„Klinsmann ist ein Waschmittelverkäufer“

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Zu laut, zu schematisch und zu präsent – kaum ein gutes Haar lässt der deutsche Schriftsteller Jürgen Roth am großen Fußball. Anlass zu einem milderen Urteil geben allenfalls Thomas Müller und die Tatsache, dass beim Fußball noch Bier getrunken werden kann.

Nicole Selmer | 10.05.2016

Jürgen Roth ist Autor von rund 50 Büchern, ein Dutzend davon beschäftigt sich mit Fußball. Den Anfang machte 1995 „So werde ich Heribert Faßbender“, eine satirische Auseinandersetzung mit der Reportersprache. Sprache, Fußball und Bier – das sind drei Themen, um die das schriftstellerische Schaffen des Frankfurters kreist. Bei einem davon hat sich bei Roth mittlerweile jedoch ein Gefühl des Überdrusses eingestellt. „Ich bin in einer Weise übersättigt von diesem Sport, dass ich ihn nur noch am Rande wahrnehme“, sagt er gleich zu Beginn des Interviews.

 

ballesterer: Sie schreiben Bücher über Fußball, aber ins Stadion gehen Sie nach eigener Aussage nicht. Warum?

Jürgen Roth: Manchmal bin ich beim FSV Frankfurt, einem Verein, den kein Mensch kennt und der jetzt vielleicht auch in die dritte Liga absteigt. Der FSV ist sympathisch aus dem einfachen Grund, dass er kein Geld hat. Das Stadion ist angenehm altmodisch, die Fans sind überwiegend geerdet, das Bier bezahlt man in bar, das ist alles sehr wohltuend. Vor einiger Zeit hat mich Stefan Erhardt vom Tödlichen Pass in die sogenannte Commerzbank-Arena in Frankfurt mitgenommen. Der im Gegensatz zur früheren Bezeichnung, Waldstadion, scheußliche Name wäre allein schon Grund genug gewesen, das nicht zu tun. Ich habe ein nostalgisches Verhältnis zum Fußball, zu den alten Betonschüsseln, den sozialdemokratischen Zweckbauten, in denen man sich richtig in die Sache hineingekniet hat. Heute ist das eher ein unverfänglicher Samstagnachmittagsausflug für die Familie. Und wenn ich mir Bier und Bratwurst nur mit einer Bezahlkarte kaufen kann, ist das einfach eine Unverschämtheit. Am großen Fußball stört mich auch schon diese architektonische Geste – diese großen Tempel, die aufschneiderisch in die Gegend geknallt werden.

 

Bei der EM ist der Fußball ja noch größer. Wie werden Sie das Turnier verfolgen?

Mit distanziertem Interesse. Vor zehn Jahren hat sich bei mir vor solchen Großereignissen noch eine kindliche Freude aufgebaut, da habe ich mir Sonderhefte besorgt und sie studiert wie früher den Kicker. Aber das ist vorbei. Es gibt einfach zu viel Fußball, wie es ja von allem zu viel gibt, zu viel Kunst, zu viele Meinungen. Das ist Überdruss, nicht nur wegen der Quantität, sondern auch wegen der Protagonisten und der Art, wie der geldschaufelnde Fußball organisiert ist. Bayern-Vorstand Karl-Heinz Rummenigge hat einmal gesagt, Menschen kämen nicht wegen der Pinakothek nach München, sondern wegen des FC Bayern. Darin drückt sich ja alles aus, man hält sich mittlerweile für kulturmaßstabsetzend.

 

Vor 20 Jahren war es ja eine wichtige Veränderung der Sicht auf den Fußball, ihn als Teil der Kultur zu betrachten. Das passt Ihnen nicht?

Ja, ich habe in dieser Zeit auch angefangen, über Fußball zu schreiben und mich schon damals darüber mokiert. Die Allzuständigkeit, die man dem Fußball zugeschrieben hat, ist schlichtweg an den Haaren herbeigezogen. Die Alltäglichkeit, in der er so präsent geworden ist, ist furchtbar. Ich kann kaum noch in meine Stammkneipe gehen, ohne dass dort Fußball läuft. Und in der Sommerpause wissen die Leute nicht mehr, was sie ohne Fußball tun sollen.

 

Wie stehen Sie zum deutschen Nationalteam, das ja immerhin heute schöner spielt als vor 20 Jahren?

