Kicken mit den Katholiken

NORDIRLAND  Dietrich Schulze-Marmeling lebte jahrelang als Publizist und Konfliktforscher in Nordirland. Mittlerweile ist er einer der aktivsten und bekanntesten Autoren von Fußballbüchern im deutschsprachigen Raum. Für den ballestererfm hat er noch einmal die Geschichte des nordirischen Fußballs von den Anfängen bis zu den Konflikten der Gegenwart aufgeschrieben.


Am 18. November 1880 wurde im Belfaster Queen's Hotel die Irish Football Association (IFA) aus der Taufe gehoben, die bis zur irischen Teilung 1921 und Gründung eines südirischen Verbandes den Fußball auf der gesamten Insel repräsentierte. Belfast, das mit Glasgow und Liverpool ein »industrielles Dreieck« bildete, avancierte zur Wiege des irischen Fußballs. 1879 wurde im Norden der Stadt mit dem Cliftonville FC der erste irische Fußballklub gegründet. 1882 entstand im Osten der Glentoran FC, benannt nach dem Anwesen seines ersten Präsidenten Victor Coates, dem Besitzer einer Eisengießerei. 1886 wurde im Süden der Linfield FC ins Leben gerufen, auf Initiative von Arbeitern der Ulster Spinning Company in Sandy Row. Cliftonville, Glentoran und Linfield waren protestantische Adressen, aber das Spiel fand auch unter Belfasts Katholiken großen Anklang trotz der Konkurrenz durch die »katholisch-nationalistischen« Gaelic Games, die die Soccer-Variante des Fußballs als Spiel der verhassten englischen Kolonialherren ablehnten. Fußball war ein urbaner Sport und als solcher ein Zeitvertreib protestantischer wie katholischer Arbeiter. 1891 wurde schließlich an der Falls Road im Westen Belfasts der Klub Celtic gegründet. In Belfast etablierte sich also eine Klublandschaft, die der politischen und konfessionellen Segregation in der Stadt entsprach. 

 

Linfield und Celtic


In den folgenden 60 Jahren lieferten sich der »protestantische« Linfield FC und das »katholische« Belfast Celtic einen erbitterten Kampf um die Vorherrschaft im Belfaster und nordirischen Fußball. Beide Klubs rückten durch den Bau neuer Spielstätten räumlich eng aneinander. 1897 öffnete der Celtic Park seine Tore, 1905 bezog Linfield den Windsor Park. Die beiden Stadien trennten nur wenige hundert Meter Luftlinie. Linfield unterhielt enge Beziehungen zu den Glasgow Rangers und spielte wie diese in den britischen Farben Blau-Weiß-Rot. Celtics Gründung erfolgte nach dem Vorbild des großen Glasgower Namensvetters, der seinerseits 1888 von irisch-katholischen Immigranten in der schottischen Industriemetropole konstituiert worden war.

Fußball entwickelte sich zum Zuschauersport Nummer eins in Belfast, wobei Linfield und Celtic die größten Massen mobilisierten. Schon vor dem Ersten Weltkrieg kamen 15.000 bis 20.000 Zuschauer zum Irish-Cup-Finale. Aber die Rivalität zwischen Linfield und Celtic wurde von Beginn an auch von sektiererischen Ausschreitungen begleitet. Das Belfaster Derby wurde zu einer irischen Kleinausgabe von Glasgows »Old Firm«. Der schwerste Zwischenfall ereignete sich im September 1912, als beim Spiel Linfields gegen Celtic im Windsor Park Schüsse fielen und mehr als 50 Zuschauer ins Krankenhaus eingeliefert wurden. 

1949 verabschiedete sich Celtic aus dem nordirischen Fußball. Vorausgegangen war die »Jimmy-Jones-Affäre« am Boxing Day 1948, als Celtic beim Linfield FC antreten musste. 25.000 Zuschauer waren in den Windsor Park gekommen, eine für den heutigen irischen Ligafußball unvorstellbare Menge. Die Begegnung wurde von beiden Seiten mit äußerster Härte geführt. Nach einem Zusammenprall mit Celtics (protestantischem) Torjäger Jimmy Jones musste Linfields Bryson vom Platz getragen werden. Die ohnehin angespannte Stimmung wurde weiter aufgeheizt, als die Zuschauer über die Lautsprecheranlage des Windsor Park erfuhren, dass sich der Linfield-Spieler ein Bein gebrochen hätte. Nach dem Schlusspfiff das Spiel endete unentschieden wurden die Celtic-Spieler tätlich angegriffen. Dabei hatte es der Linfield-Anhang vor allem auf Jimmy Jones abgesehen. Jones wurde über ein Geländer auf die Stehränge gestoßen, wo man ihn übel zurichtete. Sein Bein wurde gebrochen, und es dauerte einige Zeit, bis er seine Karriere fortsetzen konnte.

