Keine Kapitulation

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Pascal Claude schreibt von wunderbaren zufälligen Begegnungen durch den Fußball, aber auch von bewusster Fehlinformation in den Medien und festgefahrenen Debatten in den Fanszenen. Seine Kurztexte sind unterhaltsam - und bringen zum Nachdenken.

 

Pascal Claude

"Viele Grüße aus dem Stadion"

(WOZ 2014) 


Jakob Rosenberg | 12.11.2014

Eigentlich wollte sich Pascal Claude nicht mehr zum Fußball äußern, jetzt hat er dennoch ein neues Buch veröffentlicht. Wie schon in "Knapp daneben" erzählt der Schweizer in seinen Kurztexten aus seinen langjährigen Erfahrungen am Fußballplatz und sinniert über aktuelle Probleme, die oft weit über den Sport hinausreichen.

Häufiges Thema sind kritische Auseinandersetzungen mit der Fankultur, die dank Claudes Autorität an Schärfe gewinnen. Es handelt sich dabei nicht um eine Abrechnung, sondern um den Versuch, den festgefahrenen Debatten eine produktive Wendung zu geben. Zum Glück hat Claude seine Ankündigung nicht wahrgemacht, denn seine pointierten Texte sind klug, nachdenklich und manchmal fast schon kitschig schön.

ballesterer: Warum wollten Sie nicht mehr über Fußball schreiben?

Pascal Claude: Ich hatte mit diesen ganzen Fan-, Polizei-, Politik- und Repressionsthemen irgendwann einen Sättigungsgrad erreicht, der mich davon abgehalten hat, mich noch dazu zu äußern. Es war ein unglaublicher Stillstand oder sogar Rückschritt zu beobachten, sodass ich mich gefragt habe: "Wozu? Es hilft eh nichts."

Ist das nicht auch ein zu hoher Anspruch? Also die Welt, durch Texte besser zu machen?

Sicher spielt da auch eine gewisse Eitelkeit hinein, aber manchmal muss ich mich wahnsinnig aufregen, und da will ich dann gegensteuern. Ich beschreibe im Buch den Fall von durch Fans verursachten Schäden an den Extrazügen. Ich konnte belegen, dass die kolportierten Zahlen nicht stimmen, sondern die Summe zehnmal geringer ist. Der Chef der Bahn hat das dann auch bestätigt - und trotzdem schreiben alle immer noch die falschen Zahlen. In solchen Fällen schwanke ich zwischen Kapitulation und einer narzisstischen Kränkung.

In vielen Texten schwingt eine gewisse Traurigkeit mit. Sind Sie wehmütiger geworden?

Ich beobachte, dass ich mich örtlich in untere Ligen zurückziehe, ich gehe nur noch selten zu Super-League-Spielen, die Champions League interessiert mich kaum mehr. Es ist ein bisschen ein Rückzug in eine vermeintlich heile Welt. Im höchstklassigen Fußball ist alles sehr normiert - im Vereinsfußball, aber auch in den Kurven. Das ist aber auch alles ambivalent: In einem Moment fühle ich mich abgestoßen, dann wieder hingezogen.

Worin besteht für Sie die Anziehungskraft?

Für mich war der Fußball immer ein Tor zu neuen Welten. Er hat meine Neugier bedient, ich habe unglaublich viele Leute kennengelernt, ich bin an Orte gekommen, an die ich nie gekommen wäre. Ich werde nie verstehen, wie man mit dem erklärten Ziel zum Fußball gehen kann, mit dem Gegenüber nichts zu tun zu haben. Es ist verboten, sich mit jemandem anzufreunden, der in der anderen Kurve steht. Viele vergeben sich da eine sehr große Chance.

Referenzen:

Heft: 97
Thema: Schweiz
ballesterer # 120

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