Koa Revolution

cache/images/article_1683_img_9619_140.jpg Umsturzgefahr bei Transferpolitik, Vorstandswahlen und Kartenpreisen: Die Proteste aus den Fanszenen ließen in der vergangenen Saison Medien und Vereinsverantwortliche der deutschen Bundesliga heiß laufen. Nicht nur beim FC Bayern fordern Fans ihr Recht auf Mitbestimmung ein.
Nicole Selmer | 11.08.2011
»Wir müssen auf die organisierten Fans aufpassen, die einen immer größeren Einfluss auf die Vereinspolitik nehmen wollen«, sagte VfL-Wolfsburg-Trainermanager Felix Magath Anfang April, wenige Wochen nach seiner Entlassung beim FC Schalke 04. Magath gilt nicht als großer Kenner und Versteher der Fanszenen seiner Vereine. Den Hintergrund der vermuteten Einflussnahme von Fans auf die Vereinspolitik bildeten die Proteste der Münchner Ultras der »Schickeria« gegen die Verpflichtung von Tormann Manuel Neuer und die Unterstützung des Stadtrivalen 1860 München durch den FC Bayern. Aber auch Magaths eigene Demission bei Schalke wurde in der Presse als »Kniefall« vor den Fans bezeichnet, und beim Hamburger Sport-Verein galt die mitgliederstarke Vereinsabteilung des »Supporters Club« als Strippenzieher hinter der Entmachtung von Vorstandschef Bernd Hoffmann.


Die neue Macht der Kurve war in der vergangenen Saison der deutschen Bundesliga ein großes Thema, das perfekt zum Zeitgeist passte: Schließlich demonstrierte in Stuttgart schwäbisches Gutbürgertum allwöchentlich gegen das Bauprojekt eines unterirdischen Bahnhofs und wählte eine neue, grün-rote Landesregierung; im ganzen Land formierte sich eine schlagkräftige neue Anti-AKW-Bewegung, und der Atomausstieg wurde eingeleitet. Von den »Wutbürgern« zu den »Wutfans« ist es nur ein kurzer gedanklicher Schritt.


Da spielt es fast keine Rolle, dass Manuel Neuer längst verpflichtet ist, Magaths Entlassung nur eine Frage der Zeit war und die Hamburger Vereinsverantwortlichen sich zuallererst selbst demontierten. Unerheblich scheint auch zu sein, dass die Forderung von Fans nach Mitsprache alles andere als neu ist der Schlachtruf »Reclaim the Game« erklang in England bereits mit der Einführung der Premier League 1992 und erreichte auch bald die deutsche Fanszene. Wie weit also reicht die »neue Macht« der Kurve tatsächlich? Simon Müller von der »Schickeria« konstatiert zumindest ein gestiegenes Selbstbewusstsein und eine größere Reichweite: »Fans können ihre Interessen zunehmend erfolgreich öffentlichkeitswirksam artikulieren. Das Bewusstsein dafür und der Organisationsgrad der Fankurven wächst, auch dank der technischen Möglichkeiten im Internet.«

Mächtig irrational
Doch in den Medien wird ein widersprüchliches Bild von den Protesten der Fans gezeichnet: Sie würden längst überkommenen Werten anhängen, die in der Welt des modernen, globalisierten Fußballs keinen Platz mehr hätten, aber von ihnen verteidigt würden, »als wären sie Recken im Mittelalter, die die Stadtmauer sichern müssen«, wie die Süddeutsche Zeitung schrieb. Die Wut über Niederlagen und mangelnden Einsatz wird als narzisstische Kränkung gedeutet, die in Aktionen wie Platzstürmen oder Busblockaden ihren Ausdruck findet. Hinter Forderungen nach Mitbestimmung und deren Durchsetzung mit demokratischen Mitteln werden »machtbewusste« und »einflussreiche« Gruppen ausgemacht, die die Massen lenken. Aber so unverständlich, lächerlich und mitunter pathologisch Fanverhalten auch dargestellt wird um die millionenschweren Vereine, Aktien- und Kapitalgesellschaften der deutschen Bundesliga in die Knie zu zwingen, reicht es allemal. Zu den medialen Fanfantasien gehört die Vorstellung einer Macht, die Trainer entlassen, Vorstände durcheinanderwirbeln und Kader diktieren kann.


