Keine Blutflecken am Trikot

Der Fanklub »Green Brigade« wird im Stadion von Celtic Glasgow mehr geduldet als akzeptiert. Schließlich setzt die Gruppe auf die in Schottland wenig verbreiteten Stilmittel der Ultra-Kultur. Zuletzt geriet die »Green Brigade« immer stärker unter den Druck der Behörden.
Stefan Kraft | 13.05.2013

Demonstrieren gehen die Menschen in Glasgow häufig und gerne. Etwa wenn Margaret Thatcher das Zeitliche segnet, die Stationierung nuklearer Waffen bekämpft werden soll oder die Einschnitte im Sozialsystem unerträglich werden. Doch die größte Demonstration seit dem Irak-Krieg 2003 versammelte am 6. April mehr als 4.000 Fußballfans im Zentrum Glasgows. Sie protestierten gegen rigide Gesetze und noch rigidere Behandlung durch die Behörden - bei einem Protestmarsch des Celtic-Fanklubs »Green Brigade« war es am 16. März zu Einkesselungen und Verhaftungen gekommen. Die Zusammenstöße zwischen Polizei und »Green Brigade« führten jedoch zu einer unerwarteten Solidarität in der Celtic-Gemeinde und darüber hinaus.

They just can't get enough
Dabei war die »Green Brigade« im Celtic Park unter den restlichen Besuchern nie unumstritten. Als sie sich bei der Gründung 2006 anschickte, eine Version der europäischen Ultra-Szene auf der Insel zu etablieren, stieß das auf fankulturelle Vorbehalte gegen Doppelhalter, Megafone und Choreografien. Zugleich führte die »Green Brigade« eine Tradition fort, die große Teile der Anhängerschaft Celtics verbindet, aber bei weitem nicht alle: den Bezug auf den irischen Befreiungskampf und den militanten Republikanismus. Diese Kombination aus lautstarkem und unangepasstem Verhalten im Stadion und politischer Radikalität war auch wie geschaffen dafür, eine Konfrontation mit den Behörden hervorzurufen. Wie Chris McCann, ein Vertreter der »Green Brigade«, ausführt, gab es von Beginn an Auseinandersetzungen mit dem Sicherheitspersonal. Um gegen die Auflagen zu verstoßen, reicht es schon aus, das Spiel im Stehen zu verfolgen. »Als Kompromiss haben wir uns immer dann hingesetzt, wenn die Ordner vorbeigekommen sind. Dazu haben wir »Sit down for the safety team« gesungen.«


Tony, eines der Gründungsmitglieder der »Green Brigade«, fordert Gleichbehandlung: »Der Celtic-Anhang ist sehr unterschiedlich, und wenn es Leute gibt, die das Spiel gerne in der VIP-Loge verbringen, haben sie ein Recht dazu. Wenn andere gerne mit ihren Freunden zusammenhocken und über die Arbeitswoche plaudern oder zehn Minuten zu spät kommen und schweigend dasitzen, dann sollen sie das tun. Aber wir unterstützen die Mannschaft, wie wir wollen. Wenn man sich um jeden anderen Kunden bemüht, dann auch um die, die stehen und singen wollen.«
Durch ihren lautstarken Support gewann die Gruppe im Lauf der Jahre zunehmend Sympathien. Die intonierten Lieder erfassten die Menge und wurden zu Klassikern, etwa das umfunktionierte»I Just Can't Get Enough« von Depeche Mode. 2010 erhielt die »Green Brigade« ihren eigenen Platz im Celtic Park, den Sektor 111. Nach harten Jahren des Ringens um Akzeptanz hatte sich die Ultra-Gruppe etabliert. Das bedeutete jedoch nicht das Ende der Konflikte. Ganz im Gegenteil.

Poppygate
Einerseits tat die »Green Brigade«, was Ul­tras eben tun: für Atmosphäre sorgen und mit großangelegten Aktionen auf sich aufmerksam machen. Dazu zählten 12.000 Fahnen für das schottische Cupfinale 2009 oder auch die stadionweite Choreografie im November 2012 beim Match gegen Barcelona zum 125. Geburtstag des Vereins, die ihnen neben einer Erwähnung auf der Celtic-Website auch den Dank des Geschäftsführers Peter Lawwell einbrachte. Hinzu kam jedoch eine weniger wohlgelittene politische Aktivität. »Anti-Discrimination, Anti-Racism and Anti-Fascism«, nennt Gründer Tony den größten gemeinsamen Nenner der Gruppe. Damit es nicht beim Reden bleibt, gründete die »Green Brigade« eine eigene Fußballliga gegen Diskriminierung in Glasgow. Flüchtlinge spielen darin ebenso wie Mannschaften der afrikanischen Community und Frauenteams. Die Liga soll auf die Gründung Celtics aufmerksam machen, schließlich wurde der Verein 1887 als Zeichen des Selbstbewusstseins der irischen Migranten in Schottland ins Leben gerufen.


