der Stadt Wien. Obwohl die Wiener NS-Verwaltung sichtlich von der Popularität der Fußballer zu profitieren hoffte, trat Binder der NSDAP nicht bei. Auch seine politischen Beurteilungen durch die Behörden fallen eher nüchtern aus. Die Fußball-Scheinamateure wurden jedoch zu beliebten Fotomotiven der Presse, so lichtete der Fußball-Sonntag Amtsgehilfe Binder beim Aktenschlichten ab. »Hier und da ist er hingekommen und hat Grüß Gott gesagt, und dann sinds auf einen Kaffee gegangen oder Billard spielen«, sagt Franz Binder junior über die Tätigkeit seines Vaters. »Wenn man sich seine Beteiligung an den Matches anschaut, was soll er da viel gearbeitet haben?« Tatsächlich bestritt Binder bis November 1941 fast alle Spiele Rapids, in der Saison 1938/39 kam er sogar auf 66 Einsätze.


Franz Binder schmückte das Cover zahlreicher Sportzeitungen, und dem erfolgreichen Fußballer wurde auch abseits des Platzes viel Aufmerksamkeit zuteil. Auch im »Altreich« wurde er zum wichtigsten Aushängeschild des Wiener Fußballs. Dennoch wurde Binder von Reichstrainer Sepp Herberger nur neunmal im deutschen Nationalteam eingesetzt. Die unterschiedlichen Spielstile auf der einen Seite das Pyramidensystem der Wiener, auf der anderen das WM-System Herbergers machten die Integration der Wiener Spieler schwierig. Herberger kontaktierte sogar Rapid-Trainer Leopold Nitsch, damit dieser mit seinen Stars Binder und Hans Pesser das Kopfballtraining intensiviert. Die lokale Presse schäumte mitunter wegen der Nichtberücksichtigung der Wiener. In seinen Aufzeichnungen notierte Herberger zu einem Artikel aus dem Wiener Blatt nach der 2:4-Niederlage gegen Schweden 1941: »Verbände fühlen sich zurückversetzt und gegenüber anderen benachteiligt.«

»Funker Binder«
Nach Kriegsbeginn im September 1939 wurden Binder und die meisten seiner Mitspieler zunächst nicht eingezogen. Erst nach einem Streit in der NS-Sportbürokratie über die auffallende »Friedenbesetzung« bei Rapid wurde Binder gemeinsam mit seinen Mannschaftskollegen Pesser und Stefan Skoumal am 5. Februar 1941 zur Wehrmacht einberufen. Die Medien widmeten dem Einrücken der Rapid-Stars viel Raum, der Kicker titelte mit »Funker Binder«. An seinen Einsätzen in der Gauliga und der »Großdeutschen Meisterschaft« änderte die Einberufung vorerst nichts: Binder konnte alle restlichen Saisonspiele bestreiten. In der Breitenseer Kaserne nahe der Pfarrwiese dienten neben den Rapidlern auch der Vienna-Spieler Karl Decker und der Boxer Josef »Joschi« Weidinger. In einem ORF-Interview 1986 erzählte Weidinger von der gemeinsamen Abteilung: »Ein Ausmarsch, eine Übung mit Tornister, Stahlhelm und Gewehr und plötzlich sagt der Binder-Lange zum Hauptmann: Herr Hauptmann, ich habe Herzschmerzen. Muss ich 20 Kilometer seinen Tornister und sein Gewehr tragen. Am Abend ist er Trainieren gegangen zu Rapid. Ich habe geglaubt, ich werde verrückt.«


Ab Herbst 1941 wurden die Fußballeinsätze Binders weniger. Nachdem das Neue Wiener Tagblatt im November von den Herzbeschwerden des Rapidlers berichtet hatte, wurde er kaum noch eingesetzt. Den Marschbefehl Richtung Osten erhielt er allerdings erst Anfang 1943 und nicht, wie oft behauptet wird, bereits 1941 als »Bestrafung« für seine Tore gegen die »Altreichsmannschaft« Schalke. Bei einem Heimaturlaub im November 1943 wurde Binder der Blinddarm entfernt. Sein Sohn sagt: »Der Primar im Hanusch-Krankenhaus war auch der Vereinsarzt von Rapid. Der hat ihm einen gesunden Blinddarm rausgenommen. Das war drei Monate Krankenstand und dann nicht mehr Russland, sondern Frankreich.« Auch Franz Binder selbst schilderte 1946 den Vorgang: »Im November 1943 kam ich nach Wien auf Urlaub, musste mich während dieser Zeit einer Blinddarmoperation unterziehen, um nicht neuerdings wieder zurück an die Front zu gehen.« Ob es sich bei Binders Operation tatsächlich um »Wehrkraftzersetzung« gehandelt hat, kann heute nicht mit Sicherheit gesagt werden. An der Westfront geriet Binder gegen Kriegsende in alliierte Gefangenschaft. Nach seiner Freilassung spielte er noch einige Wochen beim Kufsteiner Fußballverein in Tirol. Am 21. Oktober 1945 stand Binder beim 4:1-Sieg gegen Helfort erstmals wieder für Rapid am Platz, eine Woche später erzielte er gegen den FC Wien sein erstes Tor im neuen Österreich.

Gerüchte und Mythen
Unmittelbar nach der Befreiung im Mai 1945 wurde der Rapid-Vorstand »entnazifiziert«. Franz Binder wurde 1946 in den Vorstand gewählt und übernahm bald die Leitung der Fußballsektion. Rund um zwei Länderspiele im Herbst 1946 wurde in ungarischen und Schweizer Zeitungen jedoch die Behauptung aufgestellt, Binder sei SS-Offizier und gegen Kriegsende Kommandant eines Lagers für jüdische Zwangsarbeiter im ungarischen Sopronbanfalva gewesen. Dabei handelte es sich um eine Verwechslung mit einem namensgleichen NS-Täter. Selbst ÖFB-Präsident und Justizminister Josef Gerö schaltete sich in der »Affäre Binder« ein und übermittelte der ungarischen Regierung laut Sportfunk »entlastende Unterlagen«. Dennoch tauchte das Gerücht 1964, vermutlich im Rahmen der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Frankfurt gegen den echten Lagerkommandanten, erneut im Abend-Express auf. Die Zeitung musste eine Gegendarstellung veröffentlichen und Schadenersatz zahlen.


Die Karriere von Franz Binder spielt auch im »Opfermythos« der Zweiten Republik, wonach Österreich das erste Opfer der nationalsozialistischen Aggression gewesen sei, eine Rolle: Binders Tore im Finale der »Großdeutschen Meisterschaft« wurden als Akt des patriotischen Widerstands verstanden. Tatsächlich hatte der Titelgewinn für den einen oder anderen antifaschistischen Rapid-Anhänger vielleicht diese Bedeutung. Von den Nationalsozialisten wurde er aber nicht als solcher wahrgenommen. Sie waren an diesem 22. Juni 1941 damit beschäftigt, die Offensive gegen die Sowjetunion zu starten.

Buchtipp
Der Text basiert auf den Ergebnissen der im März 2011 präsentierten Studie »Grün-Weiß unterm Hakenkreuz. Der Sportklub Rapid im Nationalsozialismus« von Jakob Rosenberg und Georg Spitaler unter Mitarbeit von Domenico Jacono und Gerald Pichler. Das Buch ist im Handel und bei den Herausgebern DÖW und SK Rapid erhältlich.

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