Kollektive Unschuld?

cache/images/article_1700_mixedturke_140.jpg Dorukhan Acar und Mete Ikiz sind Koautoren des 2009 vorgestellten Corporate Governance Guide für türkische Fußballklubs. Im ballesterer-Interview konkretisieren die Wirtschaftsexperten ihre Empfehlungen vor dem Hintergrund des aktuellen Manipulationsskandals.
Markus Wachter | 09.09.2011
Ein riesiger Skandal erfasst den türkischen Fußball, und der türkische Verband zieht  bisher keine Konsequenzen. Was läuft da falsch? Haben sich alle an manipulierte Spiele gewöhnt?

Mete IKIZ: Zunächst einmal möchte ich vorausschicken, dass es bisher lediglich Anklagen gibt und wir noch nicht wissen, was am Ende herauskommen wird. Aber offensichtlich ist irgendetwas passiert. Im türkischen Fußball war es lange Zeit üblich, sogenannte »Tesvik-Gelder« zu verteilen. Das heißt, ein Team motiviert ein anderes mit dem Versprechen eines Bonus, wenn es den direkten Gegner in der Meisterschaft besiegt. Das war allgemein bekannt, und es wurde nicht als unethisch betrachtet. 

Dorukhan ACAR: Und es war auch legal.

IKIZ: Im April dieses Jahres wurde aber ein Gesetz erlassen, wonach schon der Versuch, derartige Gelder anzubieten, strafbar ist. Doch jetzt geht es anscheinend auch um Bestechung, damit der Gegner ein Spiel verliert, und das ist die große Sache. Was »Tesvik« betrifft, denke ich, haben die Beteiligten wohl einfach das getan, was sie schon seit Jahren getan hatten. Zum Vorwurf der Bestechung kann ich noch nichts sagen.

 

Ist das also ein Problem der Mentalität, das mit den Strukturen nichts zu tun hat?

ACAR: Die Fußballindustrie hat sich in den letzten zehn Jahren dramatisch ausgeweitet. Vor zehn Jahren wurden in der Türkei noch 100 Millionen US-Dollar mit Fußball umgesetzt, heute geht es um eine Milliarde. Der Kuchen ist größer geworden, und jeder will eine fette Portion. Die Vereine sind aber nicht in der Lage, mit diesen Relationen umzugehen. 

IKIZ: Die Organisationsstrukturen haben sich auf diese Dimensionen nicht eingestellt. Es gibt kein Finanzmanagement, keine internen Kontrollen. Die meisten Vereine wären bankrott, würde man sie an normalen wirtschaftlichen Maßstäben messen. Ein Kernproblem ist also schlechtes Management. Dazu kommen sehr kurze Planungsperioden. Die Klubpräsidenten und das Management werden normalerweise auf drei Jahre gewählt, deshalb gewinnt oft der populistische Ansatz. Die Kandidaten versprechen sportliche Erfolge und transferieren teure Spieler. 

 

Warum kommen die Kontrollorgane ihren Aufgaben nicht nach?

ACAR: Die Generalversammlungen sind zu klein. Wir sprechen von einer Größenordnung von 7.000 Stimmberechtigten. Bei einer Wahl des Vorstandes und der Kontrollgremien kommen 2.000 bis 4.000 Mitglieder. Bei Sitzungen, in denen es um Finanzielles geht, tauchen vielleicht 400 bis 600 auf. Diese kleine Menge ist leicht zu beeinflussen. Und da spreche ich nur von den drei großen Istanbuler Klubs. Bei den anatolischen ist das noch viel dramatischer, da stimmen 50, vielleicht 100 Mitglieder ab. 

 

Wäre es  besser, wenn die Klubs Eigentümer statt Generalversammlungen hätten, wie es in anderen Ländern üblich ist?

IKIZ: Bei kleineren Klubs mit wenigen Mitgliedern halte ich das für sinnvoll, weil dann jemand seine eigenen Rechte verteidigt. Es gibt einen Trend in diese Richtung. Beispielsweise gehört der sehr traditionsreiche Klub Göztepe aus Izmir jetzt einer Familie von Geschäftsleuten. Sollte ­Göztepe erfolgreich sein, könnte es in diese Richtung weitergehen. Für die großen Istanbuler Klubs halte ich das aber für ausgeschlossen. Diese Vereine sind so breit im gesellschaftlichen Umfeld der Stadt verwurzelt, dass niemand akzeptieren würde, wenn sie plötzlich einer Person oder einer Familie gehören. 

