Kein Zutritt zum Stadion der Freiheit

IRAN    Groß war die Begeisterung über die WM-Qualifikation, groß ist der Stellenwert des Fußballs im Iran. Groß sind aber auch die Steine, die weiblichen Fans im Gottesstaat in den Weg gelegt werden. Ein Bericht über Stadionverbote, Flirt-Autobahnen und bröckelnde Arenen der Männlichkeit.
Teheran ohne Kopftuch. Unbedecktes Frauenhaar kommt in der iranischen Hauptstadt selten zum Vorschein, doch was im islamischen Gottesstaat ansonsten meist nur Illusion bleibt, schaffte der Fußball im Juni 2005. Euphorisch schlugen die Wellen der Begeisterung um sich, nachdem die Nationalmannschaft gegen Bahrain den Endrundenplatz für Deutschland 2006 fixiert hatte. Die Straßen der großen Städte verwandelten sich zu Bühnen der kollektiven Begeisterung, die auch dem weiblichen Teil der iranischen Fußballfans ein Parkett boten. Unverschleiert tanzten und feierten neben den tausenden Männer auch zahlreiche Frauen vor den Augen der Sittenhüter, die für einmal ein Auge zudrückten, um eine Eskalation der Lage zu vermeiden. Denn im Iran schlägt die Fußballbegeisterung regelmäßig in politische Empörung um. Als Ventil gesellschaftlicher Wut kommt dem »beautiful game« ein höherer Stellenwert zu als in den traditionellen Fußballländern Europas.

 

»Islamischer Feminismus«

 

Es ist ein schmaler Grat, auf dem sich Frauenrechtlerinnen in Iran bewegen. Das Regelwerk, welchem sie unterworfen sind, basiert teilweise auf der 1.500 Jahre alten islamischen Geschichte. Obwohl die revolutionären Kräfte bei dem Sturz des Schahs 1979 auch auf die Unterstützung der Frauen setzten, folgte nach der Machtübernahme der Mullahs eine Rückführung zu alten Normen und Beschränkungen. Absoluter Schleierzwang, ein generelles Berufsverbot für Frauen im Justizwesen und ideologische sowie moralische Säuberungen im Bildungsbereich und im öffentlichen Leben brachten die Absichten der neuen Machthaber unverschleiert zum Vorschein. Nach wie vor schreibt das iranische Zivilgesetzbuch den Frauen eine untergeordnete Rolle in der Gesellschaft zu, auch wenn inzwischen über die Hälfte aller Studenten an den Universitäten weiblich sind und die Zahl der Ärztinnen, Ingenieurinnen und Lehrerinnen stetig zunimmt.
An vielen unterschiedlichen Fronten kämpfen Frauen im Iran für ihre elementaren Rechte, immer darauf bedacht, sich nicht zu sehr aus der tolerierten Grauzone hervorzuwagen: Sie missachten die Geschlechtertrennung in den öffentlichen Verkehrsmitteln und überschreiten bezüglich der Kleiderordnung offensiv den Rahmen des Zugelassenen, auf privaten Partys ist Alkoholkonsum keine Seltenheit. Was in Europa in musikalischen »Testosteron-Tempeln« abgehandelt wird, bietet Teherans Valiasr-Boulevard in moderaterer Form auf seiner »Flirt-Autobahn«. Während der Verkehr dahin kriecht, lächeln und zwinkern die Jugendlichen in den Autos einander zu. Schnell ist die Scheibe runter gekurbelt und ein Stück Papier mit der Telefonnummer leitet die nächste Kommunikationsphase ein.