An der Basis betrachtet man das weitaus nüchterner. Philipp Markhardt, HSV-Fan und Sprecher der bundesweiten Initiative »ProFans«, sagt: »Bei Trainerentlassungen beugt sich der Verein dem öffentlichen Druck, aber doch nicht den 400 Leuten, die vor der Geschäftsstelle demonstrieren.« Auch Simon Müller von der »Schickeria« sieht die »neue Macht« der Kurve deutlich bescheidener als die Presse: »Die Macht besteht darin, dass wir unserer Stimme und unseren Argumenten Gehör verschaffen können, auch wenn das nicht auf Augenhöhe geschieht.« Hinter dem abwertenden und zugleich überhöhenden Blick auf Fans stehen demnach vor allem Unverständnis und Angst: »Die Kurve ist für die Vereine immer noch das, was sie nicht verstehen, was sie nicht unter Kontrolle kriegen und nicht bändigen können«, sagt Markhardt.

Die »Herzblutnummer«
Dass es für Außenstehende nicht immer leicht verständlich ist, was die aktiven Fans bewegt, zeigt das Beispiel Manuel Neuer. Da soll der derzeit beste deutsche Tormann zu ihrem Verein wechseln, doch die Fans wollen nicht ihn, sondern lieber die junge Nachwuchskraft. Ein Wunsch nach »lokaler Identifikation« sei das, erklärt Sportphilosoph Gunter Gebauer den Lesern der FAZ das unverständliche Verhalten und verortet die Bayern-Fans »mit einem Fuß im 19. Jahrhundert«. Tatsächlich funktioniert die Ablehnung Neuers jedoch nach den Regeln einer Fankultur, die erst mit dem »modernen Fußball« groß geworden ist: Der aus Gelsenkirchen stammende Tormann hat seine Nähe zur Schalker Ultra-Szene selbst häufig betont, die wiederum pflegt eine Fanfreundschaft mit den Nürnberger Erzrivalen der Bayern.


Ein Tormann kann seinen Arbeitsplatz wechseln, aber Ultra bleibt Ultra. Genau das verraten zu haben ist der Vorwurf an Neuer. Simon Müller sagt: »Neuer hat sich als jemand präsentiert, der eine für Profis alles andere als übliche Identifikation mit seinem Verein Schalke 04 hat und Interesse an Fankultur zeigt. Mit seinem Wechsel hat er das mit Füßen getreten.« Eine Logik, die sich angesichts von Freizügigkeit und Leistungsorientierung des Profifußballs nur schwer erschließt. Warum soll der Beste, egal woher, nicht das Beste für den Verein sein? »Klar, ich kanns nachvollziehen aus Ultra-Sicht«, sagt HSV-Fan Markhardt. »Die fühlen sich verarscht, wenn da einer von den Ultras Gelsenkirchen im Tor steht. Genauso, wie sich UGE verarscht fühlt, wenn einer von ihnen zu Bayern München geht. Aber für den normalen Menschen ist das nicht nachvollziehbar, der kann sich nicht in den Fanatismus der Kurve hineinversetzen, in diese ganze Herzblutnummer.«  

Schiefe Kommunikation
Den Schalker Ultra im Münchner Tor konnten die Proteste nicht verhindern. Aber sie sorgten für viel Aufregung bei der Vereinsführung. So viel Aufregung, dass Anfang Juli ein Runder Tisch, moderiert von einem Konfliktberater, stattfand. Ausgestanden waren die Konflikte deswegen noch nicht. Wenige Tage darauf tauchte bei einem Testspiel des FC Bayern ein neues Transparent mit den alten Vorbehalten gegen Neuer auf: »Du kannst auch noch so viele Bälle parieren, wir werden dich in unserem Trikot nie akzeptieren«, hieß es dort. Unverständlich für die Bayern-Führung, die umgehend mit Stadionverboten drohte, schließlich hätte das Treffen mit »einer repräsentativen Gruppe von Fanvertretern« genau diesen Aktionen ein Ende bereiten sollen. Doch für das Spruchband verantwortlich zeichnete die Gruppe »Inferno Bavaria«, die nicht am Runden Tisch gesessen war.