Nach langen Diskussionen entschied Celtics Vereinsführung, dass Spielern und Fans ein weiterer Aufenthalt in der Irish League nicht zuzumuten sei. Eine komplette Mannschaft wurde auf die Transferliste gesetzt, und für Belfast Celtic wurde der Crusaders FC in die Irish League aufgenommen, ein Klub aus einem protestantischen Arbeiterviertel im Norden Belfasts. Mit dem Rückzug von Belfast Celtic und dem Ende der Konkurrenz zwischen Linfield und dem katholischen Verein verlor die Liga an Niveau und Zuschauern. Bis zur Saison 2006/07 blieb der fußballbegeisterte Westen Belfasts, das größte urbane Siedlungsgebiet nordirischer Katholiken aus der Irish League (heute Irish Premier League) ausgeschlossen. Dies änderte sich erst mit dem Ende des Bürgerkriegs und dem Aufstieg von Donegal Celtic. Der erst 1970 gegründete Klub spielt wie Glasgow Celtic und Belfast Celtic in grün-weißen »Hoops« (Querstreifen). Aufgrund seiner geografischen Heimat, der damit verbundenen Sicherheitsprobleme und der proprotestantischen Politik der IFA sah sich Donegal Celtic lange Zeit de facto mit einem »Aufstiegsverbot« konfrontiert. 

 

Die Nationalmannschaft und Windsor Park


Nordirlands Nationalmannschaft hatte ihre große Zeit bei internationalen Turnieren in den 80er Jahren. Bei der WM 1982 sorgte das Team von Manager Billy Bingham für Schlagzeilen, als man den Gastgeber Spanien mit 1:0 besiegte und die zweite Finalrunde erreichte. 

1984 gewann Nordirland die letzte Britische Meisterschaft, und für die WM 1986 in Mexiko schaffte man erneut die Qualifikation. Eine Reihe von Leistungsträgern des Teams von 198286, bis heute die erfolgreichste Auswahl in der Geschichte des weltweit viertältesten Nationalverbandes, waren Katholiken. So unter anderen Keeper und Rekordnationalspieler Pat Jennings, Gerry Armstrong, Schütze des goldenen Tores gegen Spanien, Mal Donaghy, später für Manchester United am Ball, und der aus einer republikanischen Familie stammende Martin ONeill, Absolvent der Belfaster katholischen Eliteschule St. Malachy und ehemaliger Gaelic-Football-Spieler. ONeill, heute Manager des englischen Premier League-Klubs Aston Villa, war der erste Katholik, dem die Kapitänsbinde übertragen wurde, weshalb er sich heftiger Anfeindungen protestantischer bzw. loyalistischer Fans ausgesetzt sah. Doch Manager Billy Bingham, selbst Protestant und aus einem protestantischen Arbeiterviertel im Belfaster Osten stammend, stärkte ihm den Rücken.

Das Team von 1986 genoss auch bei Nordirlands Katholiken Sympathien, allerdings bei weitem nicht im gleichen Maße wie bei den Protestanten. Auch galten diese Sympathien häufiger einzelnen (katholischen) Spielern. Im Stadion der Nationalelf, dem Windsor Park, waren Katholiken schon damals eine kleine Minderheit, allein schon aufgrund seiner Lage in einem militant loyalistischen Viertel. Katholiken scheuten protestantische Gebiete. Zumal, wenn wie im Falle der Straßen um den Windsor Park die loyalistischen Paramilitärs den Ton angaben. Nach der WM 1986 waren Katholiken im Windsor Park überhaupt nicht mehr zu sehen. Auf den Rängen gerieten Länderspiele zu exklusiv protestantischen Versammlungen und Kundgebungen des militanten Loyalismus. Auch (tatsächliche und potenzielle) katholische Nationalspieler mieden mehr und mehr diesen Ort. Mit der IFA-Auswahl ging es sportlich bergab.