 

Stadionverbot für ein Geschlecht

 

In den Stadien wird strenger darauf geachtet, dass sie männliche Domänen bleiben. Was auf Österreichs Fußballplätzen nur für einen minimalen Teil der Besucher gilt, müssen sich im Iran alle weiblichen Fans gefallen lassen: Haus- und Stadionverbote sollen nicht wie hierzulande auffällig gewordene Personen fernhalten, sondern die religiösen und kulturellen Normen bewahren.
Seit der islamischen Revolution ist es Frauen im Iran strikt untersagt, sportliche Wettkämpfe von Männern zu besuchen. Damit soll verhindert werden, dass das Bild der tobenden und schimpfenden Männer, Einfluss auf ihre Ehefrauen und Mütter nimmt. Bei ihren Ausbrüchen im Stadion bleiben die Männer unter sich. Auch das nackte Männerbein könnte unliebsame Folgen haben, so die Einschätzung der Mullahs.
Während die zahlreichen iranischen Fußballanhängerinnen ihre Lieblingsteams nur vor dem Fernseher bewundern dürfen, ist es Frauen anderer Nationalitäten erlaubt, ihre Mannschaft bei Gastauftritten zu unterstützen. Eine heikle Situation stellte der Auftritt Irlands im November 2001 dar. Mit den zahlreichen Supporters traten auch 70 Frauen die Reise zur entscheidenden Partie in der WM-Barrage nach Teheran an. Für die Öffnung der Stadiontore legte sich der iranische Verband seine eigene Begründung zurecht: Weil die irischen Anhängerinnen kein Farsi sprächen, würden sie die Schimpftiraden der Männer im Stadion auch nicht verstehen und wären daher auch nicht der Gefahr ausgesetzt, die »Phallus-Sprache« mitanzuhören.
Genau diese Zustände liefern aber auch den Kritikern der aktuellen Politik ihre Argumente. Sie sehen eine Verbindung zwischen der Verbannung weiblicher Fans aus den Sportpalästen und dem Sittenverfall. Beschimpfungen von Spielern und Schiedsrichtern, das Abbrennen von Pyrotechnik und die regelmäßigen Gewaltausbrüche in den Stadien seien demnach auf den fehlenden Einfluss der Frauen zurückzuführen.

 

Sturm auf die männlichen Arenen

 

Trotz der massiven Repression wollen immer mehr Iranerinnen ihre Fußball-Leidenschaft ausleben. Geschminkt und in die Farben ihres Landes gehüllt haben Frauen wiederholt das Azadi-Stadion in Teheran betreten. Dass sie dabei auf rohe männliche Gewalt stießen, konnte sie nur temporär von ihrem Vorhaben abhalten. Um das Spiel gegen Bahrain live mitzuerleben, umging auch die Frauenaktivistin Parastoo Dokuhaki mit einer Gruppe Gleichgesinnter die strengen Gesetze. Trotz gültiger Eintrittskarten kam es zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung, als die Frauen ins »Stadion der Freiheit« eintreten wollten. Eine Aktivistin wurde am Bein verletzt. »Wir schrieen: Schaut, was ihr gemacht habt! Ihr habt sie umgebracht! Die Wächter wollten keine Scherereien und haben uns doch noch rein gelassen«, beschreibt  Parastoo den Vorfall in ihrem Weblog.
Allerdings enden die Versuche, dem realitätsfernen Stadionverbot zu trotzen, bei weitem nicht immer so erfolgreich. Der iranische Regisseur Jaffar Panahi schildert in seinem bei der Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichneten Film »Offside« wie eine als Bub verkleidete junge Perserin versucht, sich Zutritt zu einem Länderspiel zu verschaffen. Die Tarnung fliegt jedoch auf und die Frau wird von Sittenwächtern aus dem Stadion geschmissen. Weiteren Konsequenzen entgeht sie nur, weil der Polizeibus in den Jubelfeiern nach dem Spiel stecken bleibt.
Von der WM-Euphorie ergriffen, scheint nun auch Präsident Mahmud Ahmadinejad die Macht des Fußballs in seinem Land erkannt zu haben. Durch seine jüngste Ankündigung, die Stadionwelt in Zukunft auch für Frauen zugänglich zu machen, brach der konservative Politiker mit dem über Jahrzehnte umstrittenen Kodex. Ein Gelehrter sprach prompt eine »Fatwa« dagegen aus und warnte, die Anwesenheit von Frauen in den Stadien könne zu »sozialen Unsittlichkeiten, wie sie aus der westlichen Welt bezeugt sind« führen. Parastoo Dokuhaki und ihre Mitstreiterinnen sind also noch lange nicht am Ziel.

Referenzen:

Heft: 22
Rubrik: Fansektor
ballesterer # 82

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

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