Die »Schickeria« hat auf ihrer Website in mehreren Texten ihre Haltung dargelegt; auch die aktuell letzte Wende des Konflikts ist dort nachzulesen: Bei einem Treffen zwischen Manuel Neuer und verschiedenen Fangruppen dieses Mal inklusive »Inferno Bavaria« habe man dem Tormann die Ultra-Sicht der Dinge dar- und bestimmte »Verhaltensregeln« nahegelegt, unter anderem eine »respektvolle Distanz« zur Kurve und den Symbolen des Vereins. Es liegt eine gewisse Ironie darin, dass Neuer diese aus der Ultra-Logik abgeleiteten Grundsätze vermutlich besser versteht als so mancher »normale« Zuschauer auf der Haupttribüne. Simon Müllers Fazit der Kommunikationspolitik fällt dennoch selbstkritisch aus: »Ich fürchte, dass nur wenige unsere Argumentation in ihrer ganzen Tiefe verstanden haben. Für uns heißt das, dass wir unsere Anliegen in Zukunft noch präziser formulieren müssen.« Das mag naiv klingen, zeigt aber, dass die »Schickeria« eine alles andere als klandestine Kommunikation pflegt. Es gibt nicht nur das dringende Bedürfnis, sich zu erklären, sondern auch den Wunsch, gehört und verstanden zu werden.

Mühsame Demokratie
Die Münchner Debatten zwischen Fans und Verein zeigen: Ein Dialog auf Augenhöhe ist selbst bei gutem Willen schwierig, nicht zuletzt weil sich mit dem Vorstand einer ausgegliederten Aktiengesellschaft und diversen Ultra-Gruppen gänzlich unterschiedliche Organisationsformen und Philosophien gegenüberstehen. Für den HSV-Fan Philipp Markhardt ein Grund, warum immer mehr Fans den Marsch durch die Vereinsstrukturen antreten. »Auch viele Ultras stellen inzwischen fest, dass sie mehr bewegen können, wenn sie sich im Verein engagieren.« Vorreiter ist hier der seit 1993 existierende »Supporters Club« des HSV mit inzwischen über 50.000 Mitgliedern und einem Sitz im Vorstand. Auch im Aufsichtsrat des Vereins ist der »Supporters Club« mit einem festen Delegierten vertreten, durch die hohe Mitgliederzahl hat er zudem ein großes Gewicht bei den Hauptversammlungswahlen. Im Jänner 2011 wurden vier der zwölf Aufsichtsratsmitglieder neu gewählt, drei der erfolgreichen Kandidaten hatten die Unterstützung der aktiven Fanszene. Wenig später votierte der neue Aufsichtsrat gegen eine Vertragsverlängerung mit dem längst umstrittenen Vorstandschef Bernd Hoffmann.


Neben diesem Sturm im Wasserglas des Vereins ist das Tagesgeschäft der Fanvertretung jedoch eher unspektakulär, wie Christian Bieberstein aus der ehrenamtlichen Abteilungsleitung des »Supporters Club« berichtet: »Wir kümmern uns um Fanklubs, machen Gremienarbeit und organisieren Auswärtsfahrten, aber natürlich geht es auch um vereins- und fanpolitische Themen.« Die vermeintliche Fanrevolution von unten dreht sich um Vereinsstatuten, Bauvorschriften für neue Stehplätze und Verhandlungen über Kartenpreise. Philipp Markhardt ist neben seinem Engagement für »ProFans« auch Mitglied beim HSV und kennt die Mühen der Demokratie: »Die Versammlungen sind oft nervig und langweilig. Aber nur wenn du dabei bist, kriegst du mit, was im Verein läuft. Die vereinspolitische Arbeit zahlt sich definitiv mehr aus als Busblockaden oder ein Platzsturm.«