Seit dem Ausbruch des Nordirlandkonflikts (1967/68) mussten die Protestanten »ihren« Staat, der ursprünglich als »Protestant State for Protestant People« gegründet worden war, mehr und mehr mit den Katholiken teilen, bis er seinen exklusiv-protestantischen Charakter weitgehend eingebüßt hatte. Die katholische Bevölkerung befand sich demographisch, sozial und politisch auf dem Vormarsch. Vor diesem Hintergrund gerieten die nordirische Nationalmannschaft und der Windsor Park zu letzten Bastionen des traditionellen Protestantismus bzw. Loyalismus. Es war der letzte Ort, wo die alten Verhältnisse noch funktionierten und Protestanten noch unter sich waren; und die IFA-Auswahl die letzte Institution, die von einer strikt separaten Existenz Nordirlands kündete. Die Straßen um das Stadion »schmückten« paramilitärische Wandbilder und antikatholische Graffiti, die katholischen Besuchern bedeuten sollten, dass sie sich in einer protestantischen »no go area« befanden. Im Stadion selbst wurden antikatholische Gesänge intoniert und katholische Akteure mit Schmähungen bedacht; insbesondere dann, wenn diese wie der aus dem Westen Belfasts stammende Anton Rogan Ende der 80er Jahre und später Neil Lennon für Celtic Glasgow spielten. 

 

Der Fall Lennon und seine Folgen


Vor allem der Fall Lennon rückte die Problematik des Standorts ins internationale Rampenlicht. Im Februar 2001 bestritt Lennon im Windsor Park gegen Norwegen sein erstes Länderspiel nach seinem Wechsel von Leicester City zu Celtic Glasgow. Bereits beim Einlaufen prasselten von den Rängen antikatholische Schmähungen auf Lennon nieder. Zur Halbzeit nahm Trainer Sammy McIlroy Lennon aus dem Spiel, angeblich in Absprache mit dessen Vereinstrainer Martin ONeill, was allerdings nicht den Tatsachen entsprach. Nach Lennons Auffassung hatte McIlroy vor den Fans kapituliert. Im August 2002 erhielt Lennon vor dem Länderspiel gegen Zypern, bei dem er das nordirische Team als Kapitän auf den Rasen des Windsor Park führen sollte, eine Morddrohung loyalistischer Paramilitärs. Lennon verzichtete auf einen Einsatz und erklärte seinen Rücktritt aus der IFA-Auswahl.

Der Fall Lennon ging durch die Weltpresse. Nicht nur das Publikum im Windsor Park, sondern auch die IFA und die nordirische Nationalmannschaft standen am Pranger, zumal es nach Lennons Rückzug mit dem Team weiter dramatisch bergabging. Vom Oktober 2002 bis März 2004 blieb Nordirland ohne Torerfolg und fiel in der FIFA-Rangliste auf den 124. Rang zurück. Das Sektierertum behinderte die sportliche Entwicklung, indem es das durch die geringe Bevölkerung Nordirlands ohnehin begrenzte Reservoir, aus dem der Verband seine Auswahlteams rekrutieren konnte, weiter reduzierte.

Seit Ende der 80er Jahre hatte das fußballerische Kräfteverhältnis zwischen Nord und Süd eine dramatische Veränderung erfahren. 1988 konnte sich die Nationalmannschaft der Republik Irland mit der EM-Teilnahme erstmals für ein großes internationales Turnier qualifizieren. Bis dahin war die Auswahl der Football Association of Ireland (FAI) vom internationalen Publikum kaum wahrgenommen worden. 1990 folgte das WM-Debüt der Republik. Auch bei den WM-Turnieren 1994 und 2002 wurde Irland durch die FAI-Auswahl vertreten. Der Aufstieg der Republik hatte zur Folge, dass Nordirlands Katholiken nun über eine Alternative zur Unterstützung der IFA-Auswahl verfügten, mit der sie zugleich ihre nationalistischen Aspirationen verbinden konnten. Und da Nordirlands Bürger eine Option auf den südirischen Pass besaßen, konnten sich junge katholische Talente, die sich im Milieu der IFA-Auswahl nicht heimisch fühlten, der FAI anbieten. Da die FAI-Auswahl erfolgreicher war, hatte dies auch sportlich seinen Reiz.