Spielerisch hat sich der Fußball unglaublich entwickelt. Das ist ein Verdienst von Jogi Löw, nicht von Jürgen Klinsmann. Der ist ein Waschmittelverkäufer, kein Fußballtrainer. Diese Verbesserung ist zu begrüßen, genauso Spieler wie Mesut Özil und Thomas Müller, wobei man sich Müller auch in den 1970er Jahren vorstellen könnte. Aber diese Tendenz zur Verwissenschaftlichung und Überformalisierung des Spiels ist ja nicht von der Hand zu weisen.

 

Was meinen Sie damit?

Ich habe mir mit einem Freund das Länderspiel Deutschland gegen Italien angeschaut und war entschlossen, nicht zu meckern. Aber mein Freund, der ausgesprochen fußballbegeistert ist, hat dann sehr schnell gesagt: „Ich kann das nicht mehr sehen, die Siele sind alle vom Reißbrett.“ Und ich musste ihm zustimmen. Den in der Gesellschaft so weit verbreiteten Gedanken der Selbstoptimierung finden Sie auch im Fußball, er bildet sich im Spiel und in den Spielern ab. Es hat eine Schematisierung stattgefunden, in der der Zufall verloren geht. Spiele geraten nur noch selten aus den Fugen und werden dadurch aufregend, 95 Prozent der Topspiele sind in ihrer Kunstfertigkeit vollkommen mechanisiert. Eine Ausnahme im Nationalteam ist vielleicht noch Mario Gomez, der mitunter hölzern wirkt.

 

Ist er eine Erinnerung an vergangene Tage?

Ja. Früher hat es ganz verschiedene Laufstile gegeben, ich könnte heute noch Uli Stielike, Felix Magath und Pierre Littbarski erkennen, die hatten eine läuferischere Identität. Inzwischen ist es viel normierter, das mag an irgendwelchen Gummitwistübungen und dem Koordinationstraining liegen. Vielleicht ist die Feinmotorik so gut trainiert, dass individuelle Merkmale und Ungelenkigkeiten nivelliert werden. Das Rabaukenhaft-Proletarische und Eigensinnige ist den Spielern systematisch ausgetrieben worden. Sie sind besser gebildet oder zumindest ausgebildet, rhetorisch gewandter, geschliffen, aber eben auch abgeschliffen.

 

Ist das nicht die klassische kulturpessimistische Klage, dass früher alles besser war?

Man läuft immer Gefahr, so zu klingen, aber ich versuche es ja zu begründen. Das Früher war nicht in jeder Hinsicht besser und nicht, weil es früher war, sondern weil es gelassenere Zeiten waren – mit mehr Leerlauf und mehr Muße. Der Fußball war so etwas wie ein kleiner Festtag, eine Kerbe, die man in die Zeit geschlagen hat. Heute ist er stetiger Begleiter, ständiges Hintergrundgeräusch.

 

Trost bietet da ein weiteres Ihrer Buchthemen: Bier. Das offizielle Bier der EM ist Carlsberg. Was lässt sich darüber sagen?

Es wird Bier genannt, es ist untrinkbar.

 

Warum ist Bier überhaupt das Fußballgetränk schlechthin?

Das sind noch Restbestände, die den Fußball mit einer bestimmten Klasse verbinden. Die Beiläufigkeit, das Unspektakuläre dieses Getränks passt zum Fußball. Bier ist ein Rauschmittel, das man gut kontrollieren kann, es kann zu einem Granatenrausch führen, einer eher stillen Beseligung oder einer milden Form von Melancholie. Das bildet die Gefühlswelt eines Fußballfans sehr gut ab. Schnaps ist ein reiner Aufputscher, Wein ein Tafelgetränk, aber Bier kann man auch im Stehen, im Regen und im Matsch trinken. Dass beim Fußball noch Bier getrunken werden kann, halte ich ihm zugute.

 

Noch?

Ja, die Ernüchterung der Gesellschaft zeichnet sich ab. Vielleicht kommt es dann ja auch zu einem Aufstand, es hat in der Geschichte viele Bierrevolten gegeben, wenn das Bier nicht mehr als selbstverständliches Mittel der Entspannung und des Rausches zu Verfügung gestanden ist. Bier erinnert in seiner Schlichtheit daran, dass im Leben noch andere Dinge zählen als Leistungswahn und Ellbogengesinnung.

 

Zur Person

Jürgen Roth (48) lebt als freier Autor in Frankfurt am Main. Er schreibt über ein breites Themenspektrum. Zu seinen jüngsten Veröffentlichungen gehören „Die Poesie des Biers“, „Nur noch Fußball“ sowie der gemeinsam mit Stefan Gärtner verfasste Band „Benehmt euch“.

Referenzen:

Heft: 112
Thema: EM 2016
Verein: Deutschland
ballesterer # 121

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