Gespaltene Fanszenen
Eigentlich könnte das Engagement der Fans, wie Christian Bieberstein meint, auch für die Klubs nur von Vorteil sein: »Ist es nicht ein positives Signal, dass Fans und Mitglieder sich für die Marschrichtung ihres Vereins interessieren und einige Schritte einfach hinterfragen? Das ist doch ihr gutes Recht und sogar ihre Pflicht.« Dass die Art der Kritik nicht immer für alle den richtigen Ton trifft, ist dabei ein einkalkuliertes Risiko. Auch die Fanszenen selbst sind weit davon entfernt, in allem einer Meinung zu sein. In Hamburg formiert sich aus den Reihen der Anhänger Widerstand gegen den »Supporters Club«, auf Schalke waren auch »Pro Magath«-Plakate zu sehen, und in München geht die Fanszene nach den Protesten gegen Neuer gespalten in die neue Saison. Die Fans, die mit einer Stimme für alle sprechen, gibt es in kaum einer Kurve.


Umso bemerkenswerter, dass in Deutschland nach der gemeinsamen Demonstration für den »Erhalt der Fankultur« im Oktober 2010 mehrere vereinsübergreifende Initiativen gegründet wurden. Bereits einige Wochen zuvor wurde in Dortmund die Aktion »Kein Zwanni für nen Steher« gestartet, um gegen steigende Ticketpreise zu protestieren. Ausgangspunkt war der Boykott des hochpreisigen Derbys auf Schalke, die Kampagne war jedoch von Anfang an größer angelegt. Mittlerweile haben sich zahlreiche Gruppen angeschlossen und fordern »Fußball muss bezahlbar sein«. Ebenfalls vereinsübergreifend setzt sich seit Dezember 2010 nach österreichischem Vorbild eine Kampagne für die Legalisierung von Pyrotechnik ein, entwickelte ein Konzept zum kontrollierten Abbrennen und begann Gespräche mit Vereinen und Verbänden.


Die Proteste und Forderungen nach Mitbestimmung sind vom Selbstverständnis der aktiven Fankultur nicht zu trennen, die sich als unabdingbaren Teil des Fußballs sieht und daraus einen Anspruch auf Teilhabe ableitet, der allein mit dem Kauf einer Saisonkarte nicht abgegolten ist. »Diese Fans gehen zu jedem Spiel, fahren auswärts und zahlen vielleicht noch Mitgliedsbeiträge«, sagt Markhardt. »Natürlich haben sie den Anspruch, gehört zu werden. Ohne Fans wäre auch kein Logenbesucher da, denen wäre ja langweilig.«

Gemeinsame Kämpfe
So sehen die Fans aus der Kurve in den verschiedenen Aktivitäten der vergangenen Monate klare gemeinsame Nenner. »Es geht um nichts weniger als die Rolle der Fans im Fußball, und in dieser Frage sind wir an einem Scheideweg angelangt«, sagt Simon Müller von der »Schickeria«. »Hier wird entschieden, ob wir und damit meine ich alle, die für den Fußball eine Rolle spielen zu einem Umgang miteinander kommen, von dem alle profitieren.«


Die Antworten auf die Frage, was die Fans dabei von ihren Vereinen erwarten, fallen weniger radikal aus, als es die warnenden Worte Felix Magaths vermuten lassen. »ProFans«-Sprecher Markhardt: »Fans wollen nicht den Kader und die Mannschaftsaufstellung diktieren. Grundsätzlich geht es darum, dass man mit ihnen und den Vereinsmitgliedern in einen Dialog tritt und sie ernst nimmt.« Auch Christian Bieberstein vom »Supporters Club« will die »neue Macht« der Kurve nicht an Trainerentlassungen, Spielerkäufen und neuen Vorständen messen. Wichtiger ist ihm die vereinsübergreifende Vernetzung: »Initiativen wie Kein Zwanni oder die Pro-Pyro-Kampagne zeigen, dass Fans Rivalitäten ausblenden können, um für ein gemeinsames Ziel zu kämpfen.« So liegt die zunehmende Macht der Kurve möglicherweise weniger in den konkreten Inhalten als vielmehr im neuen gemeinsamen Kampf für alte Ziele. Biebersteins Rückblick auf die vergangene Saison wird dem besorgten Magath wohl wenig Hoffnung machen, dass der Drang nach Mitbestimmung wieder schwinden könnte: »Fans merken, dass man gemeinsam viel mehr erreichen kann. Und da sind wir gerade erst am Anfang der Entwicklung.«

ballesterer # 95

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