Das republikanische Erbe prägt auch die politischen Botschaften der »Green Brigade« im Stadion: Als Celtic im Jahr 2010 einwilligte, ebenso wie andere englische und schottische Vereine das traditionelle Symbol der Mohnblume (»Poppy«) zum Gedenken an getötete britische Soldaten auf den Trikots der Spieler anzubringen, gab die »Green Brigade« eine klare Antwort. »Selbst die Teufel in der Hölle würden sich eurer Taten schämen - Irland, Irak, Afghanistan - Keine blutbefleckten Mohnblumen auf unseren Trikots«, verkündeten die Spruchbänder im Heimspiel gegen Aberdeen, unmissverständlich gegen die britische Armee gerichtet. Als »Poppygate« sorgte die Aktion landesweit für Empörung, und auch die Polizei nahm die »Green Brigade« verstärkt ins Visier.

Kriminalisierung von Fans
Die Behörden erhielten dafür ein perfektes Werkzeug: Das Gesetz mit dem Namen »Offensive Behaviour at Football and Threatening Communications (Scotland) Act«, das im März 2012 in Kraft trat, soll Fußballfans in ihrer Meinungsäußerung strikt reglementieren. Im Kern geht es darin um jegliches Verhalten, das gegenüber einer bestimmten Gruppe, die religiös, ethnisch oder anderweitig definiert ist, als beleidigend empfunden werden kann. Der Strafrahmen hierfür beträgt bis zu fünf Jahre Haft. Ein Kommentator des schottischen Herald nannte das Gesetz »überflüssig, widersprüchlich, autoritär, subjektiv, illiberal und antidemokratisch«. Und er führte weiter aus: »Es wird die Gedanken und das Verhalten kriminalisieren, die andere Gruppen als beleidigend auslegen. Nun ja, irgendjemand sollte den Parlamentariern erklären, dass das Recht, andere Leute zu beleidigen, eines der Grundrechte der Demokratie darstellt.« Würde man das Gesetz konsequent zur Anwendung bringen, wäre auch das Absingen der schottischen Nationalhymne im Fußballstadion strafbar, da dies etwa die Gefühle der Engländer verletzen könnte. Dieser Haltung schloss sich Anfang April 2013 auch ein schottischer Richter an, der einen Celtic-Fan mit Verweis auf das »furchtbar verfasste« Gesetz freisprach - der 20-Jährige hatte angeblich ein Lied über den Hungerstreik 1981 in nordirischen Gefängnissen während eines Spiels gesungen.


Die Zielgruppe der Gesetzgebung sind Fangruppen wie die »Green Brigade«, die nicht nur innerhalb des eigenen Stadions aufpassen müssen, was und wie laut sie es sagen. Der Anwendungsbereich umfasst auch die Hin- und Abfahrt zu einem Fußballspiel und erstreckt sich sogar auf Matches im Ausland - solange diese mit schottischer Beteiligung stattfinden. Seit Einführung des Gesetzes hagelte es Anzeigen gegen Mitglieder der »Green Brigade«. Unter anderem, weil sie auf einem Transparent Fans des Stadtrivalen Rangers als Zombies dargestellt hatten, was für eine Anklage ausreichend erschien. Nachdem die Polizei sie im Laufe der Saison 2012/13 mehrmals in und außerhalb des Celtic Parks attackiert hatte, entschlossen sich die Ultras zu einem Protestmarsch vor dem Heimspiel am 16. März dieses Jahres. Eine Entscheidung mit Folgen: Die »Green Brigade« wurde eingekesselt, Schlagstöcke sausten nieder und 13 Fans wurden verhaftet.


Doch es scheint, als hätten die Angriffe auf die organisierten Fans die Celtic-Gemeinde enger zusammenrücken lassen. Zum Bündnis »Fans against Criminalisation«, das zur Demonstration am 6. April aufrief, gehören auch riesige Fandachverbände wie die »Celtic Supporters Association«, die »Association of Irish Celtic Supporters Clubs« sowie der »Celtic Trust«, eine Vereinigung von Aktionären des Fußballklubs. Im schottischen Parlament finden nun neue Anhörungen statt, um das umstrittene Gesetz wieder zu Fall zu bringen. Und ein von der »Green Brigade« ausgearbeiteter Vorschlag zum »Safe Standing« im Stadion wurde von Celtic beim Verband eingebracht. Bevor dieser behandelt wird, haben die Celtic-Ultras den zweiten Meistertitel in Folge vorsorglich stehend gefeiert.

Referenzen:

Heft: 82
Rubrik: Fansektor
Verein: Celtic FC
ballesterer # 121

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