Die Abwendung der nordirischen Katholiken vom heimischen Fußball geriet somit für die IFA zu einem echten Problem und der Kampf gegen das Sektierertum zur sportlichen und wirtschaftlichen Notwendigkeit. Die IFA startete Kampagnen wie »Football For All« und »Give Sectarianism the Boot«, die den nordirischen Fußball für die katholische Community öffnen und ihm ein zeitgemäßeres Antlitz verleihen sollten. Des Weiteren bemühte man sich um eine »familienfreundlichere« Atmosphäre im Windsor Park. Auch viele protestantische Mittelschichtler fühlen sich vom Sektierertum auf den Rängen abgestoßen. Neue Zuschauerschichten ließen sich in dieser Atmosphäre nicht erschließen. So wurde binnen weniger Jahre aus einem ehemals des antikatholischen Sektierertums bezichtigten Verband eine Speerspitze im Kampf um ein stärkeres Miteinander in der nordirischen Gesellschaft.

 

Drei Ballspiele, ein Stadion?


Im Zuge derartiger Bemühungen wurde zwangsläufig auch der Windsor Park als Spielstätte der IFA-Auswahl zur Disposition gestellt. 2004 ging die britische Regierung mit der Idee der Errichtung eines neuen multifunktionalen »Nationalstadions« an die Öffentlichkeit. Unter »multifunktional« war zu verstehen, dass das Stadion als gemeinsame Heimstätte für Soccer, Rugby und die Gaelic Games gedacht war.

Für eine gemeinsame Nutzung durch IFA, Gaelic Athletic Association (GAA) und Irish Rugby Football Union (IRFU) sprachen allein schon wirtschaftliche Erwägungen. Auch die neue Dubliner Lansdowne Road hat mit IRFU und FAI zwei Hausherren, aber in Nordirland erhält das Projekt vor dem Hintergrund des politischen und kulturellen Konflikts und der bislang höchst unterschiedlichen politischen bzw. konfessionellen Orientierung und Verankerung von IFA und GAA einen nahezu revolutionären Charakter. Das Stadionprojekt gerät so zum Symbol für ein »neues Nordirland«, in dem die sektiererische Spaltung der Gesellschaft der Vergangenheit angehört und die Communities einander die Hände reichen.

Unterstrichen wird dies durch den geplanten Standort: Da es in Belfast bedingt durch seine sektiererische Geographie nur wenige potenzielle Standorte gibt, die für Katholiken wie Protestanten akzeptabel wären, soll die neue Arena außerhalb Belfasts auf dem Gelände des nach der Freilassung aller paramilitärischen Gefangenen geschlossenen Maze Prison entstehen. Hiergegen erhebt sich insbesondere aus Kreisen der Fans der IFA-Auswahl heftiger Widerspruch. Ein Einwand lautet, dass mit dem Auszug aus der Stadt und auf ein freies Feld die Bindung mit der Community verloren gehen würde. Diese Auffassung können wohl Fußballfans in aller Welt unterschreiben. Hinzu kommen politische Bedenken. Mit dem Maze-Gefängnis wird vor allem der Hungerstreik republikanischer Gefangener aus dem Jahre 1981 assoziiert, bei dem zehn Gefangene der IRA und INLA den Hungertod starben; darunter der IRA-Kommandant Bobby Sands, der zuvor ins britische Unterhaus gewählt worden war. Für Nordirlands Republikaner sind die Hungerstreiker Ikonen des Widerstands.

Auf dem Gelände des Maze Prison ist nicht nur eine Sportarena vorgesehen. Im ehemaligen Gefängniskrankenhaus, in dem Sands und seine Mitstreiter starben, soll ein »Internationales Zentrum für Konfliktforschung« eingerichtet werden. Für viele protestantische Fans erhält das Stadionprojekt dadurch eine »republikanische Schlagseite«. Der Standort könnte als nachträgliche Legitimierung des »bewaffneten Kampfes« der IRA interpretiert werden.

Doch die beiden stärksten politischen Parteien Nordirlands, die republikanische Sinn Féin und die loyalistische DUP, sprechen sich für das neue Stadion mit Standort Maze aus. Und auch IFA, GAA und IRFU haben mittlerweile ihre Zustimmung zum neuen Stadion für das neue Nordirland bekundet.

Referenzen:

Heft: 33
ballesterer # 121

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