ACAR: Ich könnte damit bei meinem Verein, Galatasaray, auch nicht leben. Denkbar wären aber Strukturen, wie sie viele deutsche Vereine haben. Es gibt dort einen Fanvertreter, einen Sponsorenvertreter Die Rechte jeder Gruppe werden so ­gewahrt.

IKIZ: Nehmen wir Barcelona: Der Klub wurde bis zum Jahr 2000 sehr schlecht geführt und war pleite. Dann hat eine Gruppe von stimmberechtigten Mitgliedern so etwas wie ein Schattenmanagement ­installiert. Sie haben einen langfristigen Plan erstellt und die Strukturen modernisiert. Und mit diesen Ideen sind sie vor die Mitglieder getreten. Niemand hat ihnen eine Chance gegeben, aber sie haben ihre Pläne an 100.000 Mitglieder geschickt und taktisch klug mit der Presse kommuniziert. Die großen drei aus Istanbul sollten in einer kleineren Dimension genau diesem Modell folgen.

 

Worin offenbart sich das kurzfristige Denken im türkischen Fußball?

ACAR: Als Erstes ist es notwendig zu erkennen, wo ein Verein steht. In der Türkei gibt es die großen vier (Fenerbahce, Galatasaray, Besiktas, Trabzonspor, Anm.), dann die Vereine aus großen, wirtschaftlich starken Städten in Anatolien und die Regionalklubs. Die kleineren sind Ausbildungsvereine und Begegnungsstätten für die Jugendlichen der Umgebung. Das größte Risiko geht ein Verein ein, wenn er behauptet, etwas zu sein, was er nicht ist. Wenn ein Klub, der um die nationale Meisterschaft spielt, die Champions League gewinnen will und Millionen für Transfers ausgibt, kann er mit viel Glück vielleicht eine Saison damit Erfolg haben. Aber das ist nicht nachhaltig, weil etwas Künstliches geschaffen wird. Das zweite Standbein der Nachhaltigkeit ist die Ausbildung der Nachwuchsspieler. In der Türkei leben 72 Millionen Menschen, in Deutschland gibt es drei Millionen Türken. Wie kommt es, dass mehr Spieler unserer aktuellen Nationalmannschaft in Deutschland ausgebildet wurden als in der Türkei? 

 

Die schlechte Jugendausbildung ist ja seit Jahrzehnten ein Thema. Der türkische Verband hat versucht, das mit ausländischen Trainern zu lösen. War das im Endeffekt nicht nachhaltig?

ACAR: Galatasaray hat sich 2009 Frank Rijkaard als Trainer geholt. Der hat seine U17- und U19-Trainer mitgebracht und ein System aufgebaut. Nach zwei Jahren ist der Vertrag gekündigt worden und damit auch das ganze Ausbildungssystem, das er mitgebracht hatte, zerstört worden. In vielen erfolgreichen Vereinen der Welt lernen Kinder zwischen fünf und 19 Jahren im gleichen System. Wenn der Trainer des A-Teams ausgetauscht wird, bleibt die Jugendausbildung bestehen, weil sie die Essenz, die Kultur des Vereins ist. Von den ausländischen Trainern in der Türkei werden Wunder erwartet. Es liegt aber in der Natur des Wunders, dass es selten passiert.

 

Gibt es in Bezug auf die derzeit laufenden Betrugsermittlungen Unterschiede zwischen den Fangruppen der beteiligten Klubs?

ACAR: Alle sagen: »Wir sind unschuldig!« Ein Fan könnte aber auch sagen: »Das sind Vereine mit einer über 100-jährigen Geschichte, und niemand hat das Recht, solche Schande über den Klub zu bringen.« Anstatt zu weinen und dem Vorstand zu applaudieren, sollten die Kontrollgremien Untersuchungen einleiten. Natürlich gilt die Unschuldsvermutung, aber das muss untersucht werden. Es ist die Aufgabe dieser Gremien, den Vorstand zu kontrollieren. Sie sitzen dort nicht als Fans.


Zu den Personen

Mete Ikiz (li.) ist Investmentbanker und Fondsmanager, aktives Vereinsmitglied von Galatasaray Istanbul und leitet den Betriebsprüfungsausschuss im Verein. Er arbeitet seit Jahren über wirtschaftliche Aspekte im Fußball und hält dazu auch Vorträge an Universitäten.

Dorukhan Acar war als Managementberater bei diversen Unternehmen in den USA und den Niederlanden tätig, ehe er in die Türkei zurückkehrte. Acar ist aktives Mitglied von Galatasaray.


Referenzen:

Heft: 65
Rubrik: Spielfeld
ballesterer # 